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Interview mit Anja Rooch

Medienkompetenzkursleiterin des Deutschen Kinderschutzbundes Landesverband Bayern

Anja Rooch ist Sozialpädagogin und seit fast zehn Jahren bei der Ambulanten Erziehungshilfe des Kinderschutz e.V. im Münchner Stadtteil Milbertshofen tätig. In Zusammenarbeit mit dem Kinderschutzbund (KSB) führt sie „Starke Eltern – Starke Kinder“-Kurse durch und ließ sich Anfang des Jahres 2008 zur Leiterin von Medienkompetenzkursen ausbilden. Für Eltern einer Kinderkrippe bot sie einen der ersten Medienkompetenzkurse in Milbertshofen an.

Wie kam es zu Ihrem ersten Medienkompetenzkurs?

Als der Kinderschutzbund anfing, Medienkompetenzkurse anzubieten, wurden spezielle Informationen zu diesem Angebot herausgegeben. Hier in Milbertshofen meldete sich eine Kinderkrippe, die sich interessiert zeigte. Der Kinderschutzbund wandte sich daraufhin an uns, da ich nach meiner Ausbildung zur Kursleiterin von „Starke Eltern – Starke Kinder“ auch den Aufbaulehrgang zur Medienkompetenzleiterin absolviert hatte. Und so kam ich zu meinem ersten Kurs.

In den Medienkompetenzkursen sollen Eltern lernen, wie sie ihre Kinder im Umgang mit neuen Medien begleiten können. Wie akut ist das Thema für Eltern von Kindern im Krippenalter?

Die Kurse sind recht breit angelegt, aber stärker auf Jugendliche als auf sehr kleine Kinder ausgerichtet. Prinzipiell sollen die vier Themen: „Fernsehen, Internet, Computer und Handy“ gleichwertig vorkommen. Wir haben das anders gemacht, da wir ja wussten, dass an unserem Kurs Eltern von Krippenkindern teilnehmen. Es ging uns um die Altersgruppe bis drei Jahren und – da es auch Geschwisterkinder gab – bis sechs Jahren. Das Interesse der Eltern konzentrierte sich auf das Fernsehen, weshalb wir dieses Thema intensiver behandelten als die anderen drei. Bemerkenswert war, dass es wirklich schon in diesem Alter losgeht und Eltern anfangen, sich Gedanken zu machen, welche Medien in welchem Umfang für ihre Kinder gut sind und welche nicht.

Ist es sinnvoll, die Medienkompetenzkurse besonders für Eltern von Kindern im Krippen- oder Kindergartenalter anzubieten?

Es ist sicher sinnvoll, Eltern so früh wie möglich für das Thema zu sensibilisieren. Denn oftmals ist es ja so, dass Eltern erst dann aufschrecken, wenn ihre Kinder 13, 14, 15 oder 16 Jahre sind und nur noch vor dem Fernseher oder Computer sitzen. Dann ist es oftmals schon zu spät. Man kann zwar noch reagieren, aber es wird immer schwieriger. Ich denke, dass vor allem Eltern von Kindergarten oder Grundschulkindern gute Ansprechpartner sind, um sie für das Thema frühzeitig zu sensibilisieren. Dann haben die Eltern Zeit, sich damit auseinander zu setzen und rechtzeitig darüber nachzudenken, was sie für ihr Kind wollen, was gut und was kritisch ist.

Wie haben Sie sich in Ihrem Kurs dem Thema „Medienkompetenz“ genähert?

Der Kurs setzt bei den Eltern an. Es ging uns viel um eigene Reflexion. Wie bin ich selbst mit Medien aufgewachsen? Was hat sich seit meiner Kindheit verändert? Die Eltern sollten sich erst einmal Gedanken machen, was für Erfahrungen sie haben, wie sie zu Medien stehen und wie sie sie benutzen. Dann ging es um die Fragen, wie ich mein Kind fördern kann, wann ich ihm den Zugang zu Medien ermöglichen soll, damit es den Umgang lernt. Für Eltern von kleinen Kindern war das Fernsehen das wichtigste Thema und so ging es etwa darum, was Kinder mit drei Jahren schon verarbeiten können und auf was Eltern achten müssen. Es wurde das Thema „DVD“ angesprochen, um hier bewusst auswählen zu können, dann ebenso auch mediale Spiele, Kindercomputer und das Internet.

Wie war das Profil in Ihrer Gruppe? Kamen die Teilnehmer eher aus bildungsnahen Schichten, die sich mit dem Thema „Medienkompetenz“ schon auseinandergesetzt hatten, oder waren es Eltern, die sich in Ihrem Kurs tatsächlich das erste Mal Gedanken dazu gemacht haben?

Es waren interessierte Eltern. Dass der Kurs zu Stande kam, ging vom Elternbeirat der Einrichtung aus. Das heißt: Die Eltern haben von sich aus gesagt, dass sie hier Informationen haben möchten. Trotzdem hat man gemerkt, dass sie sich mit ihrem eigenen Medienkonsum wenig auseinandergesetzt haben. Klar haben sie den Anspruch, dass sie ihr Kind so gut wie möglich an die Medien heranführen wollen, dass sie ihrem Kind die Möglichkeiten, die es gibt, gerne eröffnen und dabei auch kritisch sein wollen. Aber was das für die eigene Auseinandersetzung mit Medien heißt, das ist wirklich erst im Kurs klar geworden.

Sie meinen, dass im Grunde genommen alles an einer Vorbildfunktion hängt, dass die Eltern den kritischen Umgang in allem vorleben müssen, damit ihre Kinder diesen erlernen?

Das ist wie mit anderen Erziehungsfragen auch. Die Vorbildfunktion ist wichtig. Klar hatten sich einige Eltern schon vorher damit beschäftigt, aber in der Gruppe, im Austausch mit anderen Eltern, kamen neue Aspekte hinzu.

Im Kurs ging es in erster Linie darum, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen. Wurde auch mit Medien gearbeitet, so dass Eltern lernen, wie zum Beispiel ein iPod funktioniert, um später ihr Kind unterstützen zu können, wenn es damit konfrontiert wird?

Wir haben uns anfangs auf die eigene Reflexion konzentriert und uns mit Fragen auseinandergesetzt wie: Welche Medienerziehung hatte ich als Kind? Was fand ich wichtig und reizvoll? Dann haben wir uns die Frage gestellt, welche Medien Eltern kennen, welche sie selbst nutzen und welche sie nicht so interessieren. Konkret mit Computer oder iPod haben wir nicht gearbeitet, da wir nicht die Möglichkeiten hatten und das auch den Rahmen gesprengt hätte. Wir haben gemerkt, dass die Eltern viel Informationsbedarf hatten. Gerne hätten sie von uns gehört, wie es „richtig“ geht, wie lange und wann ein Kind Fernsehen darf und ab welchem Alter. Aber dafür gibt es keine rezeptmäßigen Antworten. Wir haben versucht, uns dem Thema über eigenes Erleben zu nähern und den Austausch unter den Eltern anzuregen.

Ihre Aufgabe als Kursleiterin war die Moderation der Gespräche innerhalb des Kurses?

Zum einen die Moderation, zum anderen war es aber auch meine Rolle, die Teilnehmer auf bestimmte Fragen aufmerksam zu machen. Es ging eben nicht darum, zu zeigen, wie es „richtig“ geht, sondern darum, den gegenseitigen Austausch anzuregen und neue Informationen zu bekommen.

Wie sieht die Ausbildung zur Leiterin von Medienkompetenzkursen aus?

Während der Ausbildung konnte viel ausprobiert, aber auch diskutiert werden. Einerseits haben wir uns im Umgang mit Computer und Internet weitergebildet und viele neue Informationen bekommen. Andererseits fand ein Meinungsaustausch statt, der durch die bunte Mischung der Teilnehmer in meiner Gruppe sehr rege war. Man lernte verschiedene Ansichten kennen und wurde darauf aufmerksam gemacht, dass es keine „richtige“ Haltung gibt. Für die Kurse bedeutet das, dass wir zwar fundierte Kenntnisse mitbringen, aber nicht den Anspruch an uns stellen können, alles zu wissen und dann das „Rezept“ für einen „richtigen“ Umgang mit Medien vermitteln zu können. Es geht darum, sich mit dem Thema auseinander zu setzen und zu schauen, wo man Informationen zu entsprechenden Fragen her bekommt. Und das war dann auch das, was bei den Eltern gut ankam, dass wir ihnen Wege aufgezeigt haben, wie sie Informationen bekommen können, auf welchen Websites sie nachschauen können. Auf den klicksafe.de- und Kinderschutz-Seiten bekommt man gezielt aktuelle Informationen.

Wie umfangreich ist die Ausbildung? Wie lange dauert sie?

Die Ausbildung zur Medienkompetenzleiterin dauert vier Tage, also zwei Wochenenden. Sie war nicht so umfangreich, weil sie als Grundstein auf den Kurs „Starke Eltern – Starke Kinder“ aufbaut. Methodisch wird bei beiden Kursen ähnlich gearbeitet, so dass dieser Bereich nahezu abgedeckt ist. Es ging lediglich um das zusätzliche Modul „Medien“, in dem eine spezielle Auseinandersetzung mit den Medien stattfindet und Methoden nur insofern vermittelt werden, als sie speziell für dieses Thema relevant sind. Des Weiteren haben wir uns während der Ausbildung mit aktuellen Studien zum Medienkonsum beschäftigt. So wurden wir auf die Kursleitung vorbereitet.

Was erwartet Interessenten, wenn sie die Ausbildung zur Medienkompetenzleiterin machen wollen? Müssen sie das Modul „Starke Eltern – Starke Kinder“ auf jeden Fall belegen, oder können sie auch nur die Ausbildung für die Medienkompetenzkurse absolvieren?

Meines Wissens muss man die Grundausbildung als Trainer für „Starke Eltern – Starke Kinder“ vorweisen können.

Und wie umfangreich ist diese Ausbildung?

Sie ist um einiges umfangreicher. Wie lange die Ausbildung dauert, kann ich leider nicht mehr sagen. Bei mir ist das schon einige Zeit her.

Wir wollen nochmals auf die Inhalte des Kurses zurückkommen. Haben Sie dort auch technische Dinge gelehrt? Man kann ja den Computer mit speziellen Sicherungen versehen, so dass Kinder nicht zu allem Zugang haben. Wird so etwas auch vermittelt, oder bekommen Eltern lediglich Anleitungen, wie sie Informationen dazu finden können?

Es geht mehr um die Anleitungen. Wenn wir den Eltern auch noch solche technischen Dinge vermitteln wollten, würde das unsere Kompetenzen übersteigen. Was wir machen können, ist, die Eltern darauf hinzuweisen, was es für spezielle Programme gibt, was Vor- und Nachteile sind, aber auch nur in dem Rahmen, wie sie jeder selbst im Internet finden kann. Es geht darum, ihnen Hinweise zu geben, wo sie sich diese Informationen holen können und was davon gut oder schlecht ist. Wir wollen den Austausch anregen, so dass Eltern, die damit Erfahrungen haben, anderen Tipps geben können. Wir hatten einen Vater als Teilnehmer, der sich mit den technischen Möglichkeiten des Computers unglaublich gut auskannte. Und ein anderer war Jurist und konnte viel zu den juristischen Problemen sagen. So haben letztlich die Eltern voneinander profitieren können und das ist das Ziel des Kurses.

Hätten Sie spontan eine Idee, wie man weitere Zielgruppen erreichen kann, wie man auch Menschen auf die Kurse aufmerksam machen kann, die sich weniger Gedanken über die Medienerziehung ihrer Kinder machen?

Das ist ein wichtiges Thema unserer Einrichtung, denn Milbertshofen ist ein Stadtteil, in dem viele Migranten leben. Bei der Ambulanten Erziehungshilfe bemühen wir uns um Familien, in denen die Reflexion nicht da ist. Der Grundansatz, weshalb wir die Ausbildung gemacht haben, war, zu schauen, wie wir die Eltern erreichen können, die nicht so interessiert sind. Aber das ist recht schwierig. Trotzdem bleiben wir dran und überlegen uns ganz aktuell, wie man Kurse für Eltern anbieten kann, für die es sprachlich nicht ganz einfach ist, weil sie die deutsche Sprache nicht so gut beherrschen oder auch nur, weil sie sich keine Informationen holen. Über den direkten Weg ist das kaum möglich. Wenn man einen Kurs zur Medienkompetenz anbietet, erreicht man sie nicht. Aber wir versuchen es immer wieder. Ende letzten Jahres haben wir begonnen, eine Kombination aus einem Kreativworkshop für Kinder und einem Elterncafé anzubieten, um einen Rahmen zu schaffen, in dem die Eltern zwanglos zusammenkommen und sich auch über solche Themen unterhalten. Aber das ist ein langer Weg.

Wäre es sinnvoll, Medienkompetenzkurse in türkischer Sprache anzubieten, damit die Sprachbarriere abgebaut wird und man auf diesem Wege auf das Thema aufmerksam machen und die Menschen erreichen kann?

Das wäre auf jeden Fall sinnvoll. Die „Starke Eltern – Starke Kinder“-Kurse werden in München in verschiedenen Sprachen wie türkisch und russisch angeboten. Die Erfahrungen sind offenbar sehr gut. Ich kann mir vorstellen, dass das auch für die Medienkompetenzkurse Erfolg versprechend wäre, denn das Thema hat auch eine kulturelle Komponente. Ich erlebe das oft, wenn ich in türkischen Familien bin. Da hat der Fernseher eine ganz andere Bedeutung, der läuft da einfach im Hintergrund. Der Fernseher ist quasi ein Angebot an den Gast, sich zu informieren. Es ist wichtig, das zu sehen und in die Arbeit mit einzubinden. Für uns hat die „Berieselung“ dagegen eher etwas Negatives, weil wir sagen, wir wollen uns auf den Gast und das Gespräch konzentrieren. Man muss das als Unterschied wahrnehmen und Kurse auf verschiedene Gruppen abstimmen. Die Kurse müssen von Menschen geleitet werden, die diesen Hintergrund haben und die Thematik glaubwürdig rüberbringen können.

Wie wollen Sie Menschen ermutigen oder dafür begeistern Medienkompetenzleiter zu werden?

Ich fand die Kurse sehr interessant, um mit den Eltern in Kontakt zu kommen. Uns hat es sehr viel Spaß gemacht, weil die Eltern für dieses Thema viel Interesse zeigen und auch viele Rückmeldungen gegeben haben. Es gab ehrliche Rückmeldungen und konstruktive Kritik. Und was die Ausbildung angeht, fand ich sie sehr bereichernd. Ich bin jemand, der mit Medien sehr offen umgeht, aber in der Ausbildung lernt man doch noch viel Neues dazu. Und vor allem lernt man einen neuen Blickwinkel, der die Kinder in den Mittelpunkt stellt. Man beschäftigt sich damit, was für Kinder wichtig ist, auch wenn es nicht das eigene Thema ist, so dass man Kinder in ihren Interessen fördern kann und auf ihre Bedürfnisse reagiert. Man kann nach der Ausbildung Kurse geben, lernt aber auch viel für sich dazu.

Was war Ihre Motivation, die Ausbildung zu absolvieren?

Meine Motivation war, dass ich bei meiner Arbeit in der Ambulanten Erziehungshilfe gemerkt habe, wie wichtig das Thema „Medien“ in den Familien ist. Ich hatte das Bedürfnis, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich mehr damit zu beschäftigen, Informationen und Handwerkszeug zu erhalten. Wir haben auch in unserem Team davon profitiert, da wir immer mal wieder damit konfrontiert wurden, dass Eltern Hilfe wollten, nachdem ihre Kinder irgendetwas im Internet bestellt hatten und dann Rechnungen kamen.


 
 Das Interview führten Birgit Himmelseher und Julia Macke.