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Das Modellprojekt DAIDALOS – Ein Interview mit Agnes Streber

Frau Streber, wie kamen Sie als Ernährungsspezialistin auf die Idee zu dem Projekt DAIDALOS?

Agnes Streber: Ich habe vor zehn Jahren das Ernährungsinstitut KinderLeicht gegründet. Seither arbeiten wir mit übergewichtigen Kindern und Jugendlichen zusammen und mit vielen Netzwerkpartnern, unter anderem mit der Gesundheitsberatungsstelle im Hasenbergl. Isabelle von Blomberg, die Kinderärztin dort, hat immer wieder übergewichtige Kinder in unsere KinderLeicht-Kurse geschickt. Leider fanden diese Kinder meist nicht den Weg in unser Ernährungsinstitut: Es liegt mitten in der Stadt, und da ist sozusagen die Distanz viel zu groß. Für uns war schnell klar: Wir werden ein KinderLeicht-Projekt im Hasenbergl konzipieren. Die Ausschreibung des Bundesgesundheitsministeriums, bessere Lebensstile und Lebenswelten zu gestalten, schien uns dafür sehr geeignet. Es war uns schnell klar, dass die Bernays-Hauptschule der richtige Ort für unser Projekt sein wird, weil sich da die verschiedenen Probleme bündeln: Übergewicht, mangelhafte Ernährung und Bewegung, kaum Stressverarbeitung und ein hohes Aggressionspotential. Deshalb haben wir uns für das Projekt DAIDALOS beworben und den Wettbewerb für die Aufbau- und nun für die zweijährige Durchführungsphase gewonnen.

Wann begann die Arbeit am Projekt DAIDALOS?

Agnes Streber: Vor einem halben Jahr haben wir mit Netzwerkpartnern, die schon vor Ort tätig sind, das Projekt DAIDALOS konzipiert. Wir haben analysiert, was die Schüler und Lehrer dort brauchen, damit der Schulalltag insgesamt leichter wird. Unser Ziel ist es, das Miteinander zu fördern und den Kindern ein Gespür für gesundes Leben und mehr Lebenskompetenz zu vermitteln. Im März dieses Jahres haben wir als Einzige in Bayern den Zuschlag für die bundesweite Durchführungsphase erhalten. Wir freuen uns sehr, dass dieses Modellprojekt genau dort ansetzt, wo die Kinder es wirklich brauchen, nämlich an der Schule. Wir schaffen gezielt Angebote und geben den Kindern die Möglichkeit zur Mitgestaltung.

Welche Angebote hat DAIDALOS, um Kinder aufzuklären und gesund zu ernähren? Wie werden die Kinder motiviert?

Agnes Streber: Wir haben eine Analyse gemacht: Was brauchen die Kinder, was braucht die Schule, was brauchen die Lehrer? Zum Beispiel die Schulverpflegung: Ganz viele Kinder kommen ohne Frühstück in der Schule an. Wir haben im Herbst 2008 in einer Testphase begonnen, den Kindern ein Frühstück anzubieten. Es gibt mittlerweile eine Auswahl an Brot, Marmelade, Müsli, Butter, Obst und Tee. Viele Kinder kennen das gar nicht, dass überhaupt jemand da ist und ein Frühstück vorbereitet. Sie freuen sich über das gemeinsame Essen. Und die Lehrer sehen erste Erfolge: Die Kinder kommen morgens ganz anders ins Klassenzimmer, da herrscht eine gute Stimmung. Die Schüler sollen aber auch selbst aktiv werden, das heißt, wir werden einen mobilen Kochpavillon als Schülerfirma gründen. So werden die Kinder auch lernen, für andere Schüler zu kochen und Verantwortung zu übernehmen.

Es ist ja auch schon ein Kochbuch entstanden.

Agnes Streber: Genau. Die Schule selbst, das ganze Team ist sehr innovativ und aktiv. Die Kinder haben ein internationales Kochbuch zusammengestellt, und bei bestimmten Anlässen wird immer wieder daraus gekocht. Die Schule hat auch noch andere Projekte umgesetzt. Es gibt bereits eine Gastrofirma, und es könnte sein, dass sie sich zu dem geplanten mobilen Kochpavillon-Team weiterentwickeln wird.

Welche weiteren Schwerpunkte setzt DAIDALOS?

Agnes Streber: Im Bewegungsbereich haben wir eine sehr umfangreiche Datenerhebung gemacht und analysiert, welche Kinder mehr Bewegung brauchen. Diese Kinder werden eingeladen, zusätzlich in den Fördersportunterricht zu gehen und so Defizite auszugleichen. Auch die Lehrer werden im Bereich Bewegter Unterricht geschult, um in den gesamten Schulalltag mehr Bewegung einzubauen. Um Aggressionsverhalten abzubauen, werden die Lebenskompetenzen der Kinder gestärkt. Das Schulkonzept basiert auf Respekt, Verantwortung und Zuverlässigkeit nach dem Motto: „Miteinander statt Gegeneinander“.

Wie wollen Sie die Eltern erreichen?

Agnes Streber: Wie transportiert man das, was wir der Schule anbieten, tatsächlich ins Elternhaus? Da haben wir verschiedene Ideen. Eine ist unser mobiler Kochpavillon: Da können die Schüler auch mal für Eltern kochen. Wir bilden Eltern zu Ernährungsexperten aus, die andere Mütter und Väter in ihrem Umkreis schulen. Wir werden zum Beispiel türkische Vollwert-Kochkurse, verbunden mit Einkaufstrainings, durchführen. Also viele Angebote rund um den Bereich „Gesunde Ernährung“. Parallel dazu haben die Kinder einen Ernährungsparcours in der Schule. Das heißt, die Schüler lernen in der Schule, und zugleich können die Eltern in eigenen Kursen lernen, so dass Kinder und Eltern eine gemeinsame Wissensbasis bekommen und gemeinsame Veränderungsimpulse entstehen.

Die Verbindung zwischen gesunder Ernährung und individueller Esskultur ist machbar?

Agnes Streber: Die Wertschätzung der eigenen Esskultur ist sehr wichtig. Und sich zu fragen: Wie kann man die eigene Esskultur gesund und genussreich gestalten? Die türkische Esskultur setzt sehr stark auf Obst und Gemüse, viel mehr als unsere Küche. Und dennoch werden sehr viele Fertigprodukte verwendet, da die Eltern sich nicht fragen: Wie kann ich es selber machen? Dafür fehlen oft die Kochkenntnisse, oder sie müssen wieder aktiviert werden. Dann haben wir natürlich auch Freizeitangebote, wo die Eltern mit ihren Kindern zusammen etwas erleben können. Dass sich die Kinder zum Beispiel überlegen: Mensch, wie gestalte ich denn mein Wochenende? Wie wäre es, wenn wir ein Picknick im Park machten und uns dabei auch bewegen?

Der Anteil Alleinerziehender unter den Eltern der Kinder an der Bernays-Hauptschule ist sehr hoch. Ist das eine große Belastung?

Agnes Streber: Gerade deshalb ist es uns ein Anliegen, dass die Kinder auch Angebote für die Wochenenden oder die Ferien bekommen, denn da entsteht oft ein Leerlauf. Wir stellen zusammen mit der Hochschule München Erlebnispädagogen, die mit den Kindern und Jugendlichen Ideen entwickeln: Wie gestalte ich meine Freizeit? Und zusammen Neues entdecken und sagen: Radfahren macht mir Spaß oder Klettern oder ein Ballspiel.

Stimmt es, dass gesunde Ernährung in der Regel teurer ist, dass man sich mit Fast Food oder Fertiggerichten billiger ernährt?

Agnes Streber: Das ist ein Aspekt unter mehreren, wenn es um gesundes Essen geht. Ja es stimmt: Wenn man frische Sachen kauft, ist das teurer. Frische Erbsen etwa sind im Verhältnis teurer als Dosenerbsen. Trotzdem, wenn ich meinen Speiseplan verändere, muss das nicht teuer sein. Im Gegenteil: Selbst gemachtes Essen kann sogar günstiger sein als Fertigprodukte. Die Fertigpizza zum Beispiel ist im Verhältnis teurer als eine selbst gebackene. Es braucht aber einige Kenntnisse, wie man das auch flott machen kann. Viele Eltern sind ja berufstätig, kommen am Abend heim, und es muss irgendetwas schnell auf den Tisch, aber es soll trotzdem gesund sein. Ein weiterer Punkt ist sicherlich auch, ob ich etwas kaufe, das jetzt bei uns wächst, regionale und saisonale Produkte also. Wenn ich im April schon Erdbeeren kaufe, sind die einfach teurer als sechs, sieben Wochen später. Es ist durchaus möglich, sich auch mit einem geringen Budget relativ gesund zu ernähren.

Reicht denn auch das Budget einer Hartz IV-Familie dafür aus?

Agnes Streber: Man muss offen sagen, dass ein Hartz IV-Empfänger sich und seine Kinder kaum noch gesund ernähren kann, dafür ist das Budget zu niedrig. Nach den derzeitigen Hartz IV-Regelsätzen können Kinder unter sechs Jahren täglich für 2,59 Euro essen, für die Sechs- bis 13-Jährigen sind 3,02 Euro pro Tag eingeplant, Jugendliche zwischen 14 und 24 bekommen 3,45 Euro. Das ist eindeutig zu wenig, denn ein Schulmittagessen kostet häufig schon 3,50 Euro. Deswegen ist es uns bei der Schulverpflegung so wichtig, dass die Kinder, unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten, ein hochwertiges Frühstück und Mittagessen bekommen. Das ist einfach die Basis für eine gesunde Entwicklung.

Welchen Kostenbeitrag müssen die Familien da leisten?

Agnes Streber: Für das Frühstück zahlen die Familien jetzt 50 Cents. Für die, die sich das nicht leisten können, haben wir Unterstützung und suchen noch weitere Sponsoren. Das Mittagessen wird wahrscheinlich 1 Euro bis 1,50 Euro kosten. Wir wollen die Kosten auf alle Fälle so gestalten, dass es für jedes Kind möglich wird, an der Schulverpflegung teilzunehmen, dass jedes Kind zum Mittagessen gehen kann. Und zwar in einem wohlwollenden Rahmen und ohne dass es erst darum bitten muss.

Das Projekt DAIDALOS ist auf zwei Jahre begrenzt. Wie wollen Sie die Nachhaltigkeit gewährleisten?

Agnes Streber: Es ist uns sehr wichtig, dass ein Teil der Module des Projektes DAIDALOS wirklich weiter laufen kann. Der Sport ist einer der zentralen Bereiche. Bewegter Unterricht zum Beispiel: Wir bilden die Lehrer dafür aus. Das ist ein Baustein, der hat schon die Nachhaltigkeit in sich: Wenn die Lehrer das lernen und umsetzen, dann werden alle Kinder davon profitieren.
 Darüber hinaus haben wir Module, deren Finanzkonzept im Rahmen einer Stiftung nach Projektende zum größten Teil übernommen werden kann. Wir hoffen, dass wir durch die Evaluierung die Wirkung unserer vielfältigen Interventionen nachweisen können. Es muss selbstverständlich sein, dass die Kosten der Schulverpflegung übernommen werden. Es muss für jedes Kind möglich sein, sich jeden Tag gesund zu ernähren und ausreichend Sport zu treiben. Das ist eine unserer politischen Forderungen.
 

Gesund und fit – die Module werden ja auch nach Ende des DAIDALOS-Projekts Kosten verursachen. Wie werden die Aktionen langfristig finanziell abgesichert?

Agnes Streber: Das hat Auswirkungen auf die unterschiedlichsten Bereiche. Wir suchen Sponsoren und hoffen natürlich, dass sie es auch bleiben. Oder die Finanzierung wird von öffentlichen Stellen übernommen - das ist die große Forderung. Dann natürlich die Schülerfirma, die so eingerichtet wird, dass sie von einer Klasse an die nächste weitergegeben werden kann. Das ist kein einmaliges Projekt, es wird dauerhaft integriert.
 Bei den erlebnispädagogischen Angeboten muss man natürlich schauen, ob sie auch von anderen Institutionen angeboten werden können, damit sie weiter getragen werden. Was weiter relativ kostengünstig laufen kann, ist die Vorstellung von Sportarten durch verschiedene Vereine. Die Kinder lernen so eine Menge Sportarten kennen und können in die entsprechenden Vereine eintreten. Das wird auch ein Modul mit relativ großer Wirkung sein.
 

Welche Rolle spielen die Projektpartner bei DAIDALOS?

Agnes Streber: Das Projekt DAIDALOS besteht sozusagen aus den zwölf Kooperationspartnern. Ich leite das Projekt, aber letztendlich wird es durch alle Projektpartner gestaltet. Sie haben jahrelange professionelle Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen in diesem Bereich, und sie bringen ihr Know-how mit in das Projekt DAIDALOS ein. Die verschiedenen Konzepte werden dadurch zielgruppenspezifisch umgesetzt und auch weiterentwickelt. Es ist wirklich ein gemeinsames Projekt aller Kooperationspartner.

Von Anja Köppe