Digitale Pressemappe

Home Pressekontakt Impressum
Einladung Hintergrund Referenten Interviews Fotos Pressespiegel

Interview mit Annemarie Rufer

Vorsitzende des Vorstands pro familia Landesverband Bayern

1. Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere am sexualpädagogischen Ansatz von pro familia?

Das Leitbild der Sexualpädagogik von pro familia basiert auf Respekt, Gleichberechtigung, Toleranz und Fürsorglichkeit. pro familia verfolgt einen emanzipatorischen Ansatz von Sexualpädagogik, der sexualfreundlich ist und selbstbestimmte Sexualität des Menschen fördert. Selbstbestimmte Sexualität in diesem Sinne bedeutet, den Wert eigener Erfahrungen zu respektieren und zu einer selbstverantwortlichen Haltung zu ermutigen.
 Unser Konzept von Sexualpädagogik fördert Eigenschaften und Kompetenzen, die zur sexuellen Zufriedenheit beitragen, wie Selbstbewusstsein, Kontaktfähigkeit, Verantwortlichkeit, Angstbewältigung sowie die Fähigkeit zu Widerspruch und ggf. Abgrenzung gegenüber Wünschen und Forderungen anderer.
 Unterschiedlichkeit wird nicht ausgeblendet, sondern wahrgenommen und geachtet. Daher werden unterschiedliche Werte und Normen zu Sexualität und Partnerschaft thematisiert und ihre Integration im Sinne einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft gefördert. Das bedeutet auch, dass kulturell geprägte Aspekte von Sexualität, Geschlechterrolle und der Geschlechterbeziehung einbezogen und thematisiert werden.
 Außerdem zeichnet sich Sexualpädagogik bei pro familia dadurch aus, dass die Angebote in der Regel geschlechtsspezifisch aufgebaut sind.
 

2. Eine gleichberechtigte Gesellschaft ohne Ängste und Zwang: Wie kann sie erreicht werden?

Jungen und Mädchen zu einem verantwortungsvollen und gleichberechtigten Umgang von Beziehung und Sexualität anzuleiten, ist ein wichtiger Beitrag zu einer Gesellschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kinder und Jugendliche stark zu machen. Es gibt Kindern Selbstvertrauen, wenn sie entsprechend ihres Alters darin unterstützt werden, sexuelle Neugierde und Gefühle zu äußern. Nicht alle Kinder haben hierzu den Rückhalt aus dem Elternhaus. Deshalb ist es wichtig, dass sie in der Schule oder im Jugendclub auf Menschen treffen, die ihre Fragen beantworten und mit ihnen in den Austausch über körperliche Veränderungen oder erstes Verliebtsein treten. Wenn sie erfahren, hier ernst genommen zu sein, tun sie sich leichter, Sexualität integriert und ohne Ängste und Schuldgefühle zu erleben. Daher ist Sexualpädagogik im Sinne der pro familia ein ganz wesentlicher Teil der Persönlichkeitsbildung.
 Es liegt im Übrigen auf der Hand, dass junge Menschen, die gelernt haben, sich über ihre Wünsche klar zu werden, über Gefühle zu sprechen sowie die eigene Grenzen zu spüren und aufzuzeigen, nicht nur eine größere Chance auf eine erfüllte, gleichberechtigte und selbstbestimmte Partnerschaft haben, sondern auch selbstbewusst und angstfrei im Umgang mit sich und im Umgang mit ihren Mitmenschen agieren werden. Zudem trägt diese Herangehensweise in hohem Maße zur Prävention sexualisierter Gewalt bei.
 Wichtig scheint mir hier auch zu erwähnen, dass die sexualpädagogische Arbeit von pro familia auch migrationsspezifische Aspekte aufgreift. Denn es kommen hier Normen und Werte zum Tragen, die die Grundfeste unserer demokratischen Gesellschaft ausmachen, wie die Menschenwürde, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit.
 

3. Was ist Ihr Wunsch für die zukünftige Arbeit von pro familia?

Wir sind eine der führenden Organisation für Sexualpädagogik und Schwangerschafts-, Sexual- und Partnerschaftsberatung in Bayern. Jährlich nehmen mehr als 32.000 Frauen und Männer unsere Dienste in Anspruch. Zu unseren Klientinnen und Klienten gehören Menschen aus allen Altersgruppen, gesellschaftlichen Schichten und unterschiedlicher kultureller Herkunft. Wer uns fördert, unterstützt einen Verband, der sowohl mit seinem Dienstleistungsangebot als auch seiner gesellschaftspolitischen Haltung einen aktiven Beitrag zur Bearbeitung wichtiger gesellschaftlicher Probleme in Bayern leistet. Wir präsentieren uns als eine wichtige förderungswürdige und unterstützenswerte Institution mit einem qualitativ hochwertigen Angebot.
 In Zukunft werden wir den menschenrechtsbasierten Ansatz und Auftrag unserer Arbeit verstärkt herausstreichen. Denn aus den Menschenrechten der freien Entfaltung der Persönlichkeit und der Menschenwürde folgen auch Rechte für das Gebiet sexueller und reproduktiver Gesundheit, insbesondere folgende Rechte und Ansprüche:
 
 

  • Das Recht, über die Zahl seiner Kinder, sowie den Zeitpunkt ihrer Geburt frei und verantwortlich zu entscheiden
     
  • Das Recht, seine sexuelle Orientierung und seine sexuellen Beziehungen frei zu wählen und sein Leben entsprechend einzurichten, soweit nicht andere dadurch in ihren grundlegenden Persönlichkeitsrechten verletzt werden
     
  • Der Anspruch auf Schutz vor sexueller Diskriminierung und Gewalt
     
  • Der Anspruch auf freien und ungehinderten Zugang zu Informationen über und freie Wahl zwischen verschiedenen Mitteln der Verhütung, die der Vielzahl möglicher Lebensweisen entsprechen.
     

Außerdem gilt es, den 2007 im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts bestätigten Zugang zum pluralen Beratungsangebot weiter auszubauen. Hier hatte das oberste deutsche Verwaltungsgericht den Versuch des bayerischen Sozialministeriums unterbunden, den Ausbau von Beratungsstellen von pro familia in Bayern einzuschränken. Das Gericht legte fest, dass das im Schwangerenkonfliktgesetz garantierte plurale Beratungsangebot nur dann gewährleistet ist, wenn vor Ort neben den Gesundheitsämtern und kirchlichen Trägern auch ein unabhängiger Träger Schwangerschafts(konflikt)beratungen anbietet.
 Und schließlich wollen wir die insbesondere bei den 14-bis 19- Jährigen stark nachgefragte Onlineberatung ausbauen. Diese Altersgruppe bedient sich immer mehr dieser Form der Beratung, entspricht dies doch der gängigen Kommunikationsform ihres von den neuen Medien geprägten Alltags.
 In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass wir innerhalb des Bundesverband unsere führende Rolle bei Angeboten an der Schnittstelle Sexualität und neue Medien ausbauen. Hier hat der Landesverband in den vergangenen Jahren vielfältige Kompetenz und Expertise gesammelt.