Digitale Pressemappe der Deutschen Stalking-Opferhilfe (DSOH) e.V.

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Interview mit Erika Schindecker

Vorsitzende des Vorstands Deutsche Stalking-Opferhilfe (DSOH) e.V.

Was hat sich seit der Einführung des Nachstellungsgesetzes (§ 238 StGB) vor drei Jahren für Stalking-Opfer verändert?
 
 In Deutschland gibt es nunmehr Hotlines bei der Polizei, an die sich Opfer wenden können. Manche Polizeiinspektionen haben Fachkommissariate gebildet oder Opferschutz-Beauftragte benannt, die auch im Hinblick auf Stalking und häusliche Gewalt geschult werden. Ein großes Problem ist das Tatbestandsmerkmal der „schwerwiegenden Beeinträchtigung“: Da muss schon einiges an Unbilden und persönlichen Leiden des Opfers zusammen kommen, bis die Ermittlungsbehörden die Vorschrift auch wirklich anwenden.
 
 Warum stalken Menschen?
 
 Zum Beispiel weil ihr Partner sie verlassen hat. Die Motivation ist hier das Gefühl der Demütigung und Zurückweisung. Beziehungssuchende Stalker schätzen die Beziehungsbereitschaft ihres Opfers völlig falsch ein, ihre Liebe wird also zum Wahn. Dann gibt es die rachsüchtigen Stalker. Sie sehen sich selbst als das Opfer. Oft sind sie narzisstisch und selbstverliebt -agieren sehr heimtückisch und mit Arglist. Morbide und krankhafte Stalker wollen Kontrolle ausüben, meist haben sie eine psychopathische Persönlichkeit. Das Schlusslicht sind die sadistischen Stalker, die im Nachstellen ein Gefühl der Befriedigung erleben.
 
 Wie reagieren Betroffene auf Stalking?
 
 Mit einem Gefühl der inneren Unruhe, Nervosität und Angst. Oft ziehen sie sich zurück und verändern ihre Gewohnheiten. Es kommt zu Misstrauen und Verschlossenheit anderen Menschen gegenüber. Betroffene überkommt aber auch Selbstzweifel, wie „Bin ich schuld daran?“. Hinzu kommen Scham, Wut, Depressionen, Panik, Schlaflosigkeit, Magenbeschwerden oder Gewichtsverlust.
 
 Sie waren selbst Stalking-Opfer. Wie haben Sie diese Phase erlebt?
 
 Als Zeit der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Höchstpersönliche Lebensbereiche und die individueller Lebensgestaltung werden massiv eingeschränkt. Man kann sich nicht mehr frei bewegen oder frei handeln.
 
 Wie reagiert das persönliche Umfeld?
 
 Das Umfeld nimmt die Situation nicht ernst. Wenn die Belästigungen massiver und die Zeitabstände des Nachstellens immer kürzer werden, dann wenden sich Freunde oft ab. Sie können nicht verstehen, warum man sich so zurückzieht.
 
 Was raten sie Stalking-Opfern?
 
 Betroffene müssen aktiv tätig werden und sich wehren: eine Fangschaltung beantragen, den Rechtsanwalt einschalten, Anzeige erstatten und schließlich eine einstweilige Anordnung erwirken.
 Außerdem sollten sie sich an eine Beratungsstelle wenden, ein Stalking-Tagebuch führen, sich einer Selbsthilfegruppe anschließen und ein Selbstsicherheitstraining besuchen.
 
 Welche Rolle spielen nahestehende Personen für Betroffene?
 
 Die Traumaforschung hat in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass das Reden über belastende Ereignisse eine wichtige Rolle für deren Verarbeitung spielt. Das bietet einen gewissen Schutz vor psychischen Langzeitfolgen. Betroffene sollten sich deshalb intensiv mit Freunden, ihrer Familie oder anderen nahestehenden Personen über das Erlebte austauschen.