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Münchener Nacht des Menschenrechts-Films

Pressemitteilung
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Der Menschenrechtsfilmpreis
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München, 13. Januar 2010
 
 Preisträger und Jurybegründungen
 
 Deutscher Menschenrechts-Filmpreis 2010
 
 Die folgenden Filme wurden mit dem „Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2010“ geehrt. Die Preisübergabe fand am 4. Dezember 2010 in der Nürnberger Tafelhalle statt.
 
 Kategorie „Profifilm“ zu sehen in der Münchener Nacht des Menschenrechts-Films Iran Elections 2009
 
 Ali Samadi Ahadi; Dokumentarfilm; 52 Min.; WDR/arte
 
 Inhalt
 Im Iran werden Menschenrechte, Demokratie und die Freiheit von Millionen Menschen zurzeit mit Füßen getreten. Friedliche Demonstranten werden niedergeschossen. Und damit es niemand sieht, wird versucht, die Weltöffentlichkeit aus dem Land auszusperren. Die neue Dokumentation erinnert an die dramatischen Ereignisse um die Wahlen im Iran im Jahr 2009.
 
 Jurybegründung
 Schon haben andere Schreckensmeldungen sie überlagert, die Bilder der iranischen Demokratiebewegung im Sommer 2009. Es waren Bilder von großer Eindringlichkeit, denn sie erreichten uns unzensiert direkt aus den Massendemonstrationen auf den Straßen Teherans – sie kamen über Mobiltelefone und über soziale Netzwerke, begleitet von erschütternden Erlebnisberichten verbreiteten sie sich per SMS, per e-mail, in Blogs und Internet-Foren. Unmittelbar wie selten zuvor wurde die Welt Zeuge eines demokratischen Aufbruchs – und seiner brutalen Niederschlagung durch die Mörderbanden eines Regimes machtbesessener Fanatiker, die den Islam für ihre Zwecke missbrauchen. Doch der totale Triumph blieb den Wahlfälschern von Teheran versagt. Ihr anachronistischer Versuch, die Verbreitung der Wahrheit durch Dreh- und Schreibverbote, durch Journalisten-Ausweisungen und andere Zensurmaßnahmen zu verhindern, scheiterte. Denn die Bilder und Berichte, die im Juli 2009 an die Öffentlichkeit gelangten, ließen sich nicht beschlagnahmen, nicht foltern oder auslöschen. Sie bleiben im Netz – Tag für Tag abrufbar – als permanente Anklage gegen die Täter.
 Ali Samadi Ahadi greift auf diese authentischen Zeugnisse zurück. Fundstücke aus dem Internet: Videosequenzen und Textfragmente aus den dramatischen Tagen und Wochen des iranischen Wahljahres – verschmelzen in seinem Film mit Augenzeugenberichten von Menschen, die das Land inzwischen verlassen haben. Vieles davon ist traurig und erschütternd. Aber vieles ist auch kämpferisch und anklagend. Und wo dokumentarische Bilder fehlen, führen Zeichnungen und Animationen den visuellen Erzählstrang weiter.
 
 Dieser Film setzt Marksteine gegen das allzu schnelle Vergessen. Dabei wächst die facettenreich verdichtete Collage wie jeder gute Dokumentarfilm weit über den Anspruch der Erinnerungsarbeit im schnelllebigen Geschäft des Nachrichtenmarktes hinaus.
 Intelligent montiert ordnet sie die verwirrende Vielfalt der Informationen zu einem persönlich erzählten Erlebnisbericht, der uns nicht nur Zusammenhänge und Hintergründe, sondern vor allem die menschlichen Dimensionen des Geschehens in eindrucksvoller Weise nahe bringt.
 Ali Samadi Ahadis Film erzählt uns in der Geschichte der „grünen Revolution“ das immer wiederkehrende Menschheitsdrama von der Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit. Er erzählt uns von einem hoffnungsvollen Aufbruch – und davon, wie diese Hoffnung rabiat unterdrückt und zertreten wird. Wir kennen die Geschichte, und wir kennen diese Bilder. Nicht nur aus dem Iran – auch aus Chile, Argentinien, China, Myanmar und aus jedem anderem Winkel der Welt, in der diktatorische Regimes die Menschenrechte mit Uniformstiefeln treten.
 Dabei ist die universelle Botschaft dieses Films nicht die einer Niederlage, sondern die Überzeugung, dass Recht und Gerechtigkeit am Ende siegen und die Täter sich für ihr Handeln verantworten müssen. Und es scheint, als habe diese Hoffnung einen neuen, starken Verbündeten gefunden: die Weltmacht des Internet. Eine neue demokratische Kontrollinstanz, die nichts vergisst.
 Die Jury hat diesem formal interessanten, künstlerisch überzeugenden und bewegenden Film einstimmig den deutschen Menschenrechtsfilmpreis des Jahres 2010 zuerkannt.
 
 Kategorie „Bildungspreis“ zu sehen in der Münchener Nacht des Menschenrechts-Films
 
 Rückkehr ins Elend – Abschiebung der Roma ins Kosovo
 Martina Morawietz; Reportage; 15 Min.; ZDF
 
 Inhalt
 Über Nacht werden Menschen aus ihrer gewohnten und vertrauten Umgebung in Deutschland herausgerissen und in eine für sie fremde und ungewisse Zukunft verfrachtet. Familienmitglieder, Freunde und Bekannte bleiben zurück, haben keine Möglichkeit, die Abschiebung ihrer Angehörigen und der lieb gewonnenen Menschen zu verhindern. Die Reportage schildert die unzumutbare Situation am Beispiel von Familien, die im Kosovo strandeten, ausgesetzt im Nirgendwo.
 
 Jurybegründung
 Martina Morawietz beleuchtet in Ihrer engagierten Reportage „Rückkehr ins Elend“ ein Thema, das oft im Dunkeln bleibt, von ungewöhnlicher Seite: Wie leben Menschen, die in Nacht-und-Nebel-Aktionen aus Deutschland abgeschoben wurden, obwohl sie hier geboren sind, perfekt Deutsch sprechen und eigentlich in unserem Land eine Zukunft hatten?
 Man merkt dem Film an, dass sich Martina Morawietz lange mit dem Thema beschäftigt hat und dass sie ihre Protagonisten so gut kennt, dass sie – und damit wir als Zuschauer – ihnen so nahe kommen kann: Wir erleben eine junge Mutter, die mit zwei kleinen Kindern in einer Bruchbude im Kosovo abgesetzt wurde, ohne das Nötige zum Leben und ohne Medizin für ihr krankes Kind. Ein Jugendlicher zeigt uns sein Zuhause, ohne Dusche, und die Toilette ist ein Loch im Freien. Die Bilder von Martina Morawietz berühren, sie gehen unter die Haut und machen betroffen. Und sie fordern den Zuschauer geradezu auf, Fragen zu stellen: Wieso tun wir – oder unsere Behörden – das? Kann rechtens sein, was so offensichtlich ungerecht ist? Können wir, kann unser Land guten Gewissens behaupten, Menschenrechte zu achten, wenn solch inhumane Praktiken bei uns Alltag sind? Was können wir tun?
 All diese Fragen provoziert der Film von Martina Morawietz, ebenso wie die unausgesprochene Aufforderung, sich zu informieren, sich eine eigene Meinung zu bilden und für Menschenrechte einzutreten. Durch die Art der Darstellung eröffnet die Reportage gerade Jugendlichen die Möglichkeit der Identifikation. Dieses sich hinein versetzen in die Lage des Anderen kann dazu beitragen, gängige Vorurteile über Flüchtlinge und Asylpolitik zu hinterfragen, sodass sich der Film sehr gut für den Unterricht und die Bildungsarbeit eignet.
 Wir zeichnen Martina Morawietz für ihren Beitrag „Rückkehr ins Elend“ mit dem Deutschen Menschenrechts-Filmpreis in der Kategorie Bildung aus.
 
 Kategorie „Kurzfilm“ zu sehen in der Münchener Nacht des Menschenrechts-Films
 
 Wegschauen und vertuschen? Die Geschichte einer Exekution in Afghanistan
 Markus Zeidler, Markus Schmidt; Magazinbeitrag; 10 Min.; WDR
 
 Inhalt
 Im August 2002 wurden vor den Toren Kabuls zehn entflohene Kriegsgefangene getötet. Recherchen haben ergeben, dass sie offensichtlich aufgereiht und anschließend durch Kopfschüsse umgebracht wurden. Das Magazin MONITOR hat dieses Kriegsverbrechen nach jahrelanger Recherche gemeinsam mit dem holländischen Radiosender Argos aufgedeckt. Der Beitrag von Markus Zeidler und Markus Schmidt geht der Frage nach, warum Bundeswehr und niederländische Militärs den Vorfall offenbar bis heute vertuschen wollen.
 
 Jurybegründung
 Vor wenigen Wochen war Volkstrauertag in Deutschland, traditionell wird an diesem Tag den Opfern und Gefallenen der Weltkriege gedacht. Dieses Jahr standen in vielen deutschen Orten erstmals die jüngst in Afghanistan gefallenen Soldaten im Zentrum des Gedenkens, 44 an der Zahl.
 
 Dass sie überhaupt als Gefallene geehrt werden können, hängt maßgeblich damit zusammen, dass der sogenannte Friedenseinsatz der Bundeswehr von der großen Mehrheit der Deutschen endlich als Kriegseinsatz angesehen wird. Nicht zuletzt die öffentliche Diskussion des umstrittenen Bundeswehrangriffs auf zwei von den Taliban entführten Tanklastern mit 142 Toten, darunter viele Zivilisten, im Herbst 2009 hat den Deutschen vor Augen geführt, dass die Bundeswehr ihre Nachkriegsunschuld verloren hat. Doch wie aufklären, wenn es sich um kleinere „unspektakuläre“ Kriegsverbrechen handelt, die leichter zu übersehen sind als brennende Tanklaster?
 
 Markus Schmidt und Markus Zeidler, Redakteure und Reporter der ARD-Sendung Monitor, haben mehrere Jahre recherchiert, in unermüdlichem persönlichen Einsatz Netzwerke zu Informanten im fernen Afghanistan aufgebaut, die Zusammenarbeit mit niederländischen Journalisten gesucht und nie locker gelassen, auch wenn ihre journalistische Aufklärungsarbeit von den zuständigen Stellen und Ministerien behindert und boykottiert wurde. Ihr 10-minütiger Beitrag über eine im Beisein von niederländischen und deutschen Soldaten verübte Exekution an zehn Afghanen im Jahr 2002 ist ein Lehrstück investigativen Fernsehjournalismus, bei dem der Zuschauer in den Prozess des Recherchierens eingebunden wird. Die Autoren bevormunden nicht, sie machen ganz klar und deutlich, welche Fragen bis heute nicht geklärt werden konnten und zeigen damit auch sehr eindringlich auf, wo die Grenzen journalistischer Arbeit liegen. Solche Beiträge sind im schnelllebigen Geschäft des politischen Journalismus selten geworden.
 
 Mit der Verleihung des Menschenrechtsfilmpreises in der Kategorie Kurzfilm / Magazinbeitrag an Markus Schmidt und Markus Zeidler möchten wir investigativen, tiefgründigen Journalismus unterstützen.
 
 Kategorie „Filmhochschule“
 
 Talleres Clandestinos
 Catalina Molina; Drama; 40 Min., Wien
 
 Inhalt
 Die junge Bolivianerin Juana bekommt Arbeit als Näherin in einer Schneiderei im Nachbarland Argentinien, muss dafür jedoch ihre Kleinfamilie zurücklassen. Angekommen im fremden Buenos Aires wird die versprochene Werkstatt jedoch zu einem Gefängnis. Unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen wird Textilware für Luxusmarken herzgestellt. Als sie erfährt, dass ihr Kind schwer erkrankt ist, versucht sie, mit allen Mitteln aus der Werkstatt zu fliehen.
 
 Jurybegründung
 „Talleres Clandestinos“ von Catalina Molina ist ein sehr ruhiger Film voller Atmosphäre. Obwohl er ganz auf seine Hauptperson und ihren moralischen Konflikt konzentriert ist, geht der Film doch – mit kunstvoller Beiläufigkeit – über das persönliche Schicksal hinaus und lässt die Zuschauer miterleben, wie es sich anfühlt, unter erdrückenden Bedingungen auf engstem Raum zu leben und zu arbeiten.
 
 Dabei vermeidet Catalina Molina Klischees und plakative Rollenbilder: Auch die Vorarbeiter und ihre Mittelsmänner sind letztlich Gefangene eines Systems, das weder Helden noch Schuldige kennt. Die Jury empfand „Talleres Clandestinos“ als sanften Film, der ein ernstes Thema nicht reißerisch, sondern ruhig und seelenvoll angeht, ohne je oberflächlich sentimental zu werden. Wir vergeben deshalb einstimmig den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2010 an Catalina Molina.
 
 Kategorie „Amateurfilm“
 
 Reise ohne Rückkehr – Endstation Frankfurter Flughafen
 Güclü Yaman; Kurzspielfilm; 25 Min.; Frankfurt a.M.
 
 Inhalt
 Der Kurzspielfilm zeichnet das Schicksal des sudanesischen Flüchtlings Aamir Ageeb nach, der 1999 während seiner Abschiebung ums Leben kam. Gefesselt und mit einem Helm versehen wurde der sudanesische Flüchtling ins Flugzeug gebracht und während des Starts von drei Beamten des Bundesgrenzschutzes niedergedrückt und erstickt.
 
 Jurybegründung
 Die „Rückführungsrichtlinie“ der EU von 2008 schreibt vor, dass Abschiebungen mit „verhältnismäßigen“ Maßnahmen, die nicht „über die Grenzen des Vertretbaren hinausgehen“, durchgeführt werden müssen. Die Menschenwürde und die körperliche Unversehrtheit der Ausreisepflichtigen „sollen berücksichtigt“ werden. In der Realität, wenn es um Einzelschicksale geht, ist das nicht immer der Fall. Güclü Yaman nimmt sich in „Reise ohne Rückkehr – Endstation Frankfurter Flughafen“ dieser Praxis europäischer Vereinbarungen an – der Abschiebehaft und der Abschiebung unschuldiger Flüchtlinge.
 
 Mit der Präzision eines Uhrwerks und der Unausweichlichkeit einer klassischen Tragödie vollzieht Güclü Yaman in seinem Film einen Fall von 1999 vor, die Abschiebung des Flüchtlings Aamir Ageeb, die mit dessen Erstickungstod im Flugzeug endete. Yaman verzichtet auf ein schlichtes schwarz-weiß Schema der Charaktere. Keine Sadisten sind aufseiten der Vollzugsbeamten am Werk, sondern ganz normale Beamte, die einfach ihrem Job nachgehen.
 
 In Form einer fast sachlichen Verfilmung eines Protokolls schildert der Film Unerträgliches. Dabei ist es der dramaturgischen Klarheit, der gelungenen Schauspielerführung und einer großen Direktheit zu verdanken, dass einem der Film immer mehr unter die Haut geht. Die Verzweiflung des Flüchtlings, die kalte, hilflose Routine der Beamten und das Wegschauen der Passagiere vermittelt der Film auf authentische und glaubwürdige Weise. Wir bleiben mit unserem Unbehagen zurück und dem Wissen, dass das immer noch passiert.