Condrobs stellt sein Netzwerk für suchtgefährdete Jugendliche vor

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Frederik Kronthaler: „Junge Menschen dürfen wir nie aufgeben!“

Interview von Evelyn Gorgos
 
 PDF-Version des Interviews
 

Frederik Kronthaler ist seit 1992 bei Condrobs für die Jugendarbeit verantwortlich. Der 45-Jährige ist Diplom-Sozialpädagoge sowie Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut. Er fordert eine höhere Fehlertoleranz gegenüber Kindern und Jugendlichen: „Das würde unsere Gesellschaft entlasten und den Jugendlichen mehr Möglichkeiten geben, sich auszuprobieren“.

Mit welchen Problemen kommen die Jugendlichen zu ihnen?
 
 Die Jugendlichen kommen aus den unterschiedlichsten Gründen zu uns - viele haben Schwierigkeiten in der Schule und im Elternhaus und wollen mit unserer Unterstützung zurück in ihre Umgebung. Eigentlich haben sie ganz normale Probleme mit den Lehrern und Eltern – nicht „normal“ ist, dass sie dazu Drogen nehmen.
 
 Wie sieht die Arbeit von Condrobs genau aus?
 
 Wir gehen auf die Straße und suchen Jugendliche, die sich zu seltsamen Zeiten an Orten aufhalten, an denen sie eigentlich nicht sein sollten: zur Schulzeit an der Trambahn oder am U-Bahnhofabgang, abends an Szenenplätzen oder auf Spielplätzen. Wir sprechen sie an und fragen nach. Das funktioniert über die StreetworkerInnen, die bereits in der Szene bekannt sind und denen die Jugendlichen vertrauen. Nur so ist eine Kontaktaufnahme möglich und die Jugendlichen erzählen von ihren Problemen: Bei einem Schulausschluss, wenn sie zuhause rausgeflogen sind oder von ihren Problemen mit Drogen und Alkohol. Auch Angehörige treten an uns heran, es gibt selbstverständlich Anfragen vom Jugendamt und Schulen. Wir nehmen dann von uns aus Kontakt zu den Jugendlichen auf.
 
 Haben Sie den Eindruck, dass sich das Selbstbild der Jugendlichen während des Aufenthalts verändert?
 
 Wenn die Jugendlichen zu uns kommen, haben sie den Eindruck, nichts zu können und nichts zu sein. Sie sind aus der Schule und aus dem Elternhaus rausgefallen oder ein Rausschmiss steht unmittelbar bevor. Unser Job ist es, zu vermitteln: du kannst was, du bist es wert, dass sich Menschen um dich bemühen. Du bist es wert, gesehen zu werden, bist ein toller Typ oder ein tolles Mädchen. Über die therapeutischen Maßnahmen verändert sich das Selbstbild und wenn die Betroffenen dann erste Erfolge haben und zum Beispiel den Schulabschluss schaffen, dann sind sie total erstaunt und begeistert.
 
 Was ist für Sie ein Erfolg?
 
 Wenn die Jugendlichen überleben, sich nicht mit Hepatitis oder HIV infizieren und ihren Schulabschluss schaffen, dann hat sich unsere Arbeit gelohnt. Erfolg ist, wenn die Jugendlichen wieder mit ihren Eltern reden können und die Eltern sagen: „Ja, ich habe ein Kind und ich liebe es“ und nicht „mein Kind ist ein Totalversager“.
 
 Wann werden die Weichen für eine mögliche Suchtgefährdung gestellt?
 
 Die Einflussmöglichkeiten auf die Entwicklung eines Kindes sind im Alter von acht bis zwölf Jahren am wichtigsten und richtungsweisend. Es ist nachgewiesen, dass Schlafstörungen und Angstzustände in diesem Alter die Einnahme von Suchtmitteln zu einem späteren Zeitpunkt begünstigen. Eltern sollten vor allem in dieser Zeit ihre Erziehungsaufgabe besonders ernst nehmen und auch auf die äußeren Einflüsse achten: Freunde, Umgebung, Schule. Es ist einfach wichtig, welche Freunde das eigene Kind „toll“ findet: sind es eher solche, die nichts auf die Reihe bringen, rumhängen und völlig unstrukturiert sind oder Pfadfinder und Kinder aus dem Sportverein?
 
 Was können Eltern tun – haben Sie einen guten Rat?
 
 Eltern sollten genau auf den Umgang ihrer Kinder achten, sollten wachsam sein und genau beobachten, wie es bei den Kindern gefühlsmäßig aussieht - sie sollten sich einfach Zeit nehmen. Als Kinder- und Jugendpsychotherapeut würde ich zu einer liebevollen Konsequenz bei der Erziehung raten, einem Mittelweg zwischen Autorität und anti-autoritärem Laisser-faire. Die emotionale Bindung muss dabei immer im Vordergrund stehen, also zum Beispiel: „Du bist um 18:30 zum Abendbrot zu Hause, weil ich dich noch sehen will“ und nicht: „Du bist um 18:30 zuhause, weil ich das so will“. Erziehung sollte gegenüber dem Kind immer begründbar sein. „Pseudobeteiligungen“ halte ich für sehr problematisch. In völlig nebensächlichen Themenbereichen wird den Jugendlichen ein Mitbestimmungsrecht eingeräumt, während sie bei wirklich wichtigen Entscheidungen oft außen vor bleiben. Das kann man mit den jungen Menschen nicht machen – die sind doch nicht doof.
 
 Wie würden Sie ihre bisherige Arbeit bei Condrobs bewerten?
 
 Mit unserer Arbeit bin ich eigentlich sehr zufrieden, auch wenn es immer Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Aus der Sicht der Jugendlichen würde ich sagen, dass es nicht einfacher geworden ist. Die Möglichkeiten, sich auszuprobieren und Fehler zu machen sind begrenzter und werden heutzutage von den Jugendlichen viel „teurer bezahlt“. Die Fehlerkultur, also die Toleranz für Fehlverhalten und Fehlentscheidungen, hat stark abgenommen und damit die Möglichkeit, sich als junger Mensch auszuprobieren.
 
 Gibt es einen Appell, den sie an die Gesellschaft richten würden?
 
 Irrwege und Fehltritte unserer Kinder müssen möglich sein, unser Verständnis und unsere Toleranz sind hier gefragt, auch wenn Kinder und Jugendliche mal nicht angepasst sind oder ihr Verhalten unangebracht ist. Das wäre für die ganze Gesellschaft eine Entlastung. Man muss nicht immer erfolgreich sein - auch Fehler ermöglichen am Ende oft einen Erfolg.