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Tatortreinigerin Antje Schendel

Die letzten Spuren eines Menschen

Wenn Notarzt und Polizei mit ihrer Arbeit fertig sind, beginnt Antje Schendel, 39, mit ihrer Arbeit. Das ehemalige Fotomodel reinigt Leichenfundorte und hat darin ihre Berufung gefunden.

Antje Schendel, das Ex-Model, spezialisierte sich 2002 als erstes Unternehmen in Deutschland mit ihrer Firma „Schendel Tatortreinigung“      Foto: Privat

Antje Schendel, das Ex-Model, spezialisierte sich 2002 als erstes
 Unternehmen in Deutschland mit ihrer Firma „Schendel Tatortreinigung“
 Foto: Privat
 

Sie schrubbt geronnenes, schwarzes Blut von Wänden und Decken oder entfernt gelbliche Lachen Körperfette von Böden. Sammelt Haare, Knochensplitter und Hautfetzen und stopft sie in Mülltüten. Verweste Leichenteile entsorgt sie in dafür vorgesehene Spezialbehälter. Sie erträgt die dreckige Seite des Todes, wenn sie die letzten Spuren eines Menschen beseitigt. „Ich sehe ja keine Toten am Fundort“, sagt Schendel, Mutter zweiter Töchter.

Antje Schendel ist gelernte Informatikerin. Bis zu ihrem 27. Lebensjahr lebte sie in London und arbeitete erfolgreich als Fotomodel. Als die Aufträge ausblieben, weil sie nicht mehr jung war, ging sie zurück nach Deutschland. Ein einschneidendes Ereignis veränderte ihr Leben vor zwanzig Jahren: Der Vater ihrer ersten Tochter war im Gebäudemanagement beschäftigt und plötzlich mit einem Todesfall konfrontiert. Er sollte eine Firma finden, die Orte von Leichen säubert und fand keine. Schendel fragte sich, wer so etwas eigentlich macht? Durch einen Zufall fand sie heraus, dass eine Firma in Amerika die Idee entwickelte, Leichenfundorte von „Crime Scene Cleaner“ reinigen zu lassen.

„Es ist eine ehrliche Arbeit, die ich mache“

Die gebürtige Ostberlinerin hat einen emotionalen und körperlich harten Joballtag, aber sie ist glücklich, wenn sie helfen kann. Das Leid der Hinterbliebenen erfährt sie hautnah im Kontakt mit den Angehörigen, Freunden oder Nachbarn. Sie ist sich ihrer Verantwortung bewusst. „Es ist schlimm, wenn Familienmitglieder die Überreste eines Menschen wegräumen müssen, der sich mit der Schrotflinte erschossen hat“, erklärt sie ihre Mission. Für das blonde Exmodel ist es eine ehrliche Arbeit - viel schlimmer hat sie die verlogene Modelwelt erlebt.
 
 Im November 2002 machte sie sich in Krefeld mit Ihrer Firma „Schendel Tatortreinigung“ selbstständig und stieß auf eine Marktlücke. Als staatlich anerkannte Desinfektorin spezialisierte sie sich als erstes Unternehmen in Deutschland auf die Reinigung von Tatort-, Unfall- und Leichenfundorten. Der Anfang war schwer, gerade als Frau. Das ehemalige Fotomodel wurde belächelt, als sie ihren Service bei Sozialämtern, Bestattern und Polizei vorstellte. „So eine zarte Schönheit würde doch bei der ersten Made einen hysterischen Anfall kriegen.“
 
 Heute, zehn Jahre später, beschäftigt der Workaholic knapp ein Dutzend Mitarbeiter. Werbung hat sie nie gemacht. Sie will Anonymität wahren und nicht mit Fahrzeugen durch die Gegend fahren, auf denen „Tatortreinigung“ zu lesen ist. Über eine kostenfreie Hotline ist sie 24 Stunden an 365 Tagen erreichbar. Hochkonjunktur hat sie im Sommer – da vollzieht sich der Verwesungsprozess wegen der hohen Temperaturen schneller.
 

Antje Schendel beim Einsatz mit  Schutzanzug und Atemschutzmaske  Foto: Dominik Asbach/laif

Antje Schendel beim Einsatz mit
 Schutzanzug und Atemschutzmaske
 
 Foto: Dominik Asbach/laif
 

Viele sterben einsam
 
 Antje Schendel weiß nie, was sie erwartet. Manchmal betritt sie Wohnungen von Selbstmördern und Drogenabhängigen. Manchmal sind es auch Wohnungen, in denen Verbrechen stattgefunden haben. Oft sind die Räume völlig verdreckt. Hinter jedem Tatort steckt ein Schicksal. Immer häufiger sterben Menschen und verwesen, ohne dass jemand es mitbekommt.
 

Ohne Atemschutzmaske geht es nicht

Antje Schendel versucht sich auf ihrer Arbeit zu konzentrieren. Vor jedem Einsatz zieht sie einen weißen Ein-Weg-Overall mit Kapuze über ihre Arbeitskleidung. Die Schuhe versteckt sie unter blauen Plastikschützern, die Hände in gelben Gummihandschuhen und ihr Gesicht bedeckt eine Atemschutzmaske. Alle Übergänge werden mit Klebeband abgedichtet - der Hygiene wegen, denn an jedem Tatort riskiert sie Krankheiten, wie Hepatits C, HIV und Tuberkulose.
 
 Jeder Tatort ist eine Herausforderung. Je nachdem, wie lange die Leiche gelegen hat, gibt es unzählige Käfer, Maden, Fliegen und Würmer. Außerdem sind Gegenstände wie Sessel, Bett und Teppich in der unmittelbaren Nähe der Leiche stark beeinträchtigt. Sie muss teilweise spezielle, sehr aufwendige Reinigungsverfahren anwenden, um Möbel und Einrichtungsgegen-stände wieder hygienisch und benutzbar zu machen und manchmal ist das gar nicht mehr möglich.
 
 Der stechende, süßlich-rostige Verwesungsgeruch, der sich überall festsetzt und kaum zu bekämpfen ist, wird mit Hilfe eines Ozongerätes wirksam entfernt. Solange sie ihre Schutzkleidung und die Atemschutzmaske trägt, macht es ihr nichts aus. Ihre Arbeit in den verlassenen Wohnungen dauert zwischen einem und drei Tagen. Wie man einen Tatort richtig sauber macht, bleibt ihr Geschäftsgeheimnis.
 
 Wenn Antje Schendel mit ihrer Arbeit fertig ist, ist nichts mehr zu sehen vom Tod. Nichts kann mehr verraten, was sich hier vor wenigen Tagen abgespielt hat, alle Spuren sind beseitigt. Der Tatort ist kein Tatort mehr.
 

Von KaEr