Verwandlung

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Eine Utopie

Der Mond ist weg! Und nun?

Die alten Griechen sahen im Mond ihre Jagdgöttin Artemis beim Bogenschießen. Auch bei den Azteken war der Mond weiblich und galt als Beschützerin der Liebenden. Der ägyptische Mondgott war Chons und galt als Herr der Zeit. Heute sehen viele in ihm lediglich die helle Scheibe, die nachts das Sonnenlicht reflektiert. Dabei sind sich zahlreiche Wissenschaftler einig: Wäre unser Mond plötzlich nicht mehr da, würde die Weltordnung in ein komplettes Chaos gestürzt.

Die Mondkrater haben Namen wie Baily, Grimaldi und Ptolemaeus.                                                                                      Foto: NASA

Die Mondkrater haben Namen wie Baily, Grimaldi und Ptolemaeus. Foto: NASA

Was wissen Sie über unseren Mond? Oder besser gefragt: Was glauben Sie zu wissen? Dass sich seinetwegen schüchterne Menschen des Nächtens in wilde Bestien verwandeln oder ein betagter Gentleman mit zu langen Schneidezähnen an Ihrer Halsschlagader nagt? Dass man sich lieber bei abnehmendem Mond operieren lassen sollte, weil man dann nicht so stark blutet? Oder dass bei Vollmond die Geburtenrate in die Höhe schießt und die Anzahl der Gewaltverbrechen und Selbstmorde steigt?

Viele dieser Ammenmärchen und Mythen halten sich bis heute in unseren eigentlich aufgeklärten Köpfen. Obwohl zahlreiche Studien belegen, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen den Mondphasen und den oben beschriebenen Ereignissen gibt. Aber welche tatsächliche Bedeutung der Mond für die Erde hat, würde uns wohl erst bewusst, wenn wir auf unseren Begleiter verzichten müssten.

Ein Gedankenexperiment: Lassen wir den Mond verschwinden. Lassen wir einen riesigen Asteroiden auf den Trabanten prallen, so dass dieser von einem auf den anderen Moment nicht mehr existiert. Seien Sie unbesorgt: Die Wahrscheinlichkeit hierfür ist gleich Null. Sie können sich aber sicher sein, dass die Auswirkungen weit gruseliger wären, als bei Vollmond von einem blutrünstigen Werwolf angegriffen zu werden. Denn die Erde würde sich blitzschnell in eine ungestüme Hexe verwandeln, die die Weltordnung in ein komplettes Chaos stürzt.
 
 Die erste drastische Auswirkung würden wir schon in wenigen Sekunden zu spüren bekommen. Obwohl der Mond rund 384 000 Kilometer entfernt liegt, hat er doch enormen Einfluss auf die Erde. Es gibt zwar keine zuverlässige Korrelation zwischen den Mondphasen und unserem Verhalten, jedoch ist unbestritten, dass er die Gezeiten hervorbringt.
 

Unvorstellbare Riesen-Tsunamis werden die Küstengebiete überfluten

Täglich fällt und sinkt der Meeresspiegel durch seine Anziehungskraft. Welche Kräfte hinter dieser Gravitation stecken, zeigt sich wohl am besten an der Ostküste Kanadas. Dort misst man einen Tidenhub von über 15 Meter! Und, was viele nicht wissen, auch die Erdkruste verformt sich mondbedingt: Deutschlands Landmassen heben sich bei Vollmond bis zu einem halben Meter empor. Gäbe es den Mond plötzlich nicht mehr, würde sich die Erde schlagartig deformieren und sich die Wassermassen zu einem weltweiten Riesen-Tsunami verdichten. Küstennahe Gebiete würden vollkommen zerstört und Millionen Menschenleben ausgelöscht.

Die langfristigen Folgen wären noch verheerender: Normalerweise stabilisiert der Mond die Achsenneigung der Erde, die ungefähr bei 23 Grad liegt und uns ein verlässliches Klima sichert. Ohne seine Gravitation könnte sich die Erdachse in einigen Tausend Jahren bis zu 85 Grad verschieben und unser Planet käme ins Taumeln. Sie denken sich nun: „In einigen Tausend Jahren um 85 Grad? Was geht’s mich an?“. Stimmt. Aber schon eine Achsenschwankung von ein bis zwei Grad würde ausreichen, um eine Eiszeit hervorzurufen, und die könnte bereits in wenigen Monaten, nachdem der Mond verschwunden wäre, über die Welt hereinbrechen. Würde sich die Erdachse um 60 Grad oder mehr neigen, sieht es laut Untersuchungen der US-amerikanischen Astronomen Darren Williams und James Kasting noch düsterer aus: Durch den veränderten Einstrahlwinkel der Sonne würden sich die Pole auf bis zu 80 Grad Celsius erhitzen, die Tropen hingegen glichen einer bitterkalten Eiswüste. In Mitteleuropa hätten wir Temperaturen von plus 60 Grad Celsius, die Sonne ginge im Sommer nicht unter. Und im Winter müssten wir uns im Dunkeln durch minus 50 Grad Celsius quälen.

Vor viereinhalb Milliarden Jahren raste ein Asteroid auf die Erde. Der Mond entstand. Fotos: NASA

Vor viereinhalb Milliarden Jahren raste ein Asteroid auf die Erde.
 Der Mond entstand.
 Fotos: NASA
 

Im Gegensatz zur Erde hat der Mond keine Atmosphäre.

Im Gegensatz zur Erde hat der Mond keine Atmosphäre.

Ohne den Mond wären wir also immensen Klimakapriolen ausgeliefert. Man muss kein Wissenschaftler sein, um zu ahnen, welche Auswirkungen das auf unser Überleben hätte. Denn komplexe Kreaturen wie der Mensch und andere Säugetiere brauchen viel länger, um sich an stark veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Diese Zeit hätten wir nicht. Und: Wegen ihrer fehlenden Mobilität bekämen besonders viele Pflanzenarten immense Probleme, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen und würden von der Erdoberfläche verschwinden. Nahrungsmittelknappheit für Mensch und Tier wäre die Folge.

Und ohne lunaren Tidenhub würden auch Tiere, deren Überleben von Ebbe und Flut abhängt, in kurzer Zeit aussterben. Die Gezeiten konzentrieren zum Beispiel dichte Planktonmassen vor Küsten und Buchten - wichtige Beute für unzählige Meeresbewohner, wie Fische, Delfine und Wale und auch für viele Vogelarten.

Das Aussterben zahlreicher Arten wäre vorprogrammiert

Aber nicht nur der Tidenhub ist für viele Meerestiere lebenswichtig. Das komplexe und fragile Ökosystem der Ozeane basiert auch auf dem Licht, das der Mond reflektiert: Algen steigen nachts in hellere Zonen und sind so ein gefundenes Fressen für Meeresbewohner. Ist der Mond verschwunden, finden sie ihre Nahrung nicht mehr. Oder denken Sie an all die Landtiere, denen der Mond nachts Licht spendet und die sich an der hellen Scheibe orientieren. Nachtaktive Tiere wären verloren oder in ihren Aktivitäten zumindest stark eingeschränkt. Das Aussterben zahlreicher Arten wäre vorprogrammiert. Auch das hätte wiederum einen immensen Einfluss auf unser Nahrungsangebot. Ob der Mensch dieses Chaos überleben könnte ist fraglich. Ganz zu schweigen von all den anderen Lebewesen.

Der Zyklus einer Mondfinsternis. Auch auf solch beeindruckende Bilder müssten wir verzichten.                                                                                      Foto: Keith Burns für NASA/JPL

Der Zyklus einer Mondfinsternis. Auch auf solch beeindruckende Bilder müssten wir verzichten. Foto: Keith Burns für NASA/JPL

Unser stabiles Klima und die Artenvielfalt verdanken wir also nicht nur der Sonne, sondern zum großen Teil auch unserem Mond. Aber verwandeln wir die zur ungestümen Hexe gewordene Erde wieder zurück in die, die wir kennen. Der Mond existiert nämlich. Und das noch sehr, sehr lange. Er entfernt sich zwar von unserem Heimatplaneten, aber in einer so minimalen Geschwindigkeit, dass wir uns viele Jahrmillionen - zumindest darüber - keine Gedanken machen müssen. Sind wir froh, dass wir ihn haben. Nicht allein, weil er uns den Tag verlängert. Denn er hat durch seine Anziehungskraft die Drehung unserer Erde abgebremst. Wenn der Mond nicht seit über viereinhalb Milliarden Jahren unser Begleiter wäre, hätten wir heute nur einen Neun-Stunden-Tag. Er schenkt uns also nicht nur romantische Vollmond-Nächte, sondern auch noch Zeit.
 
 Schicken Sie also ein kleines Dankeschön an den Mann im Mond. - Wie? Den gibt es gar nicht? Ein Ammenmärchen? Na, dann schauen Sie mal genauer hin.
 

Jasmin Yitmez

Eckdaten vom runden Mond
Der Mond ist rund 384 000 Kilometer von uns entfernt und hat einen Radius von 1738 Kilometer (1/4 der Erde).
Er ist 81 Mal leichter als unser Heimatplanet.
Auf ihm kann man sechs Mal höher springen, aber man ist sechs Mal langsamer als auf der Erde.
Auf seiner Oberfläche herrschen Temperaturen von plus 110 bis minus 170 Grad Celsius.