Verwandlung

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Charleston, Divas, Gigolos

Eine Zeitreise in die Golden Twenties

Veranstaltungen, die die „Golden Twenties“ sowie die Folgejahre zelebrieren, sind auf dem Vormarsch. Auch wenn Berlin damals wie heute als Hochburg dekadenter Lustbarkeiten gilt, hat das Vintage-Fieber schon viele andere Städte befallen. Charleston und Swing statt Techno und House, Burlesque statt Gogo und ein Handkuss statt plumper Anmache – es vollzieht sich ein Wandel in der Partylandschaft Deutschlands.

Feiern wie anno dazumal: die Flüsterpartys in München. Foto: Flüsterparty

Feiern wie anno dazumal: die Flüsterpartys in München.
 Foto: Flüsterparty
 

Damen in pailettenbestickten Kleidern, die lange Zigarettenspitze zwischen den behandschuhten Fingern, Herren im eleganten Smoking und Zylinder, ein Rauchersalon, Roulette-Tische und eine Absinth-Bar. Zu vorgerückter Stunde lassen Burlesque-Tänzerinnen stilvoll die Hüllen fallen. Man siezt sich und der DJ heißt hier Schallplattenunterhalter …
 
 Bestes Beispiel für den regelrechten Vintage-Boom ist die Erfolgsgeschichte der Bohème Sauvage, einer mittlerweile deutschlandweit stattfindenden Partyreihe. Begonnen hatte alles vor etwa sechs Jahren in Berlin-Friedrichshain. Dort richtete Inga Jacob, alias „Fräulein Else Edelstahl“, in ihrer Privatwohnung den ersten kleinen „Salon“ aus. Heute, so die Berlinerin, seien daraus „rauschende Feste zu Ehren der Helden vergessener Nächte“ mit Hunderten von Gästen geworden. Weitere Veranstaltungen im Ausland sind in Planung.
 Der diesjährige Silvesterball im traditionsreichen Varieté Wintergarten, einem der schönsten Theaterräume Berlins, war bereits Wochen vorher ausverkauft; beim Sommerfest auf Schloss Belvedere in Potsdam gab sich Max Raabe höchstpersönlich die Ehre. Raabe hat mit seinen pfiffig interpretierten Schlagern der Weimarer Republik inzwischen Weltkarriere gemacht.
 

Vintage, wohin man blickt

Aber nicht nur in die Tanzsäle haben vergangene Zeiten Einzug gehalten: Bei vielen sonst Teenager-orientierten Modeketten findet man Kleidungsstücke im Vintage-Look. Die Marlene-Hose ist ohnehin nie ganz aus der Mode gekommen, und die Friseure wissen ob der Nachfrage wieder, was eine Wasserwelle ist. Max Raabe lässt nicht nur den kleinen grünen Kaktus wieder stechen, sondern schreibt auch neue Songs im alten Stil. Die Puppini-Sisters aus Großbritannien interpretieren die Andrew Sisters und deren Zeitgenossen dreistimmig neu, und die amerikanische Burlesque-Schönheit Dita von Teese gilt als Stilikone. Im Internet findet man Foren, die sich ausschließlich mit den Gepflogenheiten alter Zeiten befassen.
 Doch was ist es, das so viele augenscheinlich moderne Menschen dazu bringt, sich in ihrer Freizeit in Stummfilmschönheiten oder galante Gigolos zu verwandeln?
 

Die Golden Twenties – Blütezeit ohne Netz und doppelten Boden

Die Jahre zwischen den großen Kriegen galten weltweit als eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, in Deutschland als Blütezeit von Kunst, Kultur und Wissenschaft. Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren hierzulande geprägt von Armut, Arbeitslosigkeit und Krankheit. Anschläge auf Politiker waren an der Tagesordnung. Erst ab 1924 besserte sich die Situation: Die Hyperinflation wurde durch die Einführung der Reichsmark gestoppt, und auch der Versailler Vertrag führte zu einer politischen Beruhigung. Durch hohe Kredite, die Deutschland vorwiegend aus den USA erhielt, kam wieder Geld ins Land – Schulden, die irgendwann beglichen werden mussten. Die Golden Twenties - eine Scheinblüte. Doch daran wollte zu der Zeit keiner denken.

Die Bohème Sauvage: eine Erfolgsgeschichte made in Berlin Foto: Boheme Sauvage

Die Bohème Sauvage: eine Erfolgsgeschichte made in Berlin
 Foto: Boheme Sauvage
 

Ein jähes Ende brachte der „Schwarzen Donnerstag“: Am 24. Oktober 1929 brach an der Wall Street in New York Panik aus. Dieser folgenreichste Börsencrash der Geschichte gilt als Auslöser der Weltwirtschaftskrise. Während erneut Armut und Arbeitslosigkeit das Bild prägten, feierte und tanzte die High Society opulenter denn je – frei nach dem Motto: „Jetzt erst recht!“
 
 Arbeitslosigkeit, Finanzkrise, der Kampf um den Euro, Terroranschläge und Klimakatastrophen – auch heute empfinden viele Menschen ihr Leben als recht unsicher. Möglicherweise ist es genau diese „Jetzt-erst-recht“-Mentalität, die die Menschen dazu veranlasst, wie damals den „Tanz auf dem Vulkan“, der jederzeit ausbrechen könnte, zu zelebrieren? „Nein, das glaube ich nicht“, meint Saskia Dürr (um das ausführliche Interview zu lesen, auf den Link klicken). Sie ist Initiatorin und Veranstalterin der viermal im Jahr stattfindenden Flüsterpartys in München. „Ich glaube, die Leute wollen einfach wieder Schönheit und Stil. Es ist etwas Neues, etwas Anderes erleben. Nach dem Ersten Weltkrieg haben die Menschen echte Not gelitten. Nur wenn man nicht weiß, ob man den nächsten Tag überleben wird, kann man feiern, als ob es das letzte Mal wäre.“
 
 
 
 

Die Faszination des neuen Frauenbildes

Die Emanzipation der Frau ist auch heute noch ein vieldiskutiertes Thema. Die Zeit zwischen den Kriegen jedoch eröffnete Frauen zum ersten Mal bis dato undenkbare Möglichkeiten. Zum ersten Mal durften Frauen arbeiten gehen, alleine wohnen oder einfach ausgelassen feiern. Auch diese Entwicklung geschah aus der Not heraus – Frauen mussten „ihren Mann stehen“, um ihre Existenz zu sichern.

„Hannelore, Hannelore, schönstes Kind vom Hall’schen Tore*,
süßes reizendes Geschöpfchen mit dem schönsten Bubiköpfchen,
keiner unterscheiden kann, ob du Frau bist oder Mann…“
*gemeint ist das Hallesche Tor in Berlin-Kreuzberg

So besang Berlins Kabarettkönigin Claire Waldorff den neuen, androgynen Frauentyp der Zwanziger Jahre. Erstmals trugen die Frauen ihr Haar knabenhaft kurz. Der glattgekämmte „Bubi-Kopf“ stand für die selbständige, berufstätige und emanzipierte Frau. Auch die Mode setzte ein deutliches Zeichen: Die Kleider waren eher eckig, mit tiefer Taille geschnitten, die ersten Damenhosen kamen auf den Markt. Marlene Dietrich, die in ihren Filmen die Männer mit kühler Berechnung verführte, avancierte zum Vorbild. Die selbstständige, verruchte, freie Frau – eine Faszination, die bestimmt nie aus der Mode kommt…