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Wandel der Wahrnehmung des Webs

Anarchie im Internet?

Der Hype ist groß, als Online-Plattformen wie Facebook, Twitter oder das Gaming-Network der Playstation 3 ihre Pforten öffnen. Millionen Menschen auf der ganzen Welt posten seitdem täglich Terabytes an Daten über Social-Media-Kanäle, zocken mit Freunden und Fremden aus Übersee oder zwitschern Belangloses. Die Selbstdarstellungsmöglichkeiten auf den digitalen Bühnen scheinen unbegrenzt. Doch der Wandel des Webs zur Kommunikationsplattform und die steigende globale Vernetzung bringen auch Probleme mit sich. Zwei Beispiele sollen im Folgenden zeigen, dass sich das Internet zunehmend zu einem rechtsfreien Raum entwickelt.

Die Privatsphäre wird im Web meist nur unzureichend geschützt.  Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

Die Privatsphäre wird im Web meist nur unzureichend geschützt.
 Foto: Gerd Altmann / pixelio.de
 

Es ist meist nur ein kurzer Klick oder das Freilassen eines Feldes. Manchmal muss man sich aber auch lange, kryptisch anmutende Richtlinien zu Gemüte führen, um zu gewährleisten, dass Privates auch privat bleibt. Doch die digitale Welt verändert sich so rasant, dass der Durchschnittsuser mitunter den Überblick verliert. „Das sind alle dumme Zombies!“, sagt ein Hacker namens Hedo (Name geändert), der sich beruflich mit IT-Security beschäftigt, über den Otto Normaluser. „Das Wissen ist da draußen – wer es nicht nutzt, ist selbst schuld“. Für ihn ist kein gesteigertes Interesse am Datenschutz auszumachen. Vielmehr sei der signifikanteste Wandel im Netz, dass „vieles, was früher noch sicher war, inzwischen kompromittiert“ ist. Belege für diese Aussage lassen sich schnell finden.

Facebook als Unsicherheitsfaktor

Facebook machte in der Vergangenheit immer wieder negative Schlagzeilen in Bezug auf den Datenschutz. In den Datenschutzerklärungen von Facebook heißt es in gepflegtem Juristendeutsch: „Du gibst uns eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, gebührenfreie, weltweite Lizenz für die Nutzung jeglicher IP-Inhalte, die du auf oder im Zusammenhang mit Facebook postest.“ Dies bedeutet de facto die Übertragung der Rechte an Bildern und Inhalten an Facebook. Ein weiterer interessanter Zusatz befasst sich mit dem Löschen der Daten nach ausdrücklicher Aufforderung durch den User, denn diese werden „für eine angemessene Zeitspanne in Sicherheitskopien“ einbehalten. Was Facebook hier für angemessen hält, ist unklar. Doch blieben die Informationen „stets dein Eigentum“. Deswegen seien die Daten für Dritte nicht zugänglich, außer „wir haben dich beispielsweise in diesen Richtlinien darüber informiert“. Interessant daran ist, dass Facebook also weiß, dass die User die Richtlinien auch lesen.

„Gefällt mir“-Button verstößt gegen Datenschutzrecht

Insbesondere der „Gefällt mir“-Button beschäftigt die Datenschützer zunehmend. Das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz (ULD) forderte zumindest in Schleswig-Holstein im August 2011 alle Webseitenbetreiber auf, die „Facebook-Reichweitenanalyse ab(zu)schalten'. Das ULD kommt zu dem Ergebnis, dass derartige Angebote gegen das Telemediengesetz und gegen das Bundesdatenschutzgesetz bzw. das Landesdatenschutzgesetz Schleswig-Holstein verstoßen. Weiter heißt es: „Wer einmal bei Facebook war oder ein Plug-In genutzt hat, der muss davon ausgehen, dass er von dem Unternehmen zwei Jahre lang getrackt wird“, also verfolgbar ist, wo der User wann, wie lange und zu welchem Zweck war. So können durch den „Gefällt-mir“ Button Trackingrouten und Verhaltensprofile erstellt werden. Hinzu kommt, dass die User darüber „keine hinreichende Information“ erhalten und „kein Wahlrecht“ besteht. Weiter heißt es: „Die Formulierungen in den Nutzungsbedingungen und Datenschutzrichtlinien von Facebook genügen nicht annähernd den rechtlichen Anforderungen an gesetzeskonforme Hinweise, an wirksame Datenschutzeinwilligungen und an allgemeine Geschäftsbedingungen.“

Hacker als investigative Datenschützer?

Nicht alle Hacker stehlen Daten.  Foto: Antje Delater / Pixelio.de

Nicht alle Hacker stehlen Daten.
 Foto: Antje Delater / Pixelio.de
 

Ein weiteres Beispiel, wie unsicher das Internet ist, ist Sony und sein Online-Gaming-Network der Playstation 3. Im April 2011 legen Hacker die Server lahm und stehlen um die 77 Millionen Kundendaten inklusive Kreditkartennummern. Doch viele beschäftigen sich im Anschluss ausschließlich mit der Frage, wer die Angreifer sind und ob es sich um Cyber-Kriminelle handele. Der Verdacht fällt schnell auf die Cyber-Aktivistengruppe Anonymous. Doch in ihrem Blog weisen die Hacker alle Vorwürfe von sich.

Sparwahn eines Großkonzerns?

Doch die Antwort auf eine andere wichtige Frage tritt in den Hintergrund: Wie kann es möglich sein, dass empfindliche Kundendaten von einem internationalen Großkonzern gestohlen werden können? Und welche unternehmerischen Fehlentscheidungen hat Sony bei der Sicherheitsarchitektur gemacht? Man könnte sagen, dass es ohne die Attacke gar nicht aufgefallen wäre, dass persönliche Daten unzureichend geschützt wurden. Zu verdanken ist das auch Hackern, die im Internet Rechtsverstöße seitens Unternehmen und auch Regierungen aufdecken und publik machen. Diese Cyber-Aktivisten oder Hacktivisten bilden in den Weiten des Internets eine Art Datenschutzbeauftragte. Manchmal eben auch unfreiwillig.

„Google ist dein Freund!“

Für Hacker Hedo fällt der Rat an die User kurz und einleuchtend aus: „Google ist dein Freund – bring dir was bei, es ist alles da! Es ist kein fehlendes Wissen, sondern fehlendes Interesse oder Motivation.“ Aber nicht jeder ist Informatiker oder wird gar zum Hacktivisten. Muss er auch nicht, denn bereits eine gewisse Aufmerksamkeit bei Änderungen des Datenschutzes beispielsweise bei Facebook oder der vorsichtige Umgang mit der Veröffentlichung von Konto- und Kreditkartendaten im Internet helfen, persönliche Daten auch als solche zu belassen. So scheint ein alter Spruch Immanuel Kants aus der Zeit der Aufklärung wieder an Bedeutung zu gewinnen. Denn: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

Augen auf im Internet

Das Internet zwingt uns in seiner jetzigen Form regelrecht zu hoher Aufmerksamkeit, den bis dato halten sich auch internationale Konzerne nicht an deutsches Recht. Die einzige Möglichkeit, relativ sicher zu surfen ist also, sich weiterzubilden, zu versuchen, die Zusammenhänge hinter den Dingen zu verstehen, und Meister Google zu fragen, falls man nicht weiß, wie man seine Daten ausreichend schützt. Nur so kann das Internet davor bewahrt werden, zum zunehmend rechtsfreien Raum zu deformieren, in der die Dystopie der totalen Überwachung eines George Orwell Wirklichkeit wird.

Marion E.