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Die Zukunft der Energieversorgung nach dem Atomausstieg

Erneuerbare Energien - dezentral und demokratisch?

Der Atomausstieg ist nach dem Atomunfall von Fukushima im März 2011 Konsens aller politischen Parteien im deutschen Bundestag. Der Ausbau erneuerbarer Energien schreitet voran. Doch wie wird die Versorgungsstruktur 2020 aussehen und welche Auswirkungen wird diese auf die Mitwirkungsmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger haben? Aktuelle Entwicklungen anhand von drei Beispielen.

Der Umbau der Energieversorgung in Richtung erneuerbarer Energien ist bereits seit zehn Jahren in vollem Gange. Deren Anteil am deutschen Stromverbrauch wuchs laut Umweltbundesamt (UBA) von damals 4,2 Prozent auf etwa 17 Prozent Ende 2010. Maßgeblich verantwortlich dafür ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) aus dem Jahr 2000. Es garantiert die Einspeisung erneuerbarer Energien ins Stromnetz und legt gesetzlich garantierte Vergütungen für bis zu 20 Jahre fest.

Zusammenspiel regenerativer Energien in der Moorbacher Energielandschaft. Foto: juwi

Zusammenspiel regenerativer Energien in der Moorbacher
 Energielandschaft. Foto: juwi
 

Eine entscheidende Weichenstellung beim Umbau der Energieversorgung besteht darin, ob der Ausbau erneuerbarer Energien maßgeblich dezentral erfolgt oder durch Großprojekte vorangetrieben wird. Ein Aspekt der dezentralen Energieversorgung, der nur wenig beachtet wird, ist dessen Auswirkung auf die demokratische Kontrolle des Energiesystems durch Politik und Bürger. Hermann Scheer, der verstorbene Vordenker für erneuerbare Energien, schrieb in seinem letzten Buch „Der EnergETHISCHE Imperativ“ sogar: „Ein schneller Energiewechsel bedarf zahlreicher autonomer Akteure, die mit ihren Initiativen nicht warten wollen und nicht abwarten müssen, was andere tun. (…) Der Wechsel zu erneuerbaren Energien hat eine zivilisationsgeschichtliche Bedeutung.“ Diese lässt sich anhand von drei Beispielen deutlich machen.

Bürger gründen Energiegenossenschaften

Kommunaler Bürger-Solarpark Garching. Foto: Green City

Kommunaler Bürger-Solarpark Garching. Foto: Green City

Die Idee von Energiegenossenschaften ist, dass Bürgerinnen und Bürger gemeinsam, lokal und regional in ihre Zukunft investieren. Sie wollen so den Klimaschutz in die eigene Hand nehmen. Eine Besonderheit des Genossenschaftsmodells ist, dass Selbstverwaltung, Mitbestimmung und Eigeninitiative fest verankert sind. Jedes Mitglied hat unabhängig von seiner Einlage eine Stimme. So soll verhindert werden, dass einzelne finanzstarke Mitglieder Entscheidungen dominieren können. Dadurch werden basisdemokratische Elemente in den Vordergrund gerückt und dem Bedürfnis nach Mitwirkungsmöglichkeiten Rechnung getragen.
 
 Ein Beispiel: Bürger der Stadt Schönau im Schwarzwald haben nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 nach einem langjährigen Prozess mit zwei Bürgerentscheiden 1995 das Ortsnetz übernommen. Die bürgereigenen Elektrizitätswerke Schönau haben sich nach der Liberalisierung des Strommarktes zu einem bundesweiten Ökostromanbieter entwickelt und sind genossenschaftlich organisiert.
 

Kommunen setzen auf Selbstversorgung mit erneuerbaren Energien

Nach Angaben des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) ist es längst zum Trend geworden, dass Kommunen ihre Stromnetze zurückkaufen und ihre Bürger selbst mit Energie versorgen wollen. Beim damit verbundenen Neubau von Kraftwerken wird zunehmend auf erneuerbare Energien gesetzt. Das Bundesumweltministerium (BMU) fördert seit 2008 im Rahmen seines Programms für kommunale Klimaschutzprojekte soziale, kulturelle und öffentliche Einrichtungen, die anspruchsvolle Klimaschutzkonzepte erstellen. Das Förderprogramm richtet sich an Gemeinden und Gemeindeverbände. Als wichtigen Aspekt stellt das BMU ausdrücklich heraus, dass Gemeinden ortsansässigen Unternehmen durch ihre Investitionen in den Klimaschutz neue Impulse geben können und so neue zukunftsträchtige Arbeitsplätze in der Region entstehen. Die Möglichkeit der Mitwirkung in kommunalpolitischen Gremien vor Ort enthält gleichfalls demokratische Elemente.

Großprojekte mit erneuerbaren Energien

Die Desertec Industrieinitiative hat sich zum Ziel gesetzt, Solarstrom in den Wüsten Afrikas zu produzieren und nach Europa zu transportieren. Dem Konsortium gehören Firmen wie E.ON, RWE, Siemens, Münchner Rück und Deutsche Bank an. Ziel bis 2050 ist es, etwa 15 Prozent des europäischen und bis zu hundert Prozent des Stromverbrauchs der Erzeugerländer zu decken. Der Investitionsbedarf für den Aufbau der Anlagen und des Transportnetzes wird auf mehrere 100 Milliarden Euro geschätzt und erfordert deshalb die Beteiligung finanzstarker Unternehmen.
 
 Im weniger bekannten Seatec-Projekt wollen die Nordseeanrainerstaaten ein gemeinsames leistungsstarkes Stromnetz in der Nordsee aufbauen, das großflächige Windparks auf See vernetzten soll. Die Schwankungen des erzeugten Windstroms sollen über skandinavische Wasserspeicherkraftwerke ausgeglichen werden.
 
 Diese Projekte entsprechen am ehesten dem großtechnischen Denken der Energiekonzerne. Ob damit eine von der betroffenen Bevölkerung vor Ort gestützte Entwicklung verbunden sein kann, bleibt offen.
 


 
 Bildquelle Teaserfoto: aboutpixel.de / Prodreamer123
 

Klaus Müller