Verwandlung

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Ein Stich fürs Leben

Unstillbare Sehnsucht nach Körperveränderung

Tätowierungen verändern Menschen, und das unübersehbar. Die Kunst des Tätowierens ist so alt wie die Menschheit selbst. Warum modifizieren Menschen ihre Körper und welche Auswirkungen hat das auf sie?

'Märchen vom Steinernen Affen'   Foto: JV

'Märchen vom Steinernen Affen' Foto: JV

Das Bedürfnis der Menschen, den eigenen Körper zu verwandeln und zu schmücken, ist seit jeher groß. Schon die Urmenschen bemalten neben ihren Höhlen auch ihre Haut. Körperverzierungen und Tätowierungen sind von Beginn an feste Bestandteile fast aller Kulturkreise, die ständig den neuen technischen Möglichkeiten angepasst wurden. Tätowierungen hatten in der Frühzeit häufig religiöse oder spirituelle Zwecke. Sie beschrieben und kennzeichneten aber auch die Identität, den Status oder den Beruf ihres Trägers.
 
 Akzeptanz und Ablehnung
 
 Seit den 1990er Jahren gewannen Tätowierungen in den westlichen Kulturkreisen erneut an Popularität. Was vor allem als Ausdruck einer Jugendbewegung begann, ist heute in allen Gesellschaftsschichten vorzufinden. Zu einer zunehmenden Akzeptanz dieser Körperkunst tragen seit geraumer Zeit auch berühmte Persönlichkeiten bei, die öffentlich ihre Tätowierungen zur Schau stellen und bei ihren Fans Nachahmung finden. Dies bestätigt Alex Neumie, 42, Tätowierungskünstler und Chef der Chaos Crew München: „Die Nachfrage wächst stetig und es gibt mittlerweile über 60 Tattoostudios allein in München. Häufig kommen auch Kunden, die das Tattoo ihres Lieblingsstars auf ihrem Körper tragen wollen, um diesem dadurch ein Stück näher sein zu können. Sehr gefragt sind derzeit unter anderem Schriftstyles, wie chinesische Schriftzeichen, Bibelsprüche oder Lebensleitsätze.“
 
 Tätowierungen können das Selbstbewusstsein ihrer Träger enorm steigern. Sie verändern deren Leben aber nicht immer nur positiv. Tätowierte werden mit anderen Augen angesehen und manchmal schneller be- oder verurteilt. Tätowierungen seien eben immer noch mit einem anrüchigen und asozialen Charakter behaftet, trotz ihrer mittlerweile breiten Akzeptanz, so Neumie.
 

Alex Neumie, Chaos Crew München Foto: JV

Alex Neumie, Chaos Crew München
 Foto: JV
 

Körperschmuck und Individualität
 
 Tätowierungen haben unterschiedlichste Funktionen und Bedeutungen. Sie dienen in erster Linie der Verschönerung des Körpers und sind Ausdruck von Individualität. Andere Gründe können Nachahmung und Gruppenzugehörigkeit, Unabhängigkeit und Erwachsenwerden oder Ausdruck von Protest und Rebellion sein. Ebenso können religiöse, spirituelle oder sexuelle Motive dahinter stehen.
 
 Für Alex Neumie sind die Beweggründe für seine Tattoos ganz unterschiedlicher Art: „In erster Linie sind sie für mich kosmetischer Körperschmuck. Daneben will ich damit aber auch bestimmte Dinge festhalten. Ich trage viele Glückssymbole auf meiner Haut, und Zeichnungen, die positive Dinge für mich ausdrücken und mich besonders inspirieren. Das Tattoo auf meinem Rücken erzählt das ´Märchen vom Steinernen Affen` und der Style auf meinem Bauch ist an ein Maori-Schilddesign angelehnt. Oft waren es auch bestimmte Zeitpunkte und Lebensabschnitte, die ich festhalten wollte. Gutgemachte Tätowierungen unterstreichen die eigene Persönlichkeit.“ Denn im Idealfall seien es immer innere Zustände und persönliche Dinge, die in Tattoos ihren Ausdruck finden, erklärt Alex Neumie.
 
 
 Askese und Energie
 
 Alle Arten der freiwillig durchgeführten, dauerhaften Veränderungen des körperlichen Erscheinungsbildes werden mit dem Überbegriff Body Modification zusammengefasst. Dazu zählen neben der Tätowierung das Piercing, das Branding, die Spaltung von Körperteilen, das Einsetzen von Implantaten und die Amputation einzelner Körperteile. Viele dieser Praktiken sind jahrhundertalter Brauch verschiedenster Völker und werden nicht als Selbstzerstörung angesehen, wie dies zum Beispiel bei masochistischem Verhalten der Fall ist. Sie dienen vielmehr der individuellen Verschönerung, Selbstverwirklichung und werden auch als Therapieform verstanden.
 
 „Beim Tätowieren setzt man sich bewusst mit sich selbst und seinem Schmerz auseinander. Man könnte es mit einer Art Zwangsmeditation vergleichen: Man ist gezwungen still zu halten und ist sich selbst ausgeliefert. Es hat meiner Meinung nach auch mit Askese zu tun“, erzählt Neumie über seine eigene Schmerzerfahrung beim tätowiert werden: „Aber wenn man dann eine schöne künstlerische Arbeit auf dem Körper tragen darf, macht das wahnsinnig glücklich und gibt einem Energie, weit über das Erklärbare hinaus.“
 

Alex Neumie beim Tätowieren Foto: Chaos Crew München

Alex Neumie beim Tätowieren Foto: Chaos Crew München

Verwandlung, ein Leben lang!
 
 Die überwiegend schmerzhaften Verfahren der Body Modifications scheinen dabei essentielle Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. „Mit jeder Tätowierung verwandelst du dich ein bisschen mehr in das, was du sein willst, wonach du dich sehnst. Und du steuerst diese Art von Verwandlung ganz bewusst. Ganz entscheidend ist dabei auch die Tatsache, dass man etwas für sich selber macht, das einem keiner mehr nehmen kann. Alles geht irgendwann kaputt, aber ein Tattoo bleibt dir ein Leben lang“, so Alex Neumie.
 
 Welche Motivation auch immer hinter einer Tätowierung steht, sie stellt den ersten Schritt zu einer eigens gewählten, dauerhaften, körperlichen Veränderung dar. Und mag die Tätowierung noch so klein und unauffällig am Körper platziert sein.
 
 
 Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare (Christian Morgenstern)