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Interview mit Saskia Dürr

Die Sehnsucht nach dem alten Schönen

Seit 2010 richtet Saskia Dürr, Rhetorik-Trainerin aus München, viermal jährlich die „Flüsterpartys“ aus. Unter „Flüsterpartys“ verstand man in den Zwanziger und Dreissiger Jahren heimliche, illegale Festivitäten, von man nur per Geflüster erfuhr.
 
 Was hat Sie dazu bewogen, Partys im Stil der Zwanziger Jahre auszurichten?
 
 Saskia Dürr: Ich kenne diese Art von Partys aus Berlin. Ich nenne die Bohème-Sauvage-Reihe auch gerne unsere „große Schwester“. Eigentlich hatte ich mit der Veranstalterin „Fräulein Else Edelstahl“ überlegt, hier gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Sie ist nur wahnsinnig beschäftigt und ich wollte nicht warten. Also habe ich angefangen, selbst Partys auszurichten.
 Wir sehen uns aber nicht als Konkurrenz! Im Gegenteil. Würde sie es endlich schaffen, auf eine unserer Flüsterpartys zu kommen, wäre sie natürlich Ehrengast.
 
 Was verbindet Sie selbst mit den Zwanziger und Dreißiger Jahren?
 
 Dürr: Ich habe diese Zeit schon immer geliebt – ich muss dazu sagen, dass ich auch Geschichte studiert habe. Es war eine Zeit der Freiheit. Frauen waren erstmals frei, konnten arbeiten oder alleine wohnen. Männer haben sich auch Stände übergreifend getroffen. Es war eine verruchte, eine verrückte Zeit, eine Zeit der Lebenslust, eine Zeit des Aufbruchs. Man probierte sich zum ersten Mal seit Jahrhunderten aus, durchbrach Konventionen. Im Leben, in der Musik in der Kunst. So etwas kann nur aus sehr schlimmen Erfahrungen heraus entstehen – und die gab es während und nach dem Ersten Weltkrieg genug.
 
 Wie erklären Sie sich den regelrechten „Vintage-Boom” auf unterschiedlichsten Gebieten?
 
 Dürr: Die Welt ist in gewisser Weise stillos geworden. Ich kann einfach mit diesem Laissez-Faire-Trend in der Mode, der aus den USA auch zu uns herübergeschwappt ist, nichts anfangen. Ich glaube, das geht mittlerweile vielen Menschen so. Die Leute wollen wieder Schönheit und Stil. Es ist die Sehnsucht nach dem alten Schönen. Das sieht man mittlerweile auch mehr und mehr in den Auslagen „normaler“ Modeläden. Mich freut das!
 
 Damit erklären Sie sich auch die steigende Nachfrage nach Veranstaltungen im Stil der Zwanziger, Dreißiger und Vierziger Jahre?
 
 Dürr:Meiner Meinung nach entsteht die Nachfrage nach solchen Partys aus dem menschlichen Urbedürfnis heraus, sich schön zu machen für etwas, auf das man sich freut. Man macht sich füreinander schön und man zelebriert es regelrecht.
 
 Der Vintage-Trend wird gemeinhin gerne darauf zurückgeführt, dass auch wir in einer recht unsicheren Zeit leben. Wie sehen Sie das?
 
 Dürr: Ich glaube nicht, dass das ein entscheidender Grund für das zunehmende Interesse an vergangenen Zeiten ist. Nach dem Ersten Weltkrieg haben die Menschen Not gelitten. Nur aus derartigen Existenzängsten heraus entsteht echte Kreativität. Leidensdruck beinhaltet sehr viel Potenzial. Nur wenn man nicht weiß, ob man den nächsten Tag überleben wird, kann man feiern, als ob es das letzte Mal wäre.