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Interview Dr. Annette Tretzel

Diplompsychologin, Deutsche Gesellschaft für Kinderwunschberatung (BKID) /
 zertifizierte Beraterin für psychosoziale Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch
 

Wie sind Sie zur Beratertätigkeit gekommen?
 Ich habe mich schon immer sehr für existenzielle Fragen interessiert. Fragen, in denen Menschen nach Sinn und Orientierung suchen. Nicht immer gelingt es, dem gedachten Weg zu folgen. Ich arbeite gern mit Themen, die sich mit dem Leben, aber auch mit dem Tod befassen. Ich freue mich, Menschen beim Suchen und Finden neuer Wege begleiten zu können.
 
 Was kann eine psychosoziale Beratung leisten?
 Das hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Gerade beim Kinderwunsch bringen oft schon wenige Sitzungen eine enorme Entlastung. Die Frauen oder Paare, die in meine Beratung kommen, haben in der Regel keine depressive Persönlichkeitsstruktur. Es handelt sich eher um eine depressive Episode, die durch dieses Ereignis ausgelöst wurde. Frauen, die unter einem unerfüllten Kinderwunsch leiden, ziehen sich oft zurück, sprechen nicht einmal mit der besten Freundin über das Thema und rutschen deshalb in einen depressiven Zustand ab. Hier sind Beratung und Begleitung von Nöten. Bei einem Todesfall bekommen Betroffene vom Umfeld tiefes Mitgefühl. Einem unerfüllten Kinderwunsch wird dagegen oft wenig Verständnis entgegengebracht. Im Gegenteil: Die Betroffenen fühlen sich oft sogar eher belächelt. Ich hatte kürzlich ein Paar in Beratung, bei dem der Mann völlig hilflos war. Er hatte seine Frau vorher noch nie so depressiv erlebt. Schon die Aussage, dass das in dieser Situation nicht ungewöhnlich ist, war für ihn eine Erleichterung. Die Paare lernen zu akzeptieren, dass es Situationen gibt, auf die man keinen Einfluss hat. In der Beratung versuche ich den Blick auf das zu lenken, was noch veränderbar ist - nicht nur im Bezug auf den Kinderwunsch. So bekommen die Paare ein Stück Kontrolle über das eigene Leben und damit Lebensqualität zurück. Oft sind an den Kinderwunsch auch andere erstrebenswerte Dinge gekoppelt; das kann der Umzug in eine größere Wohnung sein, oder eine dringend nötige Auszeit vom Job. Es kann sinnvoll sein, diese Schritte zuvor auch ohne Kind zu tun.
 
 Wie wird das Beratungsangebot zum unerfüllten Kinderwunsch angenommen?
 Ich arbeite über zehn Jahre in diesem Bereich. In den letzten Jahren hat die Nachfrage deutlich zugenommen. Vielleicht auch dadurch, dass der unerfüllte Kinderwunsch und die damit verbundenen psychischen Probleme mehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Damit ist die Beratung allgemein akzeptierter. Durch unsere Internetseite zum Kinderwunsch und die Kinderwunschforen von pro familia, werden die Leute auch auf unser Beratungsangebot aufmerksam. Im Durchschnitt führen wir hier wöchentlich zwei persönliche Beratungen durch und bearbeiten mehrere Anfragen. Stark vertreten sind Frauen und Paare ab Mitte 30. Es kommen aber zum Beispiel auch Paare, bei denen die klare Diagnose Unfruchtbarkeit vorliegt. Wir beraten in allen Phasen des Kinderwunsches, egal, ob die Paare schon in einer reproduktionsmedizinischen Behandlung sind, sich in der Entscheidungsphase befinden, sich klar gegen jegliche medizinische Behandlung entschieden haben oder eben nur einen neuen Weg suchen, sich vom Kinderwunsch zu verabschieden.
 
 Können Sie uns ein besonders berührendes Beispiel aus Ihrer Beratertätigkeit nennen?
 Mir fällt ein bestimmtes Paar ein, das durch die Beratung wieder einen guten Kontakt zueinander gefunden hat. Die Beziehung und auch die Sexualität waren sehr schwierig geworden. Das Problem ist häufig, dass der Mann vorgibt, stark zu sein – auch wenn ihn die Situation sehr belastet. So war es auch in diesem Fall. Mit unserer Unterstützung haben es die beiden geschafft, etwas in ihrem Leben zu verändern. Die Frau hat trotz Karriereeinbußen ihren Job reduziert, der Mann endlich sein Büro aus der Wohnung ausgelagert. Die beiden haben sich durch gemeinsame Aktivitäten immer wieder eine kleine Auszeit vom Kinderwunsch genommen. Der ist zwar deswegen nicht weg, aber es gibt noch andere wichtige und schöne Dinge im Leben.
 
 Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Reproduktionsmedizinern?
 Sie könnte meiner Meinung nach besser sein. Kinderwunschzentren legen zwar unsere Flyer aus, schicken aber selten jemanden direkt zur Beratung. Das kann natürlich daran liegen, dass vor Ort manchmal direkt mit psychosozialen Beraterinnen kooperiert wird. Bei unserer Fachveranstaltung „Forum Kinderwunsch“ im vergangenen Dezember waren unter den knapp 60 Teilnehmern auch Reproduktionsmediziner – es scheint also durchaus Interesse zu geben. Ich würde es begrüßen, wenn die Ärzte von sich aus mehr auf die psychosoziale Beratung hinweisen würden. Insbesondere dann, wenn sie psychische Belastungen wahrnehmen.
 
 Was wünschen Sie sich für die Beratung an sich?
 Sie muss selbstverständlicher und akzeptierter werden. Für die Frauen und Paare wünsche ich mir, dass sie sich selbst weniger die Schuld geben.
 
 Wie beschreiben Sie ihre persönliche berufliche Herausforderung?
 Ich muss sagen, dass ich mit dem, was ich tue, glücklich bin. Meine berufliche Herausforderung sehe ich auch in der theoretischen Arbeit. Diesen Aspekt kann ich bei meinen Fachartikeln und meinen Fortbildungen bei pro familia einbringen. Das ist ein anderes Arbeiten als in der Therapie oder Beratung. Beide Aspekte zusammen zu bringen, macht mir großen Spaß.