Münchener Nacht des Menschenrechts-Films
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Jurybegründungen

Kategorie Profi
 Mädchengeschichten: Esther und die Geister
 von Heidi Specogna
 

Mädchengeschichten: Esther und die Geister

Mädchengeschichten: Esther und die Geister

Wie sagt man: Das erste Opfer des Krieges ist die Unschuld. Im Falle von Esther und ihrer Schwester Judith handelt es sich dabei um eine besonders bittere Wahrheit. Die beiden Mädchen aus der Zentralafrikanischen Republik wurden als Kinder von kongolesischen Rebellen überfallen und vergewaltigt.
 
 Dieser Dokumentarfilm, der für die 3sat-Reihe MÄDCHENGESCHICHTEN entstand, verliert diese grausame Vergangenheit der Mädchen nie aus den Augen, richtet seinen Blick aber vorwiegend auf die Zukunft und das Ringen der beiden um ein Stück Normalität. Esther möchte ihr Französisch verbessern, sie will arbeiten, eine Familie haben und endlich die Geister loswerden, die sie von Zeit zu Zeit heimsuchen und ihr jegliche Kraft nehmen.
 
 Heidi Specogna gelingt mit ihrer sensiblen, vertrauensvollen und intensiven Arbeit mit den beiden Mädchen ein äußerst berührender Film, der zwei Opfern eines Krieges ihre Würde belässt und eine Lebensperspektive gibt. Ein wichtiger Film und eine klare Botschaft.
 

Kategorie Kurzfilm/Magazinbeitrag
 Bon Voyage
 von Fabio Friedli
 

Bon Voyage

Bon Voyage

Was zunächst wie eine fröhliche Exkursion beginnt, wird erst andeutungsweise und dann immer deutlicher zur Überlebens-Reise. Mit reduzierten Mitteln erzählt dieser Kurzfilm das Schicksal von unzähligen Flüchtlingen, die – auf der Suche nach einem Leben, das ihnen Chancen auf Entwicklung ermöglicht – einen Weg gehen, der den Tod vieler billigend in Kauf nimmt. Die Strichzeichnungen, die aussehen wie mit dem Kugelschreiber gemacht, aber am Computer realisiert sind, machen das Schicksal der einzelnen Betroffenen zu einem banalen Vorgang, an dem sich niemand stört. So einfach die Strichzeichnungen von ihrer formalen Gestaltung auch sind, so ironisch oder fast sarkastisch zeichnen sie die menschenverachtende Situation von Flüchtlingen aus Afrika nach. Diese Menschen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um nach Europa zu kommen, bleiben für uns Europäer meist gesichtslos – genau wie die Strichmännchen.
 
 Die Jury hat diesem formal sehr reduzierten Animationsfilm den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2012 in der Kategorie Kurzfilm zuerkannt, da die Flüchtlingsproblematik in sechs Minuten präzise auf den Punkt gebracht wird, ohne immer wieder aufs Neue überraschende Wendungen zu nehmen. Das Ende des Kurzfilms, das uns plötzlich mit realen Personen konfrontiert, evoziert das Schicksal eines Asylbewerbers umso eindringlicher. Der Ausgang des Kurzfilms aber bleibt offen – auch dies eine Stärke des Films – und wir Zuschauer bleiben nachdenklich zurück.
 

Kategorie Filmhochschule
 Rausch
 von Verena Jahnke
 

Rausch

Rausch

Im Juli 2006 verbietet der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den Einsatz von Brechmitteln im deutschen Justizvollzug. Zwei Menschen waren zu diesem Zeitpunkt in Deutschland bei dieser Methode zur Beweismittelerlangung schon gestorben, das Verfahren wurde aber von den Behörden nicht hinterfragt. Erst eine Entscheidung auf europäischer Ebene zwingt Deutschland eine Methode abzuschaffen, die vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mit Folter gleichgesetzt wird – ausgerechnet Deutschland, den Musterschüler in Sachen Menschenrechte? Genau hier setzt der Film RAUSCH von Verena Jahnke an. Zwar erst 2010 entstanden, nimmt sich die Regisseurin einen solchen Fall zum Beispiel.
 
 Zwei Polizeibeamte nehmen einen vermeintlichen Drogendealer fest, der – so vermuten sie – die Drogen verschluckt hat, um davonzukommen. Auf der Wache wird die Beweissicherungsärztin Dr. Angelika Thoma hinzugeholt, wunderbar gespielt von Susanne Lothar, in einer ihrer letzten Rollen. Streng nach Vorschrift wird der Gefangene, nachdem er sich gegen die Einnahme eines Brechmittels wehrt, an einen Stuhl gefesselt und das Mittel wird ihm per Magensonde zugeführt, damit er die Drogen erbricht.
 
 In jedem Moment glaubt man dem Film, dass sich das bis zum Verbot dieser Methode in Polizeirevieren immer wieder so abgespielt hat und ist schockiert, dass eine so menschenunwürdige Behandlung so lange toleriert wurde. Und genau das ist die Qualität dieses Films. Die Inszenierung ist glaubhaft und professionell. Verena Jahnke zeigt wahre Menschen, mit ihren eigenen Problemen, die in den Berufsalltag mit hineinspielen. Sie zeigt die Überforderung des Individuums in Grenzsituationen und den Moment, wenn die Grenze des Menschlichen überschritten wird. Regeln, Anweisungen, Mechanismen, auch polizeiliche Zwangsmaßnahmen mögen rechtsstaatlich in Ordnung sein und gesetzlich genehmigt. Sie müssen aber immer wieder hinterfragt werden, spätestens dann, wenn in der Praxis klar wird, dass durch die Buchstaben des Gesetzes Menschenrechte so offensichtlich verletzt werden. Dafür steht Verena Jahnke mit ihrem Film RAUSCH.
 

Kategorie Amateure
 Syrien – Zwischen Verzweiflung und Hoffnung
 von Tim Hartelt
 

Syrien – Zwischen Verzweiflung und Hoffnung

Syrien – Zwischen Verzweiflung und Hoffnung

Der arabische Frühling hat Syrien erreicht. Ein Funke ist übergesprungen von Tunesien, Libyen und Ägypten. Der Funke flog in ein Land, dessen Regime die Bürgerrechte seit Jahrzehnten missachtet. Er hat ein entsetzliches Feuer entfacht, weil Präsident Assad das Militär in einen Krieg gegen das Volk schickt. Die Weltöffentlichkeit weiß das. Die Weltöffentlichkeit hat auch Assads monströse Lüge gehört: „Wir töten unser Volk nicht. Keine Regierung auf der Welt tötet ihre Menschen.“
 
 Was geschieht nun in Syrien? Was bedeutet es, wenn eine Armee gegen das Volk kämpft? Welche Ungerechtigkeit, Willkür und Brutalität waltet schon seit langem in Assads Regime? Der Dokumentarfilm SYRIEN – ZWISCHEN VERZWEIFLUNG UND HOFFNUNG führt uns vor Augen, wie die Bevölkerung seit Jahrzehnten unter einem Clan leidet, der die Staatsmacht als Erbdynastie von unbeschränkter Selbstherrlichkeit und Despotie begreift. Unterdrückung jeder Form von Opposition, Übergriffe gegen Demonstranten, Folter und maßlose Härte haben sich über lange Zeit in diesem Land ausgebreitet. Das Militär bekämpft Wehrlose und macht selbst vor Kindern nicht halt. Die Zeitzeugen des Films berichten davon aus unmittelbarer Erfahrung.
 
 Der 17-jährige Tim Hartelt verleiht in seinem Film syrischen Exilanten mit ihrem Leid, ihrer Wut und ihren politischen Forderungen eine Stimme. Er gibt zahlreichen Interviewpartnern Raum für ihr breites Meinungsspektrum und geht intensiv auf divergierende Haltungen ein. Hartelt bringt Bilder zum Vorschein, die eine beängstigende Vorstellung von den Auswirkungen des Bürgerkrieges vermitteln. Sein sehr engagierter Film verlangt eine Reaktion von seinen Zuschauern. Danach kann man nicht mehr sagen, man habe nicht gesehen und nicht gewusst, was in Syrien passiert.
 

Kategorie Bildung
 Five Ways To Kill A Man
 von Christopher Bisset
 

Five Ways To Kill A Man

Five Ways To Kill A Man

Christopher Bisset ist etwas ganz Besonderes gelungen: ein eindrucksvoller Film, der manche schockiert, andere doch zumindest irritiert zurücklassen wird. Und uns alle unmissverständlich auffordert, die Selbstverständlichkeit, mit der unser Lebensstil auf der Ausbeutung von Mensch und Natur beruht, zu hinterfragen. Bisset gelingt es dabei, die komplexe Frage nach der Schuld des Einzelnen in unübersichtlichen globalen Zusammenhängen in eindrückliche Bilder zu übersetzen.
 
 Sam begegnet im Lauf des Tages fremden Menschen: Den chinesischen Kindern, die seine Schuhe genäht haben, der Frau aus Brasilien, die seine Kaffeebohnen gepflückt hat, dem Scheich, der Öl für sein Benzin gefördert hat. Einige der Menschen begleiten ihn ein Stück, essen mit ihm, flirten mit ihm. Am Ende des Tages wird er alle diese Menschen wieder los, indem er sie in einem Müllwagen entsorgt.
 
 Überzeugend ist Christopher Bissets Idee, dass Sam – beziehungsweise wir – denen, die ausgebeutet werden, um unsere Produkte möglichst billig herzustellen, tatsächlich begegnet. Und noch überzeugender ist die Konsequenz, mit der er diese Geschichte zu Ende führt. Alles wird entsorgt, landet letztlich auf dem Müll. Ein subtiler und vielschichtiger Beitrag zum Thema Menschenrechte.
 
 Für die Bildungsarbeit ist dieser kurze, beeindruckende und auch technisch gut gemachte Film ein Geschenk. Jugendliche werden der Geschichte leicht irritiert, aber mit großem Interesse folgen. Sie werden vom Ende überrascht, vielleicht sogar schockiert sein. Sie werden diskutieren und Fragen aufwerfen: „Was haben diese Menschen mit mir zu tun? Löst mein Konsumverhalten Kollateralschäden aus, die ich billigend in Kauf nehme? Trage ich Verantwortung für die Ausbeutung in der globalisierten Welt? Und wenn ja, wie kann ich mit dieser Verantwortung umgehen?“
 
 All diese Fragen provoziert der Film von Christopher Bisset, ebenso wie die unausgesprochene Aufforderung, sich zu informieren, sich eine eigene Meinung zu bilden und für Menschenrechte einzutreten.