Kunstauktion für Mädchen in Nepal

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Interview mit Dr. Johanne Feldkamp - Geschäftsführerin von pro filia e.V.

In welches Projekt fließt der Erlös dieser Auktion?
 
 Im Vordergrund steht das Projekt Reha-Heim Itahari. Hierhin kommen Mädchen und junge Frauen aus Nepal, die aus indischen Bordellen gerettet oder vor einem Verkauf von ihren Eltern bewahrt werden konnten und nicht nach Hause zurückkehren können oder wollen. Auch Opfer häuslicher Gewalt finden hier Zuflucht. Ziel ist es, die Betroffenen auf ein selbständiges Leben vorzubereiten. In Itahari werden sie versorgt und erhalten medizinische, soziale und psychologische Hilfe in Einzel- und, falls möglich, in Familiengesprächen. Mädchen und junge Frauen können lesen und schreiben lernen und nehmen an beruflichen Trainings teil, die ihnen ein eigenes Einkommen sichern sollen: Beispielsweise als Schneiderinnen, in der modernen Landwirtschaft, Verarbeitung und Verkauf haltbarer Gemüse und - auf Initiative von pro filia seit 2012 - mithilfe von PC-Kursen: Letztere bedeuten vor allem gute Verdienstmöglichkeiten.
 

Dr. Johanne Feldkamp

Dr. Johanne Feldkamp

Nach ihrem Austritt aus dem Reha-Heim werden die Mädchen und jungen Frauen im Idealfall durch Hausbesuche begleitet. Größtmöglichen Schutz und Unterstützung finden sie außerdem über Netzwerke des Reha-Heims zu anderen Nichtregierungsorganisationen, behördlichen Stellen und weiteren Hilfseinrichtungen. Aufklärungsveranstaltungen über Gewalt gegen Mädchen und Frauen und die Gefahren von Versklavung durch Verkauf an indische Bordelle werden in nepalesischen Schulen durchgeführt. Berufsgruppen wie Polizisten, Zöllner und Grenzbeamte werden gezielt geschult, um das Bewusstsein für die Gefahr von Mädchenhandel nach Indien zu schärfen und konstruktive Strategien für den Umgang mit potenziellen Tätern und Opfern zu vermitteln. Zum Teil werden auch angebliche Freier in die Bordelle eingeschleust, die letztlich die Befreiung von versklavten Mädchen bewirken.
 
 Was können Sie mit den Spendengeldern konkret bewirken?
 
 Vor zwei Jahren fragte MAITI Nepal an, inwieweit wir von pro filia das Reha-Heim Itahari finanziell unterstützen könnten, da ihre eigenen Mittel am Versiegen waren. Wir hielten das Projekt für so wichtig, dass wir durch die Einnahmen der pro filia-Kunstauktion 2011 einen Teil der Kosten übernehmen konnten. Ziel ist es Itahari durch die diesjährige Kunstauktion ein ganzes Jahr lang am Leben zu erhalten. Im Jahr 2012 wurden in Itahari 43 Mädchen betreut, 37 nahmen an Trainingsmaßnahmen teil.
 
 Wie garantieren Sie, dass die Einnahmen zu hundert Prozent den betroffenen Mädchen in Nepal zu Gute kommen?
 
 Erstens sind alle Mitarbeiter des Vereins ehrenamtlich tätig, sämtliche Verwaltungskosten werden entweder durch Sponsoring oder zusätzliche Vorstandsspenden finanziert. Zweitens haben wir uns zur transparenten Darstellung der Einnahmen und Ausgaben auf unserer Homepage selbstverpflichtet. Und drittens durch klare Verabredungen mit MAITI hinsichtlich der Qualitätsstandards – bei der Arbeit und im Berichtswesen.
 
 Bei einer Geldüberweisung erhalten wir eine Bank-Eingangsbestätigung für die Geldsumme und das daraus zu finanzierende Projekt. Im ersten Quartal jeden Jahres legt uns MAITI eine Aufstellung aller Ausgaben für das vorangegangene Jahr vor. Das Finanzamt Münster hat bisher bei Vorlage dieser Bilanzen noch keinerlei Einwände gehabt. Zusätzlich schreibt uns MAITI einen detaillierten Bericht über die jeweiligen Aktivitäten im konkreten Projekt. Die Geschäftsführerin und weitere Vertreter von pro filia reisen in regelmäßigen Abständen nach Nepal, um vor Ort mit den MAITI-Verantwortlichen Bilanz zu ziehen, die Umsetzung der Projekte zu begutachten und die nächsten Schritte abzustimmen. So auch wieder im kommenden Oktober 2013.
 
 MAITI ist Ihre Partnerorganisation in Nepal. Können Sie mir konkrete Beispiele nennen, wie MAITI Nepal vor Ort hilft?
 
 MAITI führt neun Schutzhäuser an der indischen Grenze (eines finanziert von pro filia), zwei Reha-Heime (eines davon finanziert pro filia bislang anteilig, Itahari), führt Aufklärungskampagnen und Schulungen von Schlüsselpersonen durch (in den Bezirken Bhairahawa und Ilam zum großen Teil von pro filia finanziert), hat etliche Grenzbeobachterinnen angestellt (die Gehälter von 20 Grenzbeobachterinnen bezahlt pro filia) und leistet einiges an präventiver Arbeit.
 
 Konkretes Beispiel „Grenzbeobachterinnen“: Das sind junge Frauen, die ihre Zeit im Bordell überlebt haben und gerettet werden konnten, von MAITI ausgebildet wurden und einen Arbeitsplatz direkt an belebten Grenzübergängen nach Indien erhalten. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrung sprechen die Grenzbeobachterinnen ihnen als gefährdet erscheinende Mädchen direkt an und bieten als sofortigen Zufluchtsort das nah gelegene Schutzhaus an. Jede Grenzbeobachterin vermittelt pro Jahr etwa 50 Mädchen direkt von der indischen Grenze in ein Schutzhaus und eröffnet ihnen damit die Chance auf ein besseres, selbstbestimmtes Leben.
 
 Können Sie uns ein Einzelbeispiel von einem Mädchen geben, dessen Leben sich dank pro filia und MAITI Nepal zum Guten gewendet hat?
 
 Eine der Grenzbeobachterinnen hat bei unserem letzten Aufenthalt vor Ort mit uns gesprochen. Von ihrer Vergangenheit wollte sie nicht direkt berichten, weil sie ganz offenbar die Hölle erlebt hatte. Nur so viel: Sie hatte fünf oder sechs Jahre im Bordell zugebracht, konnte überraschenderweise gesund entkommen und machte die Ausbildung zur Grenzbeobachterin. Jetzt ist es ihr Wunschtraum, weiterhin als Grenzbeobachterin zu arbeiten, weil sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben unabhängig fühlt, mit anderen Kolleginnen zusammen wohnen kann und das Gefühl hat, wirklich sinnvolle Arbeit zu leisten.
 
 Wenn den Mädchen die Flucht aus den Bordellen nicht aus eigener Kraft gelingt, wie kann ihnen geholfen werden?
 
 Das ist eine schwierige Angelegenheit, weil die Mädchen oft verraten werden, bevor sie fliehen können und deswegen kaum mehr Vertrauen entwickeln. Mitarbeiter von Partnerorganisationen versuchen, als Freier getarnt, Zugang zu den Bordellen zu erhalten und Kontakt zu den minderjährigen und zwangsprostituierten Mädchen zu knüpfen. Sie versuchen ihr Vertrauen zu gewinnen, nennen ihnen Anlaufadressen, an die sie sich auf der Flucht wenden können. Sie versuchen die Mädchen dazu zu ermutigen, sich bei den nächsten Polizeirazzien nicht zu verstecken, sondern sich bemerkbar zu machen, zu schreien und damit zu zeigen, dass sie gegen ihren Willen festgehalten werden. Bei diesen Razzien sind dann oft dieselben Mitarbeiter der Hilfsorganisationen dabei, die die Mädchen dann anhand der Stimmen oder Gesichter wiedererkennen können und ihnen auf diese Weise Mut machen.
 
 Die Mädchen werden durch angebliche Arbeitsangebote und Heiratsversprechen nach Indien gelockt oder von ihren Eltern verkauft. Handelt es sich dabei gezielte, falsche Informationen oder nehmen die Eltern in Kauf, dass ihre Kinder in Bordellen enden?
 
 Beides. Aber im Vordergrund steht das Problem, dass Mädchen und Frauen als Menschen zweiter Klasse wahrgenommen und schon seit vielen Jahrhunderten verkauft werden. Auch deswegen, weil es kein Rentensystem gibt, sondern die Söhne für die Versorgung der Eltern verantwortlich sind, und ihre Töchter den Eltern nicht helfen können. Die Lockangebote richten sich an Eltern, aber auch an die Mädchen selbst. Ihnen geht es oft sehr schlecht, weil sie viel arbeiten müssen und oft nicht ausreichend zu essen haben. Die wissen gar nicht, was auf sie zukommt, wenn sie beispielsweise zwangsverheiratet werden sollen. Vielmehr sehen sie darin eine Chance, ihrem bisherigen Leben zu entkommen und sich etwas Neues aufzubauen.
 
 Mit welchen Schwierigkeiten haben Sie in der Kooperation mit Partnerorganisationen am meisten zu kämpfen?
 
 Insgesamt handelt es sich seit Beginn der Zusammenarbeit im Jahr 2009 um eine sehr gute Kooperation. Manchmal werden bei der Entwicklung neuer Projekte die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe spürbar, die aber nach intensiven Gesprächen und regem E-Mail-Verkehr zu Lösungen führen, mit welchen beide Seiten leben können. Beispiel: Unser Wunsch, dass Mädchen und junge Frauen nicht nur klassische Frauenberufe lernen, die zumeist wenig Geld und Anerkennung bringen, sondern beispielsweise eine PC-Ausbildung für diejenigen, die lesen und schreiben können und Interesse daran haben.
 
 Erste Reaktion aus dem traditionellen nepalesischen Verständnis: „Ist das nicht zu technisch für Mädchen?“ Wir haben uns dann aber darauf verständigt, einen Versuch zu starten und Erfahrungen zu sammeln. Der erste dreimonatige PC-Kurs für elf Mädchen fand jetzt gerade statt und wir hoffen auf einen Ausbau der Maßnahme.
 
 Was hat pro filia mit seinem Engagement schon erreicht?
 
 In den vier Jahren der Zusammenarbeit hat pro filia jährlich im Durchschnitt die Betreuung von 350 – 400 Mädchen im Schutzhaus und/oder Reha-Heim bewirkt, die Ausbildungskosten von 32 Grenzbeobachterinnen übernommen, die Gehälter von Grenzbeobachterinnen bezahlt – zurzeit sind es 20. pro filia hat die die Rückführung von 19, aus indischen Bordellen befreiten, jungen Mädchen nach Nepal bezahlt, die Reise- und Hotelkosten für ein aus dem Bordell befreites und nach Nepal zurückgekehrtes Mädchen und eine MAITI-Begleiterin übernommen, die in Mumbai anlässlich eines Prozesses gegen einen Mädchenhändler aussagen sollten; dieser wurde verurteilt.
 
 pro filia hat Aufklärungskampagnen, den Aufbau von Hilfsnetzwerken und Schulungen von Schlüsselpersonen in den Grenzbezirken Bhairahawa und Ilam finanziert, mit denen jedes Jahr 10 bis 15.000 Menschen erreicht wurden. pro filia finanziert Aufklärung in Comicform und als Sketche, damit sie die Mehrheit der nepalesischen Bevölkerung, die nicht lesen kann, erreicht. pro filia hat die Aufenthaltsräume der Schutzhäuser Bhairahawa und Pashupatinagar neu eingerichtet, und ein neues Grenzhäuschen für die Grenzbeobachterinnen an der indischen Grenze bezahlt.
 


 Dr. Johanne Feldkamp ist Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin und Geschäftsführererin bei pro filia e.V.
 „In der Vergangenheit habe ich auch in Deutschland immer wieder Benachteiligungen
 von Mädchen und Frauen erlebt. So war es z.B. bis 1977 möglich, dass ein Ehemann
 seiner Frau eine Berufstätigkeit untersagen konnte. Bei Reisen durch afrikanische und
 asiatische Länder verstärkte sich das Gefühl großer Ungerechtigkeit hinsichtlich der
 Stellung von Frauen. Aus einer Mischung von Zorn und Schmerz heraus entstand
 mein Wunsch, aktiv dazu beizutragen, Mädchen eigenständige Lebensperspektiven
 zu eröffnen - vor allem in Ländern wie z.B. Nepal, in denen ihnen noch in vielen
 Gegenden jede Menschenwürde und manchmal sogar das Lebensrecht genommen
 wird.“