Interview mit Agnes Streber

„Wir möchten das Bewusstsein der Verbraucher für die gesamte Wertschöpfungskette der Lebensmittel schärfen“

Agnes Streber über die Ziele der bayerischen Infokampagne essensWert

Foto: Ernährungsinstitut  KinderLeicht

Foto: Ernährungsinstitut
 KinderLeicht
 

Sie gelten als Pionierin der Ernährungswissenschaft und haben 1999 das Ernährungsinstitut KinderLeicht gegründet. Woher stammt Ihre Motivation zur Infokampagne essensWert gegen Lebensmittelverschwendung?
 
 Auf der Klimakonferenz in Kopenhagen im Jahr 2009 ist mir klar geworden, dass wir auf keine politischen Entscheidungen warten können, sondern selbst die Initiative zur Reduzierung von Treibhausgas ergreifen müssen. Wenn man bedenkt, dass sowohl bei der Produktion als auch dem Transport von Lebensmitteln CO2 entsteht, sieht man sofort, wie jeder Einzelne aktiv werden kann. Pro Jahr werden rund ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel weggeworfen. Es ist eine Schande und dagegen müssen wir etwas unternehmen.
 

Im Durchschnitt entstehen pro Einwohner jährlich 81 kg an Lebensmittelabfällen, wovon 53 kg vermeidbar wären. Wo setzt die Infokampagne essensWert an?
 
 Die Kampagne setzt sich zum Ziel, den Wert scheinbar wertloser Lebensmittel in den Blick zu rücken. Im ersten Teil der Kampagne wollen wir die Verbraucher für das Thema sensibilisieren und das Bewusstsein für die gesamte Wertschöpfungskette der Lebensmittel schärfen. In Workshops geben wir den Teilnehmern alltagstaugliche Tipps an die Hand. Im zweiten Teil diskutieren wir im Rahmen einer Fachtagung das Thema Lebensmittelabfall mit Experten aus Wissenschaft, Logistik, Journalismus/Film, Handel, Abfallwirtschaft, Gastronomie und Soziales und entwickeln gemeinsam nachhaltige Strategien.
 
 Das Bundesland Bayern hat 2013 zum Jahr der Ernährung erklärt. Wie hat sich das Bewusstsein der Menschen gegenüber Lebensmitteln in den letzten Jahren verändert?
 
 Auf der einen Seite erleben wir, dass saisonale und regionale Produkte im Trend liegen und stärker nachgefragt werden. Es freut mich beispielsweise zu sehen, dass viele Studenten im Wohnheim eigene Gärten mit Gemüseanbau betreiben. Auf der anderen Seite fehlt bei vielen die Wertschätzung gegenüber den Lebensmitteln. Wirft man einen Blick in die Mülltonnen anderer Länder, so sieht man, dass in der Schweiz pro Person jährlich 94 kg weggeworfen werden, in Indien sind es 11 kg.
 
 Weshalb gilt Lebensmittelverschwendung weitgehend als Tabuthema?
 
 Lebensmittelverschwendung betrifft jeden von uns, doch die wenigsten geben es offen zu. Schnell landet das vermeintliche Abendessen in der Tonne, wenn sich unsere Pläne ändern, wir uns spontan mit Freunden im Biergarten treffen oder auswärts essen. Unsere Initiative zielt auf Nachhaltigkeit und eine neue wertschätzende Haltung gegenüber Lebensmitteln. Anstelle von Schuldgefühlen und maßlosem Umgang geht es uns um eine verantwortungsbewusste Leichtigkeit. Diese soll unser Leben bereichern und nicht einschränken.
 
 Welchen Erfolg erhoffen Sie sich von Ihrer Kampagne – nicht nur auf regionaler, sondern auch auf nationaler und internationaler Ebene?
 
 Der Blick auf andere Länder wie Großbritannien zeigt sehr deutlich, dass diese bereits verschiedene Strategien zur Reduzierung von Lebensmittelabfall entwickelt haben. Diese Tatsache motiviert uns, auf bayerischer Ebene ein Leuchtturmprojekt zu starten und gezielt die Verbraucher in Bayern zu aktivieren. Es mag trivial erscheinen, doch wenn jeder Einzelne mitmacht, können wir immense Kräfte mobilisieren. Wir hoffen, deutschlandweit und idealerweise auch international Impulse zu geben für ähnliche Projekte.
 
 Das Interview führte Judith Pöverlein.
 
 
 Zur Person:
 Die Oecotrophologin Agnes Streber gründete 1999 das Ernährungsinstitut KinderLeicht in München, das Kindern und Eltern Alternativen zu schädlichen Ernährungsgewohnheiten und bewegungsarmem Lebensstil vermittelt. Sie engagiert sich für nachhaltig ökologische Themen und rief 2013 die bayerische Infokampagne essensWert ins Leben.
 
 Website:
 Ernährungsinstitut KinderLeicht
  Bayerische Infokampagne essensWert