Interview mit Elisabeth Mengele-Kley

Der erhobene Zeigefinger ist nicht mehr zeitgemäß

Elisabeth Mengele-Kley über die Förderung von Ernährungsbildung und ihre praktische Umsetzung

Warum unterstützt die bayerische Landesregierung die neue Infokampagne essensWert des Ernährungsinstituts Kinderleicht zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung?
 
 Die Thematik „Lebensmittelverschwendung“ ist unserem Haus ein wichtiges Anliegen – jedes Lebensmittel, das im Müll landet, ist eines zu viel. Wir sehen, dass alle Akteure mit ins Boot geholt werden müssen. Wir unterstützen die Infokampagne, da hier speziell der einzelne Haushalt bayernweit im Projektzeitraum in seinem Alltag begleitet wird über Workshops, Internet-Angebote, Newsletter etc. Diesen Beitrag können wir über unsere Verwaltung nicht leisten. Wir sehen im Projekt Synergieeffekte zu unseren geplanten Bildungsangeboten aus dem Kontext Lebensmittelverschwendung.
 
 Wie sieht die konkrete Unterstützung und Zusammenarbeit aus?
 
 Da ist einmal die finanzielle Förderung – wir stellen für dieses Projekt, das bis Ende 2014 läuft, ca. 130.000 Euro zur Verfügung. Inhaltlich unterstützen wir das Anliegen mit einer wissenschaftlichen Studie zu bayerischen Kennzahlen an unserem Kompetenzzentrum für Ernährung – die Studienergebnisse werden wir zur Verfügung stellen. Zusätzlich ist das Thema „Lebensmittelverschwendung“ auch das Schwerpunktthema 2013/2014 in unseren Sachgebieten Ernährung und Haushaltsleistungen an den 47 Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (ÄELF). Die in diesem Rahmen entwickelten Medien können auch im Projekt essensWert eingesetzt werden. Speziell bei den Workshops werden sich unsere ÄELF mit einbringen.
 
 Wie ist das Thema Lebensmittelverschwendung in Bayern im Konzept Ernährung in Bayern berücksichtigt?
 
 In unserem Konzept Ernährung, das seit der Eingliederung der Ernährung in die Landwirtschaftsverwaltung im Jahr 2008, die inhaltliche Basis für unsere Arbeit darstellt, gibt es die Schwerpunkte Ernährungsbildung, Gemeinschaftsverpflegung und Bewusstseinsbildung für die Konsequenzen beim Lebensmitteleinkauf. Zum Schwerpunkt passt das Thema Lebensmittelverschwendung ideal. Im Rahmen der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ haben wir uns im Jahr 2012 mit dem Schwerpunkt „Nachhaltige Ernährung“ befasst und dies über unsere Ernährungsämter im Rahmen verschiedener Bildungsmaßnahmen umgesetzt. Hier dockt das Thema „Lebensmittelverschwendung“ nahtlos an, das für uns 2013/2014 den Themenschwerpunkt darstellt. Wir arbeiten sehr eng mit den bayerischen Verbraucherverbänden zusammen und unterstützen diese finanziell – sie haben einen noch engeren Draht zum Verbraucher.
 
 Sie arbeiten schon sehr lange zum Thema Ernährungsbildung – welche Veränderungen im gesellschaftlichen Bewusstsein haben Sie feststellen können und wo besteht Ihrer Meinung nach noch der größte Aufklärungsbedarf?
 
 Die Rückmeldungen aus der Arbeit speziell mit jungen Eltern und Familien, die wir im Rahmen der Ernährungsbildung bedienen, zeigen einerseits fehlende Grundkenntnisse im Umgang mit Lebensmitteln, andererseits eine Überforderung mit dem überwältigenden Angebot im Handel. Ernährungswissen ist in den allermeisten Fällen vorhanden – es fehlt am Handwerkszeug, dieses Wissen im Alltag umzusetzen. Zielführend ist in unserer Arbeit, die jungen Familien zu begleiten und ihnen die Angebote zu machen, die ihnen im Alltag weiterhelfen. Der erhobene Zeigefinger ist nicht mehr zeitgemäß. Ernährung ist für mich wichtig, Ernährung ist Lebensqualität. Es kommt auf die Zielgruppe an: In der Kinder-ernährung müssen zum Beispiel Portionsgrößen in den Fokus rücken, bei erwachsenen, qualitätsbewussten Verbrauchern etwa die Herkunft der Lebensmittel.
 
 Lebensmittelverschwendung betrifft nicht nur Politik, Produktion und Handel. Wie kann ein Umdenken in der Gesellschaft erreicht und wertschätzender Umgang mit Lebensmitteln im Alltag erlernt werden?
 
 Der Königsweg ist hier sicher, bereits bei den Kindern in der Kita und dann in der Schule das Thema zu „bespielen“ und hier auch die Möglichkeit zu geben, die Lebensmittel kennenzulernen. Es gilt der Spruch: Nur was ich kenne, schätze ich. Wir haben hierzu verschiedene Angebote: Unser Modellprojekt „Familien mit Kindern von drei bis sechs“ (hier setzen wir in der Kita an und binden Eltern mit ein); das Schulfruchtprogramm; das Modellprojekt Schulfrühstück und das Angebot „Erlebnis Bauernhof“ für Grundschüler.
 
 Das Interview führte Christiane Deppe
 
 
 Zur Person:
 Elisabeth Mengele-Kley ist Referentin und stellvertretende Leiterin des Referats Grundsatzangelegenheiten der Ernährung im Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Land-wirtschaft und Forsten (StMELF). Sie ist Mitglied im Arbeitskreis „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit (StMUG).
 
 Website:
 Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten