Interview mit Silvia Schlögel

„Höchste Zeit für mehr Nachhaltigkeit in der Ernährung“

Silvia Schlögel, Kreisbäuerin Weilheim-Schongau des Bayerischen Bauernverbandes, über den Umgang mit Lebensmitteln

Foto: Pressestelle BBV

Foto: Pressestelle BBV

Warum engagieren Sie sich für die bayerische Infokampagne zur Reduzierung von Lebensmittelabfall des Ernährungsinstituts KinderLeicht?
 
 Den Landfrauen im Bayerischen Bauernverband ist es ein großes Anliegen, dass keine Lebensmittel verschwendet werden. Wir Bäuerinnen produzieren in unseren Betrieben qualitativ hochwertige Lebensmittel, die mittels wertvoller Ressourcen hergestellt werden. Die Verschwendung von Lebensmitteln ist praktisch eine Verschwendung von Ressourcen. Dass Brot, Gemüse & Co. in der Mülltonne landen, liegt aus unserer Sicht daran, dass viele Verbraucher den Bezug zur Erzeugung und damit auch die Wertschätzung unserer Lebensmittel verloren haben.
 

Welchen konkreten Beitrag leisten die Landfrauen, und was möchten sie erreichen?
 
 Wir versuchen, mit den Verbrauchern durch verschiedene Aktionen ins Gespräch zu kommen. So laden wir zum Beispiel alle zwei Jahre Kindergartenkinder auf den Bauernhof ein. In diesem Jahr besuchten rund 48.000 Kinder 800 Höfe in Bayern. Auch im Projekt „Landfrauen machen Schule“ gehen wir auf die jungen Verbraucher in der Grundschule zu, um ihnen nahe zu bringen, woher ihre Lebensmittel kommen. Die Studie zur Lebensmittelverschwendung des BMELV im vergangenen Jahr hat verdeutlicht, dass in Privathaushalten sehr viel Obst, Gemüse, Brot und gekochte Speisen weggeworfen werden. Dagegen wollen wir etwas unternehmen. Mit unserer Aktion „Was gehört wohin – Tipps fürs richtige Lagern“ thematisieren wir die richtige Lagerung von Lebensmitteln. Wir zeigen auf, wie sich Verluste durch richtiges Einsortieren der Lebensmittel in den Kühlschrank vermeiden lassen.
 
  Der Verband engagiert sich seit seiner Gründung 1948 für eine kontinuierliche Weiterbildung im Bereich Ernährung. Über 150 Landfrauen haben sich seitdem zu Ernährungsfachfrauen fortbilden lassen und geben ihr Wissen weiter. Wie hat sich der Umgang mit Lebensmitteln gewandelt?
 
 Die Lebensführung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Insbesondere in den Nachkriegsjahren waren Lebensmittel wertvoll und sehr geschätzt. Heute haben immer weniger Menschen Bezug zur Landwirtschaft, und damit fehlt dem Verbraucher das Wissen darum, wie Lebensmittel erzeugt werden. Darunter leidet die Wertschätzung unserer Lebensmittel, und sie werden leichter weggeworfen. Mit zunehmendem Wohlstand hat auch der so genannte Außer-Haus-Verzehr stark zugenommen. In den Familien wird heute weniger selbst gekocht, als früher. Stattdessen kommen viele vorgefertigte Produkte auf den Tisch. Oft mangelt es an Kompetenz in der Verarbeitung und an Wissen über Haushaltsführung. Unsere Ernährungsfachfrauen sind hier fit und geben ihr Wissen in Kochkursen und Kochvorführungen gerne weiter.
 
  Inwiefern ist ein Umdenken in der Gesellschaft notwendig? Lässt sich verantwortliches Umgehen mit Lebensmitteln wirklich erlernen?
 
 Es ist höchste Zeit, dass wir die gesellschaftlichen Auswirkungen unseres Handelns erkennen und für mehr Nachhaltigkeit in der Ernährung eintreten. Deshalb setzen sich die Landfrauen im Bayerischen Bauernverband für die Einführung eines Unterrichtsfaches „Alltags- und Lebensökonomie“ ein. Dieses Fach soll durchgängig über die Jahrgangsstufen von der ersten bis zur zehnten Klasse in allen Schularten unterrichtet werden. Wir haben 92.745 Unterschriften von Unterstützern gesammelt und werden sie am 6. Juni 2013 an den bayerischen Kultusminister übergeben. Wir sind davon überzeugt, dass es wichtig ist, möglichst früh im Sinne der Verbraucherbildung zu agieren, und möglichst früh alle jungen Menschen zu erreichen. Die Schule ist hierfür ein wichtiger Partner. Doch in einer Gesellschaft, die lebenslang lernt, ist es nie zu spät: Unsere Ernährungsfachfrauen bieten auch Kochkurse zum Thema Resteverwertung an, denn mit etwas Kreativität lassen sich auch Speisereste zu köstlichen Gerichten zubereiten.
 
  Wie können Verbraucher die Menge der vernichteten Lebensmittel möglichst gering halten?
 
 Die richtige Haushaltplanung ist wichtig. Dazu gehört zum Beispiel, einen Wochenspeiseplan zu erstellen und seine Einkäufe entsprechend zu planen. Außerdem müssen die Lebensmittel richtig gelagert werden, wie wir dies bei unserer Aktion „Was gehört wohin? Tipps für‘s richtige Lagern“ zeigen. Produkte mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum müssen nach dessen Ablauf nicht gleich weggeworfen werden. Hier sollte man erst einmal mit Geschmacks- und Geruchssinn prüfen, ob diese wirklich schon abgelaufen sind, oder noch verwendet werden können.
 
  Das Interview führte Sabine Polacek
 
 
  Zur Person :
 Silvia Schlögel ist Betriebsleiterin eines Milchviehbetriebs und seit 2007 Kreisbäuerin der Landfrauengruppe des Bayerischen Bauernverbands. Nach der Meisterprüfung in ländlicher Hauswirtschaft 2001 machte die heute 44-Jährige Fortbildungen zur Botschafterin für regionale Produkte und zur Ernährungsfachfrau. Seit 2007 ist sie Referentin bei der AOK. Silvia Schlögel verfasst seit 2011 Rezeptseiten und Textbeiträge und ist Mitautorin zahlreicher Kochbücher.
 
 Website:Landfrauen im Bayerischen Bauernverband