Interview mit Dr. Wilfried Bommert

„Man muss den Skandal zum Thema machen“

Dr. Wilfried Bommert, Leiter des Instituts für Welternährung, über den Zusammenhang von Lebensmittelverschwendung und Welternährung

In Ihren Vorträgen und Buchveröffentlichungen beschreiben Sie Auswirkungen von Boden- und Lebensmittelspekulation und kritisieren Bewirtschaftungsfehler auf globaler Ebene. Warum engagieren Sie sich für die bayerische Infokampagne zur Vermeidung von Lebensmittelabfall und welchen Zusammenhang sehen Sie zur Welternährungssituation?
 
 Wir werfen weltweit die Hälfte unserer Lebensmittel weg. Das ist ein riesiges Potential, das bisher die Preise für Lebensmittel und Land in die Höhe treibt. Es könnte genutzt werden, um weltweit die Preise zu stabilisieren, die Lebensmittelspekulation zu verringern und die Spekulation mit Land auszubremsen. Wer auch immer dazu beiträgt, trägt dazu bei, dem Hunger weltweit Einhalt zu gebieten und die Zukunft der Welternährung zu sichern. Und einer muss anfangen, warum nicht die Bayern.
 

Eine erschreckend große Menge an Lebensmitteln wird schon in der landwirtschaftlichen Produktion, in der Lebensmittelindustrie und im Handel als wertlos ausgesondert und weggeworfen. Warum halten Sie eine Kampagne, die sich vor allem an den Verbraucher richtet, dennoch für wichtig?
 
 In den Kühlschränken von uns Konsumenten vergammelt mehr als die Hälfte. Wir können einen sehr großen Beitrag zur Lösung des Problems leisten. Deshalb macht es Sinn, in den Haushalten anzusetzen. Der Handel, die Verarbeiter und die Produzenten müssen nachziehen.
 
 Soziale Bewegungen wie Slow Food, Food Sharing und Urban Gardening zeigen, dass die Sensibilität für einen wertschätzenden Umgang mit Nahrungsmitteln bei vielen Verbrauchern schon wächst. Was kann und muss getan werden, um noch mehr Menschen zu einer ethisch verantwortungsvollen Haltung gegenüber Lebensmitteln zu bewegen?
 
 Man muss den Skandal zum Thema machen und öffentlich darüber reden, was uns gesunde Lebensmittel bedeuten und was sie uns wert sind. Wir müssen die Region als Ursprung unserer Ernährung wieder ernst nehmen und kurze Wege zwischen Acker und Teller fördern, indem wir die Kontakte zwischen Bauern und Konsumenten wieder enger ziehen. Bauernmärkte, Hofbesuche, Lebensmittel und deren Zubereitung in den Kindergärten und Schulen zum Thema machen, das könnte viel bewegen.
 
 Eine Studie der Universität Stuttgart fordert, dass die Menge der weggeworfenen Lebensmittel in Deutschland bis 2020 um die Hälfte reduziert werden soll. Welche politischen Rahmenbedingungen und Gesetze müssen geändert werden, um dieses Ziel zu erreichen?
 
 Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Verfallsdatum, das muss deutlicher deklariert werden. Die Politik muss die Handelsklassenverordnung ändern, damit nicht mehr so viele wertvolle Lebensmittel schon vorab aussortiert werden. Lebensmittelkunde und Kochen im Bereich der Kindergärten und Schulen, eine Wertediskussion über Lebensmittel in der Gesellschaft und eine Umorientierung in der Produktion auf tier-, natur- und klimafreundlichen Methoden kann die Wertschätzung von Lebensmitteln verbessern und die Wegwerfmentalität ausbremsen. 50 Prozent bis 2020 wäre für die Welt ein Vorbild und wir müssen Vorbilder schaffen, um weltweit voranzukommen.
 
 Das Interview führte Dr. Susanne Wegener
 
 Zur Person:
 Dr. Wilfried Bommert, studierter Agrarwissenschaftler und Journalist, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Welternährung. Er ist Autor der Bücher Bodenrausch und Kein Brot für die Welt und Gründer des Instituts für Welternährung (IWE) in Berlin.
 
 Website:
 www.wilfried-bommert.de
 www.institut-fuer-welternaehrung.org