Interview mit Valentin Thurn

Gemeinsame Verantwortung ist unerlässlich

Filmemacher Valentin Thurn über den Wert von Nahrung und was Politiker, Händler und Verbraucher tun können, um Lebensmittelabfall zu reduzieren

Mit Ihrem Film Taste the Waste aus dem Jahr 2011 ist das brisante Thema Lebensmittelverschwendung ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Seitdem wurden zahlreiche Diskussionen geführt und neue Projekte entwickelt. Was hat sich seitdem getan?
 
 Es ist eine richtige Bewegung entstanden. Nicht nur die Politik, auch Unternehmen zeigten sich engagiert. Außerdem kommt bald eine neue Studie zur Lebensmittelverschwendung heraus, die auch andere Verursacher in den Fokus rückt. Das war ja das Manko der von Bundesernährungsministerin Ilse Aigner in Auftrag gegebenen Studie. Sie stellt die Verbraucher in den Mittelpunkt, obwohl es sich um unterschiedliche Verursacher handelt. Sie alle sitzen in einem Boot und müssen für die Problematik sensibilisiert werden. Geteilte Verantwortung ist unerlässlich.
 
 Die Lebensmittelindustrie trägt einen großen Anteil an der massenhaften Verschwendung von Nahrung. Welche Veränderungen fordern Sie vom Handel und der Lebensmittelindustrie?
 
 Zunächst fordere ich von der Politik, dass sie den gesetzlichen Rahmen setzt, damit sich Lebensmittelverschwendung nicht mehr lohnt. Der Handel und die Industrie müssen in die gesetzliche Pflicht genommen und die Verbraucher besser informiert werden. Die Wenigsten kennen beispielsweise den Unterschied zwischen Mindesthaltbarkeitsdatum und Verbraucherdatum.
 
 Welche Ziele müssen in Bayern, aber auch in Deutschland, ja europaweit konkretisiert werden, damit weniger Lebensmittel im Müll landen?
 
 In Europa hat sich England hervorgetan. Die britischen Politiker und die Unternehmer setzten sich an einen Tisch und haben eine freiwillige Vereinbarung zur Reduzierung von Lebensmittelabfall und Verpackungsmüll getroffen. Diese Vorgehensweise würde ich mir hier in Deutschland wünschen.
 
 Und was können die Verbraucher tun?
 
 Jeder kann etwas tun. Da wir alle von der Werbung zum Kauf verführt werden, ist ein diszipliniertes Einkaufen empfehlenswert. Zum Beispiel mit Hilfe eines Einkaufszettels. Ebenso wichtig ist Resteverwertung oder Teilen von Nahrungsmitteln mit anderen. Foodsharing kommt bei der jungen Generation gut an.
 
 Die bayernweite Kampagne zur Reduzierung von Lebensmittelabfall des Ernährungsinstituts KinderLeicht für private Haushalte hat sich zum Ziel gesetzt, den Wert des scheinbar Wertlosen in den Blick zu rücken. Warum ist das heute so wichtig?
 
 Wir leben in einer Zeit, in der Nahrung überall und zur jeder Zeit verfügbar ist. Das ist ein gesellschaftlichkulturelles Problem. Es fehlt die Esskultur. Umso wichtiger erscheint es mir, dass das Ernährungsinstitut vermittelt, wie elementar Nahrungsmittel eigentlich sind. Nur wenn wir wissen, was Essen wert ist, lernen wir es schätzen.
 
 Das Interview führte Sabine Polacek
 
 
 Zur Person:
 Valentin Thurn ist Geograph, Journalist und Autor von mehr als 40 TV-Dokumentationen und Reportagen zu sozialen, Entwicklungs-, Umwelt- und bildungspolitischen Themen. Für den Film Taste the Waste (2011) erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Der Nachfolgefilm Essensretter wurde im Mai 2013 in der ARD ausgestrahlt. Zusammen mit Stefan Kreutzberger veröffentlichte er das Sachbuch Die Essensvernichter .
 
 Website:
 Thurnfilm