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Interview mit Dr. Claudia Preis

„Ein Spiel aus Verführung, Ablehnung und Erniedrigung“

Frauen durch emotionale Manipulation ins Bett zu bekommen, das ist die Passion der sogenannten Pick-up-Artists. Anhänger der Gruppierung: männliche Außenseiter. Die Regeln der Aufreiß-Kunst bringen Gurus der Szene in Seminaren bei. Kostenpunkt: 600 Euro. Auch in München werden Kurse zunehmend angeboten. Kulturwissenschaftlerin Claudia Preis (Vortrag: Nerd-Nite Skepkon 2014) analysiert die Pseudowissenschaft der selbsternannten Aufreiß-Profis.

Mit welchen Taktiken versuchen Pick-up-Artists Frauen zu verführen?
 Sie glauben, die Frau muss ihrer biologischen Bestimmung nach auf männliches Verhalten reagieren. Beim sogenannten Nagging manipulieren Männer Frauen durch negative Bemerkungen. Wenn man zum Beispiel im Restaurant zusammen isst, sagt der Mann zu seinem Date: „Ich finde es gut, dass du einen Salat isst und an deiner Figur arbeitest.“
 
 Wie beurteilen Sie Pick-up-Artists als Kulturwissenschaftlerin?
 Schwierig ist, dass Pick-up-Artists Frauen auf einer Skala von eins bis zehn bewerten. Unter fünf Punkten wird aussortiert, Frauen werden wie menschlicher Abfall behandelt. Weitaus gefährlicher aber ist: Männer werden darauf gedrillt, die Abweisung einer Frau zu ignorieren. Das kann katastrophal enden. Denn wenn der Mann aufhört, auf ablehnende Körpersprache oder Signale zu achten, wird eine zwischenmenschliche Grenze überschritten. Das kann bis zur Nötigung oder Vergewaltigung gehen.
 
 Welche Männer schließen sich den Pick-up-Artists an?
 Männer, die nicht besonders gut aussehen, unsicher sind und mit Niederlagen schlecht umgehen können. Wenn eine emotional stabile und sozial integrierte Person eine Abfuhr bekommt, dann kann das weh tun, wird aber akzeptiert. Bei Pick-up-Artists ist das konträr: Für sie ist der Aufriss wie ein Computerspiel. Die Stelle, an der sie scheitern, spielen sie immer wieder, bis sie die richtige Technik haben. Dass die Welt viel komplexer ist, begreifen sie nicht.
 
 Ist das dann das Gefährliche an der Bewegung?
 Gefährlich ist vor allem das negative Frauenbild, das hier vermittelt wird. Wenn ein Mann googelt, wie werde ich erfolgreich bei Frauen, dann kommt er schnell auf Seiten, die ihm suggerieren: Der Mann muss die Frau führen, denn sie weiß gar nicht, was gut für sie ist. Frauen werden dabei nicht als Mensch behandelt, sondern zu Objekten degradiert.
 
 Wie funktioniert dieses Mann-Frau-Bild in der heutigen Welt der Gleichberechtigung?
 Die Pick-up-Artists bedienen sich Methoden aus der Evolutionsbiologie und des neurolinguistischen Programmierens. Der Mann ist Jäger und die Frau seine Beute. Wir verhalten uns angeblich so, weil wir in 30.000 Jahren nichts gelernt haben.
 
 Beschäftigt Sie das Thema auch als Frau?
 Auf jeden Fall! Wenn ich das nächste Mal abends von einem Mann angesprochen werde, frage ich mich schon: Ist das ein Pick-up-Artist und bin ich eine von den zehn Frauen, die er heute Abend ansprechen muss?