Fluchtwege

Wohin mit mir und meinem Kind?

Zuflucht im Sprungtuchhaus Memmingen

Eine Reportage von Sabine Gaumert

Vor 25 Jahren entstand in Memmingen der Sprungtuch e.V. Der Verein unterstützt schwangere Frauen und junge Mütter, die in Not geraten sind. Dafür unterhält er ein Haus am Rande der Memminger Altstadt, das „Sprungtuchhaus“. In zwei Wohngemeinschaften mit je drei Zimmern können die Frauen mit ihren Kindern wohnen und ihr Leben neu organisieren.


Der Garten ist Julia Müllers Lieblingsort im Sprungtuchhaus.

Der Garten ist Julia Müllers Lieblingsort im Sprungtuchhaus.

Christine Seidel vom Sprungtuch e.V.

Christine Seidel vom Sprungtuch e.V.

Das Sprungtuchhaus in Memmingen - ein Zufluchtsort für Schwangere und junge Mütter.

Das Sprungtuchhaus in Memmingen - ein Zufluchtsort für Schwangere und junge Mütter.


Julia Müller* sitzt auf der Bank am großen Esstisch in der Gemeinschaftsküche. Vor ihr ein Teller Nudeln, neben ihr im Hochstuhl ihr acht Monate alter Sohn Tim. Sie füttert ihn. Er grabscht mit der Hand nach den Nudeln und verteilt sie über den Tisch. Seine Mutter lacht. „So musst du das machen“, erklärt sie und drückt ihm einen Plastiklöffel in die Hand. Der Kleine versucht, lachend und mit mäßigem Erfolg, selbst zu essen. „Ja, er ist immer so fröhlich. Genau wie seine Mama“, sagt Julia Müller grinsend.

Schwere Zeiten

Dabei hat die schlanke Frau schwere Zeiten hinter sich. Mit 15 wurde sie zum ersten Mal schwanger. „Meine Mutter hat mich vor die Wahl gestellt: Abtreibung, oder sie steckt mich ins Heim.“ Julia Müller hat sich für ihr Kind entschieden. Mit ihrer Mutter habe sie keinen Kontakt mehr. Ihre Schreinerlehre hat die junge Frau abgebrochen. „Praktisch war ich sehr gut, aber schriftlich stand ich auf Note sechs“, sagt sie. Zu spät habe man die Aufmerksamkeitsstörung ADHS bei ihr festgestellt. Mit 21 wurde sie zum zweiten Mal schwanger. Tim ist ihr drittes Kind. Die beiden Älteren sind bei ihren Vätern untergebracht. Ihre Tochter Anna kommt alle drei Wochen zu Besuch. Während der letzten Schwangerschaft hat Julia Müller in einer WG gelebt. Doch dann konnten sich ihre Mitbewohner die Miete nicht mehr leisten. „Und wer kann allein schon 800 Euro im Monat zahlen?“, fragt sie. Die Familienhilfe habe ihr das Zimmer im Sprungtuchhaus vermittelt. Tim war damals einen Monat alt.

Zuflucht im Sprungtuchhaus

Auf dem Weg in die Zukunft: Julia Müller und ihr Sohn Tim.

Auf dem Weg in die Zukunft: Julia Müller und ihr Sohn Tim.

Nach dem Essen gehen Mutter und Sohn in den Garten – Julia Müllers Lieblingsort im Sprungtuchhaus. Die Sonne scheint. Zwei Mitbewohnerinnen sind schon da. Ihre Kinder spielen auf der Wiese und der Rutsche. Julia stellt Tim auf den Boden. Krabbeln mag er nicht. Stattdessen läuft er an den Händen seiner Mutter zum Sandkasten. „Da spielt er besonders gern“, erzählt sie und geht ein Stück zur Seite. Sie zündet sich eine Zigarette an und passt auf, dass der Kleine keinen Sand isst.
 
 Der jungen Mutter gefällt es in ihrem Übergangszuhause. Zwischendurch habe sie für kurze Zeit eine eigene Wohnung gefunden. Allerdings sei sie „wegen Schimmelbefall“ schnell wieder ausgezogen. „Das war total eklig“, sagt sie. Die Stofftiere ihrer Kinder habe sie deshalb weggeworfen. Im Sprungtuchhaus sind die Zimmer in Ordnung. Vereinsmitglieder sehen regelmäßig nach dem Rechten. Sie erkundigen sich nach dem Gesundheitszustand der Frauen, klären Organisatorisches und spielen mit den Kindern. Dafür müsse Julia Müller auch Kompromisse machen: „Seit ich hier wohne, sind sieben Frauen ein- und ausgezogen“, erzählt sie. Da sei es nicht immer leicht, sich auf die Neuen einzustellen, geduldig zu sein und nicht zu streiten. Für Julia Müller kommt noch ein Hindernis dazu: Seit Tims Geburt ist sie krank, muss starke Medikamente nehmen. Deshalb habe sie jetzt eine Haushaltshilfe bekommen, die für sie putzt und sich um den Kleinen kümmert. „Ich habe meinen Haushalt immer selbst gemacht“, sagt sie. Ihr fiele es schwer, das Anderen zu überlassen. Während sie das sagt, rutscht sie unruhig hin und her.
 

Auf dem Weg in die Zukunft

Wenn es ihr wieder besser geht, hat Julia Müller viel vor. „Eine eigene Wohnung“ steht ganz oben auf ihrer Wunschliste. Außerdem wolle sie sich möglichst bald wieder selbst um Anna kümmern und mit Tims Vater zusammenleben. „Und ich möchte meine Ausbildung als Schreinerin noch einmal anfangen. Ich liebe diesen Beruf“, sagt sie. Wenn sie über ihre Zukunftspläne spricht, rückt sie ein Stück nach vorn und hebt kämpferisch die Arme.
 
 *alle Namen von der Redaktion geändert
 

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