Fluchtwege

Von der Flucht vor sich selbst bis zum Ausweg

Viele Patienten verleugnen ihre Krebserkrankung

Ein Interview von Barbara Geisler

Schockdiagnose Krebs – etwa 500 000 Menschen wird die Erkrankung 2014 treffen. Im Vergleich dazu waren es 477 000 im Jahr 2010. Grund dafür ist das Älterwerden der Gesellschaft. Circa 30 Prozent der Krebskranken flüchten vor sich selbst: Sie verleugnen in bestimmten Phasen ihre Krankheit. Prof. Peter Herschbach, Direktor des Roman-Herzog-Krebszentrum am Münchner Klinikum rechts der Isar, lässt seine Patienten damit nicht alleine. Herschbach möchte Krebspatienten helfen, mit ihrer Erkrankung zurechtzukommen. So können sie neue Wege gehen.


Prof. Peter Herschbach im Gespräch

Prof. Peter Herschbach im Gespräch

Wie äußert sich die Flucht vor sich selbst nach der Diagnose Krebs?
 
 Das ist eine Phase. Einige Patienten machen sich im Verlauf ihrer Erkrankung ungerechtfertigte Hoffnungen. Der Arzt sagt zum Beispiel die Heilungschancen stehen fifty-fifty. Der Patient blendet aber die kritischen Aspekte weg und ist völlig überzeugt von seiner Heilung.
 
 Ist die Flucht eine sinnvolle Lösung?
 
 Sie ist Schutz für die Seele. Wenn der Patient aber zum Beispiel eine ihm helfende Therapie abbricht, weil er glaubt, er sei schon geheilt, dann gefährdet er sich. Wenn er außerdem meint, er braucht kein Testament zu machen, weil er quasi geheilt ist, dann kann seine Familie in Not stürzen. Ein weiterer Fall ist besonders dramatisch: Es gibt Mütter, die ihre Kinder von ihrer Erkrankung und Behandlung fernhalten wollen.
 

Können Sie das kurz erläutern?
 
 Die Mütter glauben, sie schaden ihren Kindern, wenn sie diese zu nah beteiligen. Also verharmlosen sie ihre Krankheitssituation. Diese Mütter erlauben ihren Kindern nicht, sie im Krankenhaus zu besuchen. Wenn sie an einer Komplikation sterben, haben sie den Kindern verwehrt, sich verabschieden zu können. Darunter leiden die Kinder möglicherweise ein Leben lang.
 
 Kann sich ein Patient stabilisieren?
 
 Ja, in aller Regel ist die Unterstützung durch die Familie am wichtigsten. Der Patient stabilisiert sich auch durch ein gutes Verhältnis zu seinem Arzt, mit dem er offen sprechen kann. Wichtig ist auch, dass er das Finanzielle und die Arbeitsplatzsituation befriedigend geregelt hat.
 
 Was ist über das Private hinaus wichtig?
 
 Es gibt psychoonkologische Maßnahmen, die sehr hilfreich sein können. Von einer Einzelpsychotherapie über eine Gruppentherapie bis hin zu einer Selbsthilfegruppe.
 
 Gibt es bestimmte Typen von Patienten, die vor sich selbst flüchten?
 
 Es gibt zwei große Gruppen von Patienten. Die einen sind die aufgeklärten Mündigen. Sie informieren sich im Internet über ihre Erkrankung. Sie wollen alle Behandlungsentscheidungen mit dem Arzt gemeinsam diskutieren. In dieser Gruppe kommt eher eine kleine Zahl von den Verleugnern vor. Auf der anderen Seite gibt es Patienten, die nach dem paternalistischen Modell mit dem Arzt in Kontakt treten. Sie sehen den Arzt als Vaterfigur. Sie vertrauen ihm und machen alles, was er für richtig hält. Möglicherweise sind in dieser Gruppe mehr Verleugner.
 
 Wie reagiert das Umfeld des Patienten auf sein Verdrängen?
 
 Häufig ganz verwirrt und verunsichert. Das gilt sowohl für die Ärzte als auch für die Familie.
 
 Findet der Patient Wege, um sich selbst bei seiner Angst vor Krebs zu helfen?
 
 Ja, er kann sich entweder ablenken oder viel darüber mit seinen Familienangehörigen und Beratungsstellen sprechen. Manche Patienten suchen aber auch gezielt eine Psychotherapie auf. Sie wollen einen Profi haben, der ihnen hilft, ihre Angst unter Kontrolle zu bringen.
 
 Auf was legt Ihre Klinik Wert?
 
 Wir legen besonders großen Wert auf unterstützende Maßnahmen. Diese sollen den Patienten helfen, die Behandlung und die Erkrankung gut zu überstehen. Ich zähle jetzt einige davon auf: Wir haben einen psychoonkologischen Dienst, fächerübergreifende Schmerzbehandlung, Ernährungsberatung, Spezialisten für Sport und eine Sozialberatung. Wir schneiden diese Unterstützungsangebote zielgenau auf die wirklich bedürftigen Patienten zu.
 
 Wie kann der Patient seine Lebensqualität erhöhen?
 
 Wir wollen dem Patienten helfen, seine Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehört, dass seine Kommunikation funktioniert, er offene und befriedigende Gespräche führen kann. Er muss sich dann nicht isoliert zurückziehen. Es gehört auch dazu, dass er sich im Klaren ist, was ihm wirklich wichtig ist. Im Angesicht des begrenzten Lebens kann es von großer Bedeutung sein, noch Träume zu verwirklichen. Bei Erschöpfung oder Schmerzen können wir dem Patienten helfen, das körperliche Befinden zu verbessern.
 
 Zum Autorenporträt von Barbara Geisler
 

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