Fluchtwege

Von der Tretmühle zum Traumjob

Aktivhof Schlehdorf: Flucht in ein neues Leben

Eine Reportage von Sabine Singer

Eigentlich wollte sie Grundschul-Lehrerin werden. Eigentlich. Denn dann kam alles ganz anders: Von einem Tag auf den anderen hängt Franziska Pausinger ihr Referendariat an den Nagel. Ein paar Wochen später striegelt sie Kühe, kocht für die Bewohner des Schlehdorfer Aktivhofs und kümmert sich um den Kräutergarten. Eine Reportage über eine junge Frau, die ausgetretene Pfade verlässt und dabei viel Neues, aber vor allem sich selbst entdeckt.


Im Hofladen stehen unter anderem Eier, Honig und Kaffee zum Verkauf. Alles Bio!

Im Hofladen stehen unter anderem Eier, Honig und Kaffee
 zum Verkauf. Alles Bio!

 

Ein weißer VW-Bus knattert um die Ecke und hält vor dem kleinen Bahnhof in Kochel am See. Aus dem Bus steigt eine junge, zierliche Frau. Sie trägt braune Sneakers und ihre schulterlangen Haare schnörkellos zu einem Zopf zusammen gebunden. Von hier aus sind es zum Aktivhof Schlehdorf, wo Franziska Pausinger seit etwa vier Monaten lebt und arbeitet, nur ein paar Minuten. Doch ein Mann mit Rucksack und in Regenjacke steht am Gehsteig. Er wirkt ein bisschen verloren. „Brauchen Sie eine Mitfahrgelegenheit?“, ruft ihm Franziska zu. Direkt vor dem Franz Marc Museum setzt sie den Reisenden schließlich ab. „Er hätte 40 Minuten auf den Bus warten müssen. Ein kleiner Umweg muss da schon mal drin sein“, bemerkt die 26-jährige während der Fahrt vorbei an Wiesen, Wäldern und Bergen. „Das ist hier nicht so wie in München, wo alle drei Minuten eine S-Bahn kommt.“ München verblasst in diesem Moment langsam am Horizont, während sich der weiße VW-Bus immer mehr dem 1200-Seelen-Dorf nähert.

Leben mit und in der Natur

Angekommen am Aktivhof in Schlehdorf ist die Luft leicht, fast schwerelos und mischt sich mit Düften von Koriander, Lavendel und Kamille aus dem Kräutergarten. Franziska Pausinger jätet dort regelmäßig Unkraut. Eigentlich wollte sie Grundschul-Lehrerin werden. Doch vor vier Monaten hat sie ihr Referendariat an den Nagel gehängt und ist auf den Hof gezogen. Neben dem Kräutergarten kümmert sich die ehemalige Studentin um die Tiere und kocht für die Gemeinschaft, genauer gesagt für die Genossenschaft. Denn: Der Aktivhof ist eine Regionale Wirtschaftsgemeinschaft, kurz ReWig Schlehdorf. Dahinter steckt die Sinn-Stiftung, die die Idee für das Projekt hatte und das ehemalige Klostergut vor gut zwei Jahren pachtete. „Die Klosterschwestern wollten, dass auf dem Gelände etwas Sinnvolles und Ökologisches entsteht. Nicht irgendetwas rein Wirtschaftliches.“, erzählt Franziska, als plötzlich der Geruch von frischgebackenen Apfelkuchen aufsteigt.

Gemeinsames Kaffee trinken vor der großen Sommerküche

Gemeinsames Kaffee trinken vor der großen Sommerküche

Almut Kreuz, die seit zwei Jahren am Hof wohnt, schwingt das noch warme Blech in die große Sommerküche. Zwischen riesigen Töpfen und offenen Regalen wird zusammen gekocht, geratscht und diskutiert. Der Geruch hat mehrere Bewohner angelockt, die sich schnell auf den Bierbänken vor der Küche einfinden. „Als ich die Äpfel für den Kuchen geschält habe, ist Molli ständig um mich herum strawanzt in der Hoffnung es fällt etwas für sie ab“, lacht Almut, während Molli auch jetzt noch ihre rosa Schnauze Richtung Kuchen streckt und aufgeregt schnüffelt. „Molli ist ein Zwergschwein. Sie hat schon 13 Jahre auf dem Buckel und darf hier am Hof ihren Lebensabend verbringen“, fügt Adelheid Tlach-Eickhoff hinzu. Die Frau mit dem Kurzhaarschnitt ist Gründungsmitglied und kümmert sich seit 2012 um Verwaltung, Finanzierung und Planung des Schlehdorfer Aktivhofes. „Dort verkaufen wir Eier von unseren Hühnern, Gemüse und Milchprodukte, aber auch Fleisch. Alles von unseren eigenen Schweinen und Rindern. Und auch die beiden Restaurants im Ort kaufen unser Fleisch.“ Doch es soll noch mehr entstehen. Mit dem Aufsichtsrat tüftelt die Pädagogin gerade an dem Bau eines Hof-Cafés für die Dorfbewohner.

„Ich wollte das Leben umdrehen“

Franziska melkt Kuh Emma

Franziska melkt Kuh Emma

Bis zur Eröffnung wird es noch eine Weile dauern, doch die Milch für den Kaffee steht schon bereit: Kuh Silva spendiert sie täglich in rauen Mengen. „Ich kann die Kühe mittlerweile selbst melken“, erzählt Franziska stolz. Zweimal am Tag muss die zierliche junge Frau in den Stall und dort die Kühe versorgen. Ausmisten, melken, striegeln. Das alles tauschte Franziska gegen wochenlanges Bücher wälzen in stickiger Bibliotheks-Luft und Prüfungsstress. Mitten während des Referendariats zog sie die Reißleine. „Mein Körper ist schlichtweg in Streik getreten, ich konnte nicht mehr. Ich wollte mein Leben umdrehen. Anstatt immer zu denken, ich sollte sinnvollere Sachen tun, mehr raus gehen und so weiter, wollte ich all diese Dinge als Haupttätigkeit machen. Nicht mehr nur irgendwie einschieben“.

Wellness für die Kühe

Am Stall angekommen, schlüpft Franziska in ihre Gummistiefel und schnappt sich eine Mistgabel. Wie selbstverständlich durchforstet sie das Heu nach Kot und Urin und häuft alles auf eine Schubkarre. Es riecht längst nicht mehr nach Apfelkuchen. „Zurzeit ist übrigens Ausnahmezustand im Stall“, bemerkt Franziska und deutet ans andere Ende. „Vor ein paar Tagen haben wir nämlich ein Kälbchen bekommen. Ausgerechnet jetzt, wo der Landwirt und seine Lebensgefährtin im Urlaub sind. Richtig spannend alles gerade.“

Kälbchen Ludwig mit seiner Mama

Kälbchen Ludwig mit seiner Mama

Schüchtern wirkt Klein Ludwig jedenfalls nicht. Immer wieder pausiert er zwischen dem Trinken und versetzt dem Euter einen ordentlichen Stoß. „Das ist ganz normal. Das machen die Kälbchen, damit der Milchfluss verstärkt wird“, erklärt Fabian, der neue Praktikant am Hof. Seine Augen sind dabei immer auf das Junge gerichtet, während seine Hand auf dem Kopf des Kälbchens ruht. „Jetzt kommt der schönste Teil“, schwärmt Franziska. Da es sich um eine ökologische Haltung handelt, werden die Tiere gestriegelt – von Hand. „Das löst in den Kühen und gleichzeitig in mir so eine Ruhe aus, dass ich das vom ersten Tag an am liebsten gemacht habe. Für die Kühe ist das Wellness pur“. Sie setzt mit dem Striegel-Werkzeug auf dem Rücken der Kuh an und ein schwarzer Fliegenteppich gibt das braun glänzende Fell frei.
 
 Eine Stunde später sind alle Aufgaben verrichtet. Franziska schließt hinter sich das schwere Stall-Tor und wirft ihre Gummistiefel in den Kofferraum des VW-Busses. Die braucht sie erst morgen früh wieder. Um 5.30 Uhr, wenn alle anderen am Hof noch schlafen.
 

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