Fluchtwege

Vom Siegerpodest in die Unfallklinik

„Mein Traum hieß eigentlich Open End“

Ein Interview mit Michael Teuber

Diagnose: komplizierter Trümmerbruch im rechten Oberschenkel – die Folge eines schweren Trainingsunfalls in den österreichischen Alpen.
 Gerade stand Michael Teuber bei der Paracycling-Weltmeisterschaft im US-amerikanischen Greenville noch ganz oben auf dem Podium und erlebte einen seiner sportlichen Karriere-Höhepunkte. Nun sieht sich der inkomplett querschnittsgelähmte Sportler einer ungewissen Zukunft gegenüber. Doch Aufgeben war für den 46-Jährigen noch nie eine Option. Sein Blick ist schon wieder nach vorne gerichtet – neue Ziele hat er bereits formuliert.
 


Michael Teuber bei seinem WM-Titel im September 2014.  Foto: Oliver Kremer

Michael Teuber bei seinem WM-Titel im September 2014.
 Foto: Oliver Kremer

 

Wie geht es Ihnen im Moment?
 
 Derzeit ist der Punkt erreicht, wo die schlimmsten Schmerzen der Operation zurückgehen; das ist jetzt einigermaßen erträglich. Aber die Situation mit der ich jetzt konfrontiert bin, die Unsicherheit, wie die Reha laufen wird und ob ich wieder eine vernünftige sportliche Leistungsfähigkeit erreichen kann, das ist nicht einfach. Meine Muskulatur wird immer weiter dahinschmelzen. Das ist natürlich ein Umstand, der mich nicht gerade glücklich macht.
 
 Werden Sie wieder komplett genesen?
 
 Der Trümmerbruch war sehr komplex und die Operation extrem kompliziert. Die Chancen stehen wohl ganz gut, dass der Bruch folgenlos ausheilt - was den Knochen betrifft.
 Was die Muskulatur angeht, ist das bei einem inkomplett Querschnittsgelähmten wie mir sehr schwierig. Das ist das, was mich im Hinblick auf meine restliche Karriere natürlich beschäftigt. Ich habe momentan noch den Willen es zu schaffen, aber man weiß nicht, ob das alles noch so möglich sein wird.
 

Michael Teuber in der Unfallklinik Murnau. Foto: te

Michael Teuber in der Unfallklinik Murnau.
 Foto: te

 

Erst der Weltmeistertitel, dann der schwere Unfall und das Ganze innerhalb von nur einer Woche. Wie würden Sie Ihre jetzige Gemütslage beschreiben?
 
 Das Einzelzeitfahren bei der WM in den USA, war einer der besten sportlichen Leistungen meiner gesamten Karriere. Ich hatte eine irre Form. Jetzt denke ich mir natürlich schon: Geht's noch, ich war letzte Woche bei 100 Prozent und jetzt bin ich bei 0 Prozent – Tendenz sinkend.
 
 Glauben Sie daran, wieder zeitnah Leistungen auf Weltklasseniveau erbringen zu können?
 
 Die ersten Tage nach meinem Trainingsunfall, habe ich mich der Illusion hingegeben, dass ich schnell wieder aufs Rad komme. Jetzt habe ich aber realisieren müssen, dass es nicht so schnell gehen wird und dass ich den Verfall meiner Muskulatur erst einmal nicht aufhalten kann. Der Querschnitt hat über 20 Jahre keine Rolle gespielt und jetzt tritt das plötzlich wieder zutage.
 Nach meinem Unfall damals habe ich Jahre gebraucht, bis ich die Muskulatur hochtrainiert hatte und da war ich 19 Jahre alt und jetzt bin ich 46. Das ganze Package ist schon harter Tobak.
 
  Vor 27 Jahren hatten sie einen schweren Autounfall, der ihre inkomplette Querschnittslähmung zur Folge hatte. Damals wurden sie – wie jetzt – in der Unfallklinik Murnau behandelt. Erfahren sie hier gerade eine Art Déjà-vu?
 
 Das sind gemischte Gefühle. Hier werde ich natürlich wieder komplett mit diesem ganzen Thema von früher konfrontiert. Der Autounfall, stand bei mir viele Jahre im Hintergrund, weil ich nicht akut darunter leide und auch nicht tagtäglich mit meinem Schicksal hadere. Trotzdem kommt jetzt alles wieder hoch und meine Pläne sind vollständig über den Haufen geworfen.
 Man sieht hier so viele Menschen denen es schlecht geht und man selber ist auch mittendrin. Andererseits sind die Rettung und die OP gut verlaufen und mir ist bewusst, dass es viel schlimmere Fälle gibt als mich.
 

Paracycling-WM 2014 in Greenville (USA).  Foto: Oliver Kremer

Paracycling-WM 2014 in Greenville (USA).
 Foto: Oliver Kremer

 

Sie haben sich damals aus dem Rollstuhl gekämpft – woher haben Sie diese enorme Kraft genommen?
 
 In der Klinik hat man mir immer gesagt, dass ich im Rollstuhl landen werde.
 Man muss sich selbst sagen „Ich schaffe das!“. Man muss den Willen haben sich zu schinden. Das kann nicht jeder. Durch den Unfall ist das geweckt worden. Ich habe eine wahnsinnige Energie entwickelt und mich von Haut und Knochen wieder hochtrainiert.
 Das funktioniert natürlich nicht bei jedem Rollstuhlfahrer. Ich bin jetzt kein Weltwunder; die körperlichen Voraussetzungen müssen schon da sein.
 
 Wie würden Sie unter den gegenwärtigen Umständen Ihre nächsten Ziele formulieren?
 
 Mein Traum hieß eigentlich 'Open End', natürlich mit den Paralympics 2016 in Rio im Fokus.
 Rio ist fast noch 24 Monate hin, bis dahin lässt sich natürlich schon noch Einiges bewegen.
 Momentan werde ich natürlich nicht sagen 'Es zählt für mich nur Gold in Rio'.
 Aus jetziger Sicht wäre es für mich schon ein Erfolg, wenn ich im nächsten Jahr wieder in der Weltspitze mitmischen könnte und nicht abgehängt werde - wenn es sich positiver entwickelt umso besser!
 

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