Pressekonferenz der Bayerischen Krebsgesellschaft e.V.

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Brandschrift

Professionelle menschliche Zuwendung wird ausgelagert

Eine erfolgreiche Krebsbehandlung ist weit mehr als die Abfolge medizinischer Therapieschritte. Der erkrankte Mensch mit seinen Ängsten und Problemen darf bei allem Fortschritt in der Medizin nicht auf der Strecke bleiben. Denn die professionelle menschliche Zuwendung, i.e. psychoonkologische Unterstützung, spielt im Genesungsprozess von Krebspatienten eine entscheidende - in unserem Gesundheitssystem leider immer noch nicht fest verankerte - Rolle. Die Bayerische Krebsgesellschaft e.V. (BKG) fordert deshalb mehr professionelle menschliche Zuwendung und psychoonkologische Betreuung von krebskranken Menschen. Verbunden mit dieser Forderung ist eine angemessene Finanzierung ambulanter psychosozialer Angebote für Betroffene und ihre Aufnahme im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen.

Die Entwicklung in der medizinischen Behandlung von Krebspatienten ist atemberaubend. Mittlerweile gibt es keine Therapie mehr unter 4.000 Euro pro Monat. Der Kostendruck steigt ins Unermessliche. Allein die Ausgaben für Medikamente und aufwändige Therapieverfahren Krebskranker sind so hoch, dass für die so dringend benötigte psychoonkologische Hilfe durch qualifizierte Krebsberatungsstellen – die nur mit rund 90 Euro pro Beratung zu Buche schlägt - kein Geld mehr bleibt.
 
 Zeitgleich wird die ambulante spezialärztliche Versorgung § 116 (ASV) vorangetrieben, die aus Sicht der Bayerischen Krebsgesellschaft e.V. bald an die Grenzen des Systems stoßen wird. Die finanziellen Mehraufwendungen werden vermutlich gerade die Therapiekosten im Rahmen der ASV decken. Die Folge: Das Arztgespräch reduziert sich auf die Aufklärung über notwendige Therapieschritte, die allein schon einen gewaltigen Zeitaufwand erfordert. Für die so wichtige psychoonkologische Unterstützung ist da kein Platz.
 
 Ambulante spezialärztliche Versorgung und Zeitdruck steigern Bedarf an ambulanter Krebsberatung
 Jährlich erkranken rund 67.000 Menschen in Bayern an Krebs. Über 50 Prozent der Neuerkrankten können geheilt werden. Die Bayerische Krebsgesellschaft e.V. schätzt, dass derzeit in Bayern mindestens 350.000 Menschen leben, die in den letzten 5 Jahren die Diagnose Krebs erhalten haben. Tendenz steigend. Mit der ASV wird zusätzlich auch die psychoonkologische Betreuung in den ambulanten Bereich verlagert, in dem es noch immer keine flächendeckende und finanziell gesicherte psychoonkologische Versorgung durch Krebsberatungsstellen gibt.
 
 In einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen alleine leben, müssen zunehmend mehr Betroffene ihre Erkrankung alleine bewältigen. Verunsicherung, Angst bis hin zu Paniksituationen – selbst bei leichten Nebenwirkungen der Krebstherapie – sind die Folge. Ambulante professionelle psychoonkologische Hilfe könnte diesen Menschen schnell und niederschwellig Hilfe bieten. Sie ist jedoch nach wie vor nicht selbstverständlich.
 
 Wegen der kurzen Verweildauer im Krankenhaus findet auch hier die professionelle menschliche Zuwendung oft nicht im ausreichenden Maße statt. Bei Liegezeiten von 3-5 Tagen ist ein tiefer gehendes Gespräch, das den Patienten und seine Situation als Ganzes wahrnimmt, nicht möglich. Das ist fatal bei dieser Erkrankung, die von Haus aus mit vielen Ängsten, existenziellen Sorgen und therapiebedingten Nebenwirkungen behaftet ist. Auch in den Hausarztpraxen wird das Arzt-Patientengespräch vom System nicht ausreichend bewertet. Laut Ärzte Zeitung online (1) wird das Gespräch zwischen Arzt und Patient kaum abgerechnet, weil der Zeitaufwand für intensive Gespräche in einer durchschnittlichen Hausarztpraxis nicht umzusetzen ist.
 
 Beratungszahlen der BKG in 10 Jahren verdoppelt, Ausbau der Versorgung stockt
 Das Resultat: die Betroffenen suchen zunehmend andere ambulante Hilfen, wie z.B. Beratungsangebote von Krebsberatungsstellen. Die Zunahme der Beratungszahlen der Bayerischen Krebsgesellschaft e.V. von 10.236 in 2004 auf 21.712 in 2014 belegt das sehr deutlich.
 
 Die Entwicklung war absehbar. Daher hat das Bundesministerium für Gesundheit gemeinsam mit der Deutschen Krebsgesellschaft e.V., der Deutschen Krebshilfe e.V. und der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Tumorzentren ADT 2008 den Nationalen Krebsplan ins Leben gerufen, in dessen Handlungsfeld 2, Ziel 9 eine angemessene psychoonkologische Versorgung von Krebspatienten auch im ambulanten Bereich verankert ist. Experten aus 53 Fachgesellschaften haben in der 2014 erschienenen S3-Leitlinie Psychoonkologie sich dafür ausgesprochen, dass Krebspatienten möglichst wohnortnah Zugang zu ambulanten psychoonkologischen Hilfsangeboten erhalten müssen, letztendlich auch deswegen, um spätere Folgekosten durch nicht rechtzeitig erkannte psychische Folgeerscheinungen zu vermeiden. Trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnis stagnieren jedoch die Bemühungen, in Deutschland, eine Regelfinanzierung von Krebsberatungsstellen zu etablieren. Das ist in der Tat ein Dilemma: Ambulante psychosoziale Krebsberatung – eine wichtige psychoonkologische Versorgungsleistung für 1,4 Mio. Krebskranke in Deutschland und 350.000 in Bayern (5-Jahresprävalenz) – ist leider nach wie vor im Non- Profit-Bereich verankert und damit zum Großteil von Spenden abhängig.
 
 Mehr Langzeitüberlebende ohne ausreichend ambulante psychosoziale Nachsorge
 Wenn wir uns den demographischen Faktor ansehen, so werden die Krebserkrankungen in den kommenden 20 Jahren um über 30 Prozent zunehmen (2). Ferner nimmt mit dem Fortschritt des Therapieerfolgs auch die Anzahl der Langzeitüberlebenden zu, die ihrerseits (Folge)probleme infolge einer langwierigen Therapie mit zahlreichen Nebenwirkungen entwickeln werden. Je mehr Langzeitüberlebende es gibt, umso mehr ambulante Einrichtungen im Bereich der Psychoonkologie wie z.B. psychosoziale Krebsberatungsstellen müssen angeboten werden. Dies kann nicht mehr nur durch bürgerschaftliches Engagement geleistet werden, hier sind die Politik und die Sozialsysteme gefragt.
 
 Uns ist bewusst, dass bei Ausgaben von 32 Mrd. Euro für die ärztliche Behandlung, 30,3 Mrd. Euro für Arzneimittel und 65 Mrd. Euro für Krankenhausbehandlung (3) wenig Raum für Umverteilung ist. Dennoch müssen wir uns fragen, was für den Patienten mehr Lebensqualität bedeutet, wenn durch therapeutische Maßnahmen keine wesentliche Änderung des Gesundheitszustandes zu erwarten ist: Eine weitere Therapie mit zweifelhaftem Ausgang oder aber eine professionelle menschliche Zuwendung für den Betroffenen und sein soziales Umfeld, damit er mit der belastenden Lebenssituation besser umgehen kann? Die Bayerische Krebsgesellschaft e.V. ist der Meinung, dass ein Umdenken im Gesundheitssystem stattfinden muss über alle Indikationen hinweg: Weg von der wahrscheinlich viel zu teuren Maximaltherapie hin zu einer zwar auch kostenintensiven, dafür aber stärker patientenorientierten Versorgung, um auch für die unbedingt erforderliche zwischenmenschliche Zuwendung freie Ressourcen zu schaffen.
 
 Die Bayerische Krebsgesellschaft e.V. fordert alle Akteure des Gesundheitswesens auf, unverzüglich die Maßnahmen zu ergreifen bzw. fördernd mitzuwirken, um baldmöglichst eine gesicherte Finanzierung ambulanter psychosozialer Betreuung von Krebspatienten – sprich professioneller menschlicher Fürsorge – zu gewährleisten.
 
 Im September 2014
 Gezeichnet
 

Kontakt:
 Bayerische Krebsgesellschaft e.V.
 Nymphenburgerstraße 21a
 80335 München
 Tel.: 089-54 88 40-0
 Fax: 089-548840-40
 www.bayerische-krebsgesellschaft.de
  info@bayerische-krebsgesellschaft.de
 

Quellen:
 1) Ärzte Zeitung online vom 05.06.2014
 2) WHO, Welt-Krebs-Bericht 2014
 3) Daten GKV Kennzahlen Leistungsbereiche 2013