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Du berauschst dich an dir selbst

Berlin-Zehlendorf am frühen Morgen: Eine Gestalt huscht im Dunkeln von Briefkasten zu Briefkasten, ganz schnell und so geschickt, dass sie kaum wahrzunehmen ist. Das ist Kiwi. Kiwi mit seinem besonderen Talent zum Laufen.

Wenn bei Dirk Kiwus nachts um 2:30 Uhr der Wecker klingelt, steigt der 41-Jährige ganz selbstverständlich aus dem Bett. Seine Kunden warten. Seit zwölf Jahren trägt Dirk, Kiwi genannt, morgens Zeitungen und Magazine aus. Nach einer Banane zum Frühstück geht’s in Laufklamotten fünf Kilometer zur Verteilerstation. Der Weg zur Arbeit ist gleichzeitig seine erste Trainingseinheit. An der Station lagern die druckfrischen Zeitungen für die Austräger. Kiwi nimmt sich seine Exemplare und beginnt mit der ersten Tour.
 
 Dabei hat er eine besondere Technik entwickelt: Er geht nicht mit dem Zeitungswagen die Straßen entlang, sondern lässt seinen Wagen an einem Punkt stehen und läuft mit den Zeitungen unter dem Arm die Briefkästen ab. Er hat gemerkt, dass er so viel schneller ist und in der Zeitspanne, in der Kollegen eine Tour machen, zwei oder drei schafft. Zwischen 8 und 9 Uhr ist er fertig und hat zu einer Zeit, in der viele Menschen erst aus dem Haus gehen, schon einen 20 Kilometer-Lauf hinter sich. So viel zu Kiwis Grundlagentraining.
 

Ich brauche den Sport

Schon als Schüler ist er gern gelaufen, am liebsten 1000 Meter. Dann verlor er diese Leidenschaft für einige Zeit aus den Augen. Mit Mitte zwanzig haben ihn Reisen und Feiern mit Freunden mehr interessiert. Ganz losgelassen hat ihn die Lust am Laufen aber nicht. Als er Anfang dreißig war, meldete Kiwis damalige Frau ihn ohne sein Wissen für den Berlin-Marathon an. Er wolle doch immer laufen, sagte sie damals. Und er nahm die Herausforderung an.
 
 Statt der üblichen Vorbereitungszeit für Marathonanfänger von einem Jahr, bereitete er sich in nur drei Monaten auf den Lauf vor. „Laufanfänger müssen drei Wochen durchstehen, um eine Grundfitness zu erreichen. Ich bin damals einfach mit dem Rocky-Song ‚Eye Of The Tiger‘ auf dem Handy durch den Wald geballert. Da passte der Rhythmus so gut.“ Beim Rennen ging Kiwi dann mit einer Zeit von 3:06 Stunden durchs Ziel.
 
 Wie viele Marathons Kiwi mittlerweile gelaufen ist, weiß er nicht genau, wahrscheinlich zwanzig bis dreißig. Irgendwann reichte es ihm nicht mehr, ausschließlich diese Distanz zu laufen und er wechselte zu den Ultraläufern. Darin ist er so erfolgreich, dass er in diesem Jahr auf Platz 5 der deutschen Bestenliste über 100 Kilometer steht. Ultraläufe sind Rennen, die über die klassische Marathondistanz von 42,195 Kilometern hinausgehen. Das können 50 oder 100 Kilometer sein oder auch Läufe über 6, 12, 24 oder 48 Stunden. Für Hobbyläufer unvorstellbare Leistungen.
 

Beim Marathon komme ich an keine Grenze

Kurz vorm Ziel - Kiwi beim Schlaubetal-Marathon  (Foto: Jens Niedermöller)

Kurz vorm Ziel - Kiwi beim Schlaubetal-Marathon
 (Foto: Jens Niedermöller)
 

Kiwis Lieblingsdistanz sind die 100 Kilometer. Marathons läuft er nur noch zu Trainingszwecken. Dabei verbindet er das Angenehme mit dem Nützlichen. Er sucht sich die Läufe genau aus, wählt Städte oder Gegenden, in denen er noch nie war. Wie 2014 in Barcelona. Diese Stadt wollte Kiwi schon immer kennen lernen. Er nahm dort beim Stadtmarathon teil, um sich auf die Qualifikation für den Nationalkader vorzubereiten.
 
 Seine Aussage, dass er die besten Läufe mache, wenn er ohne Erwartungen rangehe, sollte sich wieder einmal bewahrheiten. Ganz locker startete Kiwi den Lauf durch die katalanische Metropole, bis er vor sich einen Tempomacher registrierte. An Tempomachern können sich die Läufer während des Rennens orientieren. Sie tragen eine vorgegebene Zieleinlaufzeit, sodass sich die Teilnehmer von ihnen ziehen oder bremsen lassen können. Dieser Pacemaker trug die Zeit 2:45 Stunden. Das war Kiwis Chance. Noch nie hatte er diese Marathonzeit geschafft. Sie war für ihn immer wie eine Mauer gewesen. Er heftete sich also an den Orientierungsläufer. Nach einer Weile merkte er, dass ihm das Hinterherlaufen nicht liegt, ihn sogar nervte. Er zog vorbei, machte wieder sein eigenes Rennen. Auf der Zielgeraden war er ganz allein auf der Strecke. Das Wetter war schön, der Happy-Song von Pharrell Williams erklang aus den Lautsprechern, als er über die Ziellinie lief. Die Zuschauer jubelten ihm zu. Dann sah er seine Zeit: 2:43 Stunden! Genau das seien die Momente, für die er laufe, erzählt er.
 

Ich bin ein Spaßläufer

Das mit dem Nationalkader der deutschen Ultraläufer ist dieses Jahr zwar nichts geworden, denn bei dem Versuch zur Qualifikation ist Kiwi ein Rennen zu schnell angegangen, verpasste die vorgegebene Zeit von 7:15 Stunden knapp um 15 Minuten. Aber das macht ihm nicht viel aus. Obwohl er in Form ist wie nie, sich Chancen bei den Wettkämpfen ausrechnet und sogar den Deutschen Meisterschaftstitel im Sechs-Stunden-Lauf anstrebt, möchte er dieses Jahr nicht nur stur auf Leistung trainieren.
 
 Kiwi hat für sich die Balance zwischen Leistungsdenken und Spaß gefunden. „Ich bin ein Lustläufer“, sagt er. Die Einteilung der Rennen ist ihm nicht so wichtig, wie der Spaß beim Laufen. Da legt er auch eine gewisse Beratungsresistenz an den Tag. Schließlich hatte er den Effekt der Krafteinteilung schon einmal bei einem 100-Kilometer-Lauf gespürt, als sein Vereinstrainer ihm für die ersten 60 Kilometer ein langsames Tempo auferlegt hatte. Den Lauf hatte er durch die Reserven für die letzten 40 Kilometer locker gewonnen. Doch Taktik ist nicht sein Ding. Wenn er laufen will, läuft er einfach. Zeiten von 4:20-4:30 min/km sind für ihn optimal. „Wenn ich langsamer laufe, tun mir die Knie und Beine weh. Da fällt das Tempo nach hinten raus zwar etwas ab, aber die Rennen schaffe ich immer.“
 
 Selbst der von vielen Läufern so gefürchtete Regen stört Kiwi nicht. Seine Knackpunkte liegen beim Marathon zwischen Kilometer 35 bis 38. Da wird es für ihn schwer, das Tempo zu halten. Beim 100- Kilometer-Lauf geht es nach 75 bis 90 Kilometern los. Kiwi mag es, wenn der Kreislauf in dieser Wettkampfendphase ganz runterfährt. „Dann denke ich nichts mehr, bin ganz bei mir. Alles andere wäre Energieverschwendung.“
 

Wie mein „Lebensadrenalin“ fließt

Diese Grenzerfahrungen sucht er aber nicht nur im Sport. Kiwi macht gern extreme Reisen. Oft ganz allein, nur mit Rucksack und Fahrrad. Dann verschlägt es ihn nach Pakistan, Nepal oder Australien. Und zu jeder Reise kann er eine Geschichte erzählen, die man nicht selbst erleben will. Im australischen Outback ging ihm zum Beispiel bei sengender Hitze das Wasser aus. Auch nach acht Stunden ohne einen Schluck zu trinken, hatte er noch immer keinen Wassertank erreicht. „Da kam mir schon der Gedanke, dass es doch keine so gute Idee war, mit dem Fahrrad ganz allein durch die Wüste zu fahren. Aber ich musste es ja schaffen, in den nächsten Ort zu gelangen – zur Not auch mit einem platten Reifen.“ Dieses Gefühl, dann angekommen zu sein, sich auf sich selbst verlassen zu können, sich selbst besser kennen gelernt zu haben – das ist es, was er aus diesen Erlebnissen zieht. Lebensadrenalin nennt er es.
 
 Dieses Bewusstsein, was der eigene Körper physisch und mental leisten kann, das treibt Kiwi auch zu Hause und bei den Wettkämpfen an. Er könne nicht auf dem Sofa sitzen, er müsse sich bewegen und laufen. Nur dann fühle er sich gut, sagt er von sich selbst. Und er würde sich wünschen, dass jeder Mensch für sich eine Sache findet, die ihm dieses Selbstbewusstsein gibt.
 

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