Dossier Körper

Dossier Körper

Navigation
Startseite Editorial Körpergefühl Körperkraft Klangkörper Hochleistungskörper Körperentspannung Körperentgiftung Körper und Geister Roboterkörper Körpereinsatz in Afrika Autorinnen und Autoren Impressum

Wenn der Bauchspeck kommt

Unser Autor macht jetzt Muskeltraining, denn er ist ein bisschen eitel. Und dabei macht er eine faszinierende Entdeckung.

Die Münchner Glyptothek zeigt: Auch die alten Griechen hatten gern athletische Körper. (Foto: Birgit Bondarenko)

Die Münchner Glyptothek zeigt: Auch die alten Griechen hatten
 gern athletische Körper.
 (Foto: Birgit Bondarenko)
 

Bin ich eitel? Und ist es nicht eigentlich peinlich, was ich da jetzt seit Monaten treibe? Fünfmal pro Woche verbringe ich etwas mehr als eine halbe Stunde damit, Muskeln zu trainieren. Muskeln. Ich tue fast täglich das, was andere geradezu als Urkatastrophe für die intellektuelle Welt ansehen. Denn Muskeltraining, das ist für sie der Sieg der Äußerlichkeit über das Inhaltliche, der Oberflächlichkeit über den Tiefgang.
 
 Mit Mitte dreißig geht das Elend los. Man ist nicht mehr automatisch schlank. Eines Tages entdeckt man einen Bauchansatz im Spiegel. All die jungen Jahre lang hat man sich amüsiert über dicke Schwabbelbäuche und sich gesagt, wie schön es doch ist, dass man sowas nicht hat.
 
 Jetzt hat man sowas. Nicht gleich schlimm, es schwabbelt ja nicht gleich. Aber der Bauch ist nicht mehr flach, das Desaster schon sichtbar. Bei 1,78 Metern Körpergröße und 77 Kilo Gewicht jammere ich auf einem gewissen Niveau. Aber es wird ja immer schlimmer. Und außerdem: Will ich einer dieser Sportjournalisten werden, die mangelnde Fitness von Fußballteams monieren und selbst aussehen wie Medizinballschmuggler? In meiner Freizeit spiele ich Kontrabass: Soll mein Bauch irgendwann so dick werden, dass ich die Saiten nicht mehr erreichen kann? Auch spiele ich Improvisationstheater: Will ich eine Wampe über die Bühne schleppen?
 

Fitnessstudio – reine Geldverschwendung?

Rein ins Fitnessstudio. Kostet 40 Euro pro Monat. Ich strampele auf Ergometern und stemme Gewichte an Maschinen, während ein Privatradio-Sender dudelt. Im Wechsel höre ich Plastikpop, Plastiktrailer, und am Telefon vor angeblicher Freude kreischende Hörerinnen, für die der Sender irgendwelche Rechnungen bezahlt. Viele Menschen können bei Hintergrundbeschallung weghören. Ich nicht. Trainings- und Ernährungsberatung vom Fachpersonal? Mau. Der Bauch? Bleibt.
 
 Raus aus dem Fitnessstudio. Vielleicht geht auch zu Hause was: Liegestützen und Bauchcrunches funktionieren auch dort. Im Internet lerne ich, dass sich sowas 'Übungen mit dem eigenen Körpergewicht' nennt. Es gibt eine Menge Literatur darüber. Und es wird immer mehr.
 
 Ein Autor hat es mit seinem Buch 'Fit ohne Geräte' (im Original 'You are your own Gym') sogar in die Bestseller-Listen geschafft: Mark Lauren. Er findet, dass Fitnessstudios Geld- und Cardiotraining Zeitverschwendung sind. Übungen mit dem eigenen Körpergewicht seien viel wirksamer. Er ist Personaltrainer und Militärausbilder. Der Mann hat Elitesoldaten für ihre Einsätze körperlich fit gemacht. Jetzt soll er meinen Bauch wieder flach kriegen.
 
 Das Layout des Buchs ist einfallslos, Laurens Glorifizieren des Militärs und sein Eigenlob in den Einführungskapiteln peinlich. Ich zweifle: Ja, ist Muskeltraining denn so gar nichts für kritische Geister? Mehr als 300.000 Bücher und DVDs hat Lauren allein in Deutschland verkauft. Bei Facebook gibt es bereits eine Gruppe namens 'Fett ohne Geräte'.
 Aber dann, als Lauren über das eigentliche Thema schreibt und auf Fotoserien Übungen vorstellt, wird es spannend. Er will seine Leser nämlich nicht zu plumpen Kraftmeiern machen, sondern zählt zu Fitness neben Kraft auch Dinge wie Körperkoordination, Balance und Ausdauer. Und er sagt etwas, das einem den eigenen Körper näher bringt: 'Unser wahres Zuhause ist nicht unsere Wohnung, unser Haus, unsere Stadt oder unser Land, sondern unser Körper. Er ist das einzige, worin Sie, Ihre Seele und Ihr Verstand, immer leben werden. Er ist der allerwichtigste physische Gegenstand, um den sie sich auf dieser Welt kümmern sollten.' Ist es also doch mehr als nur Eitelkeit, sich um seine Muskulatur zu kümmern? Lauren jedenfalls lehrt Übungen wie diese hier:
 

Video Mark Lauren

Wissenschaftler lernen Muskeln zu schätzen

Ingo Froböse, Professor an der Sporthochschule Köln, hat auch ein Buch über Muskeltraining ohne Fitnessgeräte geschrieben: 'Das Muskel-Workout'. Ähnlich wie Lauren zeigt und erläutert er Übungen für alle möglichen Muskelpartien inklusive Trainingsplänen, allerdings besser geschrieben und schicker layoutet. Als Wissenschaftler hat er ein schlechtes Gewissen - nicht, weil er ein Buch über Muskeltraining geschrieben hat, sondern, weil er zuvor jahrelang keines geschrieben hat.
 
 Die Wissenschaft habe die Muskeln nämlich zulange unbeobachtet gelassen und erst jetzt ihre Bedeutung für Dinge wie Gesundheitsprävention, Stoffwechsel und Hirnfunktionen erkannt, sagt Froböse: 'Das ist die Schuld von uns Wissenschaftlern.' (Zum Interview geht es hier.)
 
 Froböse nennt in dem Buch neue wissenschaftliche Studien, die davon zeugen, dass eine gut trainierte Muskulatur Schlaganfällen und Arthrose vorbeugt, dass ihre Botenstoffe Hirnfunktionen positiv beeinflussen, dass Senioren mit ihr länger mobil und auch geistig fit bleiben. Ich lerne, dass nicht Diäten schlank machen, sondern Muskeln. Denn die verbrennen Kalorien sogar im Ruhezustand, 24 Stunden am Tag.
 
 Ich trainiere also. Zu Hause, in Dudelfunk-freier Zone. Die Übungen von Lauren und Froböse sind schweißtreibend, manche richtiggehend hart und erfordern Willen: Liegestütze in immer anstrengenderen Variationen, Kniebeugen auf einem Bein, Rückenübungen, die Muskelpartien brennen lassen, von denen ich zuvor nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt.
 
 Aber der Ehrgeiz wächst. Auch ernähre ich mich durchdachter. Ich hungere nicht, esse mich satt - aber mit gesünderen Lebensmitteln und ohne Kohlenhydratbomben am Abend. Und weitgehend ohne Süßigkeiten. Ich vermisse nichts.
 
 Nach sechs Monaten sind acht Kilo runter. Und es fühlt sich verdammt gut an. So als seien Bewegungen jetzt irgendwie dynamischer und runder. Ich mache jetzt mehr Musik und spiele mehr Theater als zuvor. Und stets fühlt es sich an, als sei der Körper jetzt ein viel vertrauterer Teil meiner Selbst. Und: Ich mag ihn wieder.
 
 Bin ich eitel? Gut möglich. Aber in diesem Fall ist mir das egal.
 
 Ein bisschen jedenfalls.
 

Kontakt aufnehmen mit Eike Brunhöber
Online-Kontaktaufnahme