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Körper und Geister

„Wir sind von einer Doppelbewegung durchdrungen, einem Hin und Her, hinaus zu den anderen und zurück zu den sogenannten Angehörigen, die Familie verlassen und wiederkehren, je nach Zeit, Umständen, Lebensalter und dem, was wir sind, und unsere Balancierstange bleibt mehr oder weniger im Gleichgewicht.“ (Cécile Wajsbrot. Die Köpfe der Hydra)

Die toten Hände

Mit dem letzten körperlichen Kontakt, den ich mit meiner Großmutter hatte, gab sie mir ihre Unerschrockenheit mit auf meinen weiteren Weg. Ihre kühlen, festen Hände zu berühren war, als berührte sie mich ein allerletztes Mal. Diese außerordentliche Begegnung vertrieb für immer alle Angst aus den tiefsten Schichten. Auch weil ich sehen konnte, dass sie angesichts des Todes keine Furcht gehabt haben muss. Die Erinnerungen an diesen Tag, dieses Erlebnis begleiten mich seitdem und bewogen mich, hier eine kleine Geschichte meiner Familie anhand von Körperbegegnungen zu erzählen.

Die Vorgeschichte

Meine Großmutter Elsa, 1938  (Familienarchiv)

Meine Großmutter Elsa, 1938
 (Familienarchiv)
 

Mit meiner Großmutter fing alles an. Ihre Heirat mit meinem Großvater war der Beginn der Geschichte der Familie mütterlicherseits auf diesem Hof aus dem 19. Jahrhundert. Drei Kinder durch den Weltkrieg gebracht, ausgebombt, nach Kriegsende in provisorischen Unterkünften, in Wohnungen auf Zeit lebend, dort von schikanösen oder zudringlichen Vermietern als Arbeitskraft oder als Frau ausgebeutet, den Mann durch Selbstmord verloren, war sie froh, endlich irgendwo angekommen zu sein.
 
 Mein Großvater war zwar um viele Jahre älter als sie, dafür ein sehr schöner Mann. Doch auch in seinem Haus gab es keinen Frieden. Die Schwägerinnen waren missgünstig. Zum Haus gehörte ein Milch- und Lebensmittelgeschäft und von dessen spärlichen Einkünften kurz nach dem Krieg sollten nun auch noch diese Frau und ihre drei Kinder miternährt werden? Gewalttätigkeiten und Fehden bestimmten den Alltag. Schließlich entschied mein Großvater, seine Geschwister aus der Erbengemeinschaft auszuzahlen. Das zischend geflüsterte „Schätzen! Schätzen!“, als es darum ging, einen Gutachter zu beauftragen, klingt meinem Onkel noch heute im Ohr. Haus und Grundstück sind groß und weitläufig und hatten einen immensen Wert. Der Großvater musste also eine Hypothek aufnehmen, um die unwürdigen Umstände für sich und seine neue Familie zu beenden. An dieser Grundschuld sollte der spät geborene gemeinsame Sohn als Erbe noch Jahrzehnte tragen. Das Anwesen warf noch nie Mieten ab, weil bis heute die Familie in drei, bisweilen vier Generationen dort wohnt. Die letzte Rate wurde im Frühjahr 2014 bezahlt.
 
 Als meine Großmutter 2006 zuhause starb, wurde durch die Berührung ihrer toten Hände etwas in Gang gesetzt. Denn sie anzufassen war genauso eindrücklich, wie meine neugeborenen Kinder zu berühren. Der Säuglingskörper ist ein Versprechen für die Zukunft. Der tote Körper ist das Abbild eines ganzen Lebens. Dort ist alles zitternde Erwartung, hier alles ruhige Gewissheit. Dort ist alles Hoffnung, Aussicht, hier hat sich alles erfüllt.
 

Begegnungen mit der Mutter

Meine Mutter Rita, 1955 (Familienarchiv)

Meine Mutter Rita, 1955
 (Familienarchiv)
 

Als Vierjährige litt meine Mutter an einer schweren Rachen- und Kehlkopfdiphterie, die sie nur durch eine glückliche Wendung überlebte. Seitdem entwickelte sich bei ihr eine Krankheitsphobie. Ein kleines Kind, das täglich die weinende Mutter am Krankenbett durch ein Sauerstoffzelt beobachtet, sie nicht berühren darf, aber langsam versteht, wie schlimm es um seinen kleinen Körper bestellt ist, träumt sich in die Unsterblichkeit, in die ewige Vereinigung mit der Mutter.
 
 Als ihre kindliche Phantasie langsam vom erwachsenen Wissen um die eigene Endlichkeit überlagert wurde, begann meine Mutter unter enormer psychischer Anstrengung, Krankheit und Tod aus ihrem Leben zu verdrängen.
 Ganz eindringlich erlebte ich diesen Abwehrmechanismus, als ich eines Tages zu ihr gerufen wurde, wie sie nach der Diagnose einer akuten Lungenembolie durch ein mobiles Sauerstoffgerät atmend beim Hausarzt saß. Sie weigerte sich strikt ins Krankenhaus zu gehen. Ich sollte sie davon überzeugen, dass eine operative Entfernung des Gefäßpfropfens, der bereits mehrere Lungenarterien verstopft hatte und weiterwandern würde, unerlässlich wäre. Sie aber wollte nicht. Es gehe ihr doch gut. Sie atme doch. Ich schrie sie an, dass sie ohne das Sauerstoffgerät noch für eine Stunde Luft hätte und dann ersticken würde. Sie schien nicht zu verstehen. Sie lächelte die ganze Zeit. Ganz ruhig bat sie mich, sie doch nicht so anzuschreien und sie nach Hause zu bringen. Die Aufregung aller Anwesenden erschien ihr offensichtlich abwegig. Nachdem ich aber nicht aufgab, sie weiter um ihr Leben anzuflehen, neigte sie schließlich den Kopf zur Seite, was mir signalisierte, dass sie nachzudenken begann, dass ihr Entschluss zu sterben wankte. Schließlich gab sie ihr Einverständnis. In der Klinik wurden ihr der Thrombus und das sogenannte Embolie-Material, das untergegangene Lungengewebe, entfernt.
 
 Dieses Erlebnis mit meiner Mutter machte mir klar, dass die große Angst aus der Kindheit noch in ihr saß. Die Erzählung von der Diphterie kannte ich ja. Das war eine Geschichte von der Art, wie sie in Familien jahrzehntelang wieder und immer wieder erzählt werden. Durch dieses Erzählen wird versucht, das Furchterregende des Erlebnisses, das Trauma zu beschwören. In der Erzählung, in den Worten, die letztlich zu abgegriffen, zu banal sind, um das Erlebte wiederzugeben, wird das Außerordentliche, das Unerhörte, Unheimliche und Katastrophische über die Zeit selbst banalisiert, wird ein abgelegtes Dokument in den Familienakten, jedem jederzeit verfügbar; scheinbar. Denn diese Erlebnisse bleiben zeitlebens eine Bedrohung für die Seele. Im Innenleben findet keine Banalisierung statt.
 
 Zur Geschichte der Krankheiten meiner Mutter gehört auch Morbus Parkinson, der sich ab 2005 in ihren Körper zu schleichen begann. Nachdem sie 2012 einen besonders starken Parkinson-Schub erlitt, veränderte sich mein Verhältnis zu ihr grundlegend. Bis zu diesem Zeitpunkt erledigte sie Dinge wie Körperpflege und Hausarbeiten zwar sehr langsam, aber noch weitgehend selbstständig. Dies war ihr während der Krise nicht mehr möglich. Sogenannte Freezing-Erscheinungen ließen sie oft eine bis zwei Stunden lang an einer Stelle im Zimmer versteinern. Ich half ihr morgens aufzustehen, wusch sie, brachte sie auf die Toilette, meine Tante kochte, machte den Haushalt, ich brachte sie abends zu Bett. Schließlich ging sie nach tagelangen, zähen Verhandlungen in eine Spezialklinik. Danach wurde nach tagelangen, zähen Verhandlungen ein Pflegedienst beauftragt.
 

Wendepunkt

Körperlich wurde es bei ihr nie wieder wie zuvor. Aber wir waren uns näher gekommen. Meine Mutter hatte bis dahin ein ausgeprägtes Schamgefühl. Deswegen war die neue Nähe zuerst mit Hemmungen verbunden. Auch bei mir. Hatte ich früher Aggressionen und Ohnmachtsgefühle gegenüber ihren psychischen Verdrängungsmechanismen, so wandelten sich diese Gefühle in der Zeit der erzwungenen Intimität. Ich nahm sie wie durch ein Vergrößerungsglas wahr, musste mich auf ihre Langsamkeit einstellen, beobachtete sie, hörte zu. Sie war immer noch so burschikos, so dickköpfig, so fröhlich wie sie nach den Erzählungen als Kind gewesen sein muss. Das rührte mich.
 
 Und an einem blauen Sommertag durchfuhr mich unwillkürlich der Gedanke, dass sie einmal sterben wird, dass sie mich eines Tages verlassen wird. Ich wurde unendlich traurig. Ihr Körper war mir nahe gekommen und dadurch ihr Wesen. Auch für sie war es eine Ausnahmesituation. Zum ersten Mal musste sie zu ihrem körperlichen Zustand stehen, gab es keine Fluchtmöglichkeit, keine Gelegenheit zur Verdrängung.
 
 Ganz anders noch damals, in der Zeit als mein Vater seinen Schlaganfall erlitt. Da wehrte sie sich gegen diesen Einbruch der Katastrophe, die sich in mehreren Zusammenbrüchen bei ihm bereits angekündigt hatte.
 

Der Vaterkörper

Mein Vater Alfons, 1948 (Familienarchiv)

Mein Vater Alfons, 1948
 (Familienarchiv)
 

2001 erlitt mein Vater mitten in der Nacht einen Schlaganfall. Meine Mutter schlief zu fest. Er kam zu spät in die Klinik. Angstvoll und gleichzeitig innerlich leer warteten wir vor der Glastür zur Stroke Unit in der Neurologie. Als sie ihn endlich auf einem Rollbett herausschoben, weinte er verzweifelt. Ich hatte meinen Vater noch nie weinen sehen. Seine Gefühle waren mir immer unergründlich. Ich werde sein Weinen nicht mehr los.
 
 Als Kind der Flakhelfergeneration wurde er im Zweiten Weltkrieg mit 15 Jahren als letzte Reserve in einen aussichtslosen Kampf geschickt. Sein Leben lang war er misstrauisch, ließ keine Autoritäten mehr gelten. Hunde und Pferde, die treuesten Tiere, waren bis in die jungen Erwachsenenjahre seine liebsten Gefährten. Er war fatalistisch, lebte, als könnte jeder Tag der letzte sein. Er war der Hitlerjunge, der als Minensucher jeden Moment in die Luft gesprengt werden konnte und sich darum vorstellte, er ginge über ein Kornblumenfeld. Und genauso ignorierte er seine schwere Zuckerkrankheit in Kombination mit einem viel zu hohen Blutdruck. Vermintes Gebiet. Bis der Schlag ihn traf.
 
 Als er dort im Spital an mir vorbeigeschoben wurde, zog er mich zu sich herunter und flüsterte mir mit einem Rest von Stimme zu: „Ich hab hier nichts mehr verloren! Es ist vorbei.“ Dann weinte er wieder. Mein Vater hielt noch sechs Jahre als schwerer Pflegefall durch, dahindämmernd, weil er seinen Lebenswillen verloren hatte und jede Rehabilitation verweigerte. Er hatte es ja prophezeit.
 
 Sein Körper wurde immer zerbrechlicher. Ich wurde schwanger. Mit meinem schwellenden Bauch stand ich vor meinem ausgemergelten, lebensmüden Vater. Ich – aufgeblüht durch das in mir wachsende Leben; er – nur noch Haut und Knochen, im Verschwinden begriffen. Unsere Körper nebeneinander und doch eine Wüste dazwischen. Ein Gefühl der Beschämung, eine Art schlechtes Gewissen, ja, manchmal gar ein Schuldgefühl, konnte ich nie ganz vertreiben. Ich freute mich auf mein Kind. Aber ich empfand diese Freude wie die Lästerung meines Vaters. Durch meinen Körper konfrontierte ich ihn unmittelbar mit seiner Vergänglichkeit.
 
 Er starb im Juli 2007, eine Woche nachdem seine zweite Enkeltochter zehn Wochen zu früh geboren wurde; zwei gefährdete, zerbrechliche Körper, die noch eine Woche gemeinsam auf dieser Welt weilten, sich noch kurz begegneten, wenn auch mein Vater die Kleine nur auf einem Foto betrachten konnte. Doch es war wichtig, dass er noch von ihr erfuhr. Der kleine Körper schaffte es ins Leben, der alte endlich in den Tod.
 

Der allerkleinste Körper

Meine kleine Tochter in ihren ersten und mein Vater in seinen letzten Lebenstagen ähnelten sich körperlich. Ich hatte damals, kurz nach ihrer Geburt, in meinem Tagebuch notiert: „Ihre Beinchen sind mager wie die von Papa. Beide haben eine Magensonde. Bei Rosa trägt sie jedoch zum Wachstum bei, bei Papa ist sie Zeichen seines körperlichen Verfalls.“

Rosa, 2007 (Familienarchiv)

Rosa, 2007
 (Familienarchiv)
 

Als ich Rosa zum ersten Mal nach der Geburt sah, war ich unendlich gerührt und unendlich betroffen zugleich – von dieser Winzigkeit, dieser Zerbrechlichkeit. Sie lag in einem Inkubator, war an Monitore angeschlossen, auf denen die Kurven von Hirnströmen und Herzfrequenz leuchteten. Sie wurde durch eine Magensonde ernährt und mit einem Tubus durch die Nase beatmet. Als ich sie endlich das erste Mal halten durfte - sie war 38 Zentimeter groß, ein wenig länger als ein Schullineal – da war ich unsicher und hatte Angst, ihr weh zu tun oder einen Schlauch zu kappen.
 Ganz anders als bei meinem ersten, normal geborenen Kind. Da hatte ich die Sicherheit, Unbekümmertheit, die natürliche Geübtheit der jungen Mutter. Mit einem Frühchen verliert man etwas von diesem natürlichen Umgang.
 
 Wieder zuhause, brachten meine Träume mich zurück in die Neonatologie, die Neugeborenen-Intensivstation, in dieses Zwischenreich des Hoffens, der Unsicherheit, der Angst und verhaltenen Freude, der wartenden, bangen, verletzlichen Eltern, der Nottaufen und sterbenden Kinder. Eines Abends durfte ich nicht zu meiner Tochter auf die Intensivstation. Ein Baby lag im Sterben. Ich erschrak. Die Pflegerin beruhigte mich, es sei nicht mein Kind. In solchen Situationen musste man draußen warten. Vor der Tür fiel mein Blick auf ein sehr junges Paar, der Mann seinen Blick ins Leere gerichtet, die Hände knetend, die Frau leise weinend: die Eltern. Schließlich wurden sie auf die Station geholt. Ich ging auf mein Zimmer. Das Mädchen hieß Hannah. Sie war zwei Wochen alt, als sie starb.
 

Mein jüngster Onkel, Martin, der Erbe des Hofes, war damals am meisten berührt von den Umständen der Geburt und Rosas fragilem Zustand.
 Als er bei Besuchen im Krankenhaus die kleinen Körper der Frühgeborenen in den viel zu großen Strampelanzügen, den Puppenkleidern oder kratzigen selbstgestrickten Pullovern sah, setzte ihm das sehr zu. Er hatte sich damals zusammen mit einer Designerin gerade selbstständig gemacht und eine Modefirma gegründet. Er entschloss sich spontan, unter einer separaten Marke auch bequeme, weiche Babykleidung in kleinsten Größen produzieren zu lassen. Zu ihm hatte ich schon immer eine besondere Beziehung.
 

Ein hübscher junger Mann

Martin, 1969 (Familienarchiv)

Martin, 1969
 (Familienarchiv)
 

Als ich zehn Jahre alt war, erfuhr ich, dass Martin, das einzige gemeinsame Kind meiner Großmutter und meines Großvaters, homosexuell ist.
 Ich erfuhr es durch einen Streit; ein Familienstreit, dem ich mit klopfendem Herzen an der Tür lauschte: laute Stimmen, aufgebrachte Erwachsene, Feindseligkeiten zwischen meinem Vater und dem Freund meiner Tante. Es ging um Martin.
 
 Er war immer wie ein großer Bruder für mich. Er verkleidete meine Puppen, organisierte Playbackshows, in denen ich als Diskoqueen auftrat und lud die Familie als Publikum dazu. Er holte mich vom Abendbrottisch in sein Zimmer, wenn dort gestritten wurde. Er bastelte mir einen Bikini, der immer wieder verrutschte, was ihn zur Weißglut brachte: „Du hast eine beschissene Figur!“ Daraufhin rannte ich tief beleidigt und heulend in den Garten und verpetzte ihn vor der sonntäglichen Kaffeegesellschaft, die mich in meinem halb aufgelösten Papiertanga ungläubig anstarrte. Er brachte mir das Lesen bei, als ich noch im Kindergarten war. Und ich wollte unbedingt aufs Gymnasium, weil er dorthin ging. Ich machte ihm überhaupt alles nach, was ihm oft auf die Nerven fiel. Er war ein sehr hübscher junger Mann. Meine Schulfreundinnen schwärmten in all den Jahren heimlich für ihn.
 
 Und dann dieser aggressive, feindselige Halbsatz hinter der Küchentür: „Dieser Schwulant!“ Dieses Wort tat weh. Ich kannte es nicht. Es klang kalt, hart, böse. Ich weinte. Natürlich hatte ich schon von Homosexualität gehört. Aber für eine Zehnjährige war es ein abstrakter Begriff. Durch dieses neue Wissen wurde er mir körperlich fremd. Mein schöner großer Bruder war schwul. Er liebte Männer. Was machten Männer miteinander? Ich beobachtete ihn in der Zeit danach argwöhnisch. Wie er sich bewegte, sprach, wen er anschaute, mit wem er telefonierte. Und was war überhaupt mit der Freundin, die ihn öfter besuchen kam? Warum kam sie überhaupt? Er war derselbe und doch ein ganz anderer. Was bedeuteten ihm seine männlichen Freunde? Waren die auch alle schwul?
 
 Er wurde für eine Weile mein Forschungsgebiet. Dann begann ich, einen Roman über ein homosexuelles Paar zu schreiben. Schon immer, wenn ich etwas nicht verstand, musste ich darüber schreiben. Aber dieses Thema war doch zu groß. Ich habe die Blätter aufgehoben. Auf Seite 26, wo es um den Konflikt geht, dass der eine Partner eine Geschlechtsumwandlung durchführen will und der andere sich dagegen wehrt, weil er keine Frau, sondern einen Mann will, verließ mich leider meine Vorstellungskraft. Aber von da an war meine Verwirrung um meinen Onkel beendet und er erschien mir wieder so normal wie früher.
 

Nichts und Etwas

Meine Großmutter war nicht die einzige Tote, der ich begegnete. Auch meinen Schwiegervater besuchte ich an seinem Totenbett. Ihn konnte ich aber nicht berühren. Vielleicht, weil ich ihm nicht so nahestand wie meiner Großmutter. Als ich vor seiner Leiche stand, war für die Minuten dieses Anblicks alles wie ausgelöscht, leer. Ich konnte nichts denken, verstand nichts mehr. Nur das Wort NICHTS erfasste ich zum ersten Mal in seiner schrecklichen Bedeutung, wie es allem Lebendigen entgegensteht. Das Nichts, der Tod hatte mit aller Macht alle Gewissheiten, alles Wissen in jenem Moment für mich vernichtet.
 Dagegen vermochte die Berührung, dieser letzte innige, Kontakt mit meiner Großmutter, ein Wissen zu erzeugen, eine Geschichte in Gang zu bringen.
 

Magie

Es war kurz nach ihrem Tod. Mein Mann, meine erste Tochter und ich zogen in ihre Wohnung im Erdgeschoss des Hauses ein, weil wir das Nebengebäude für uns ausbauen wollten. Das wurde nur möglich, weil sie gestorben war, weil wir in ihre Wohnung ausweichen konnten. Wir schliefen zu dritt im Schlafzimmer meiner Großmutter. Nach manchen Nächten erwachte ich mit einem neuen Wissen über Vorfälle in unserer Familie. Ich konnte mich aber nie an einen Traum erinnern. Nur dieses Wissen war auf einmal da. Sie musste mir etwas mitgeteilt haben. Es war magisch. Es war, als ob sie, die Zeit ihres Lebens immer auf Frieden bedacht war, demütig, Streit vermeidend bis hin zur Selbstverleugnung, als ob sie mir nun endlich alles sagen konnte.

Ich kann es nur so schreiben. Es geschah in diesen Nächten in dem Jahr nach ihrem Tod, dass ich ein Wissen erhielt, Einblicke. Alles ergab auf einmal einen Sinn. Es lösten sich Ungereimtheiten in alten Geschichten über Verstorbene, die ich nie kennengelernt habe, deren Geschichten ich aber in meiner Kindheit und noch später hörte. Abgebrochene Erzählungen, gesenkte Blicke, Kopfschütteln, Krankheiten, Ängste verwoben sich plötzlich zu einer großen Erzählung.

Sabine Voß, 2014 (Zeichnung: Rosa Voß)

Sabine Voß, 2014
 (Zeichnung: Rosa Voß)
 

„Kunst: die sich zufällig ereignenden Momente von Leben zu einer undurchdringlichen, notwendigen, nicht zufälligen Einheit verbinden.“ (Peter Handke. Die Geschichte des Bleistifts)

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