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Dicke Muskeln, hohle Birne? Das ist falsch!

Die Sportwissenschaft entdeckt die Muskulatur des Menschen gerade neu. Denn diese kann viel mehr als bislang gedacht, wie neue Studien belegen. Ingo Froböse, Professor an der Sporthochschule Köln, spricht im Interview mit unserem Autor Eike Brunhöber über Muskeln und Gefühle, Krafttraining für Frauen und darüber, dass Muskeln schlau machen.

Ingo Froböse gehört zu den Sportwissenschaftlern, die die Bedeutung der Muskulatur neu betonen. (Foto: Deutsche Sporthochschule Köln)

Ingo Froböse gehört zu den Sportwissenschaftlern, die die
 Bedeutung der Muskulatur neu betonen.
 (Foto: Deutsche Sporthochschule Köln)
 

Herr Froböse, die meisten Menschen verbinden Muskeltraining mit etwas Eitlem, Oberflächlichem. Was entgegnen Sie dem?

Muskulatur hat weit mehr als nur eine ästhetische Komponente. Sie ist das größte Stoffwechselorgan unseres Körpers und damit einer der wichtigsten Motoren für die Gesunderhaltung jedes einzelnen Organs und jeder einzelnen Zelle, für die Leistungsfähigkeit und Fitness. Muskulatur sendet viele Signale aus, wenn sie aktiv ist: sogenannte Myokine, enzymähnliche Botenstoffe, die andere Organsysteme wie zum Beispiel das Gehirn direkt anregen und stimulieren. Und die Muskulatur ist das emotionalste Organ, das wir haben.

Muskeln stehen in Zusammenhang mit Gefühlen?

Die Muskulatur ist, ebenso wie das Gehirn, in der Lage, Emotionen auszuleben. Wir erkennen ja an Haltungen von Menschen sehr schön emotionale Situationen. Das heißt also: Muskulatur ist eine Ausdrucksform unseres Körpers und einer seiner wichtigsten Motoren, gerade was Fitness und Leistungsfähigkeit anbetrifft.

Geht das auch umgekehrt: Fühlt man sich auch psychisch wohler, wenn Muskeln sich wohlfühlen?

Die Muskulatur sendet Informationen aus, sie sagt dem Organismus ständig, wie es um sie steht: Hat sie genug Vitalstoffe? Genug Sauerstoff? Ist sie übersäuert? Der Körper informiert uns ständig über diese Zustände. Und erst, wenn ich da hinhöre, wird es dem Muskel viel besser gehen. Und es geschieht dann genau das, was Sie sagen: Informationen, die aus dem Körper heraus in unsere zentralen Verarbeitungssysteme wie zum Beispiel das Gehirn hineingegeben werden, beeinflussen unmittelbar die Psyche.

Wie äußert sich das?

Ein Beispiel: Wenn ich Muskelarbeit betreibe, und sei es nur, dass ich auf dem Laufband laufe, löst allein das eine Reihe biochemischer Prozesse aus, die eine emotionale Wirkung haben: Entspannung, Entlastung, Freude, Serotonine - und das geht nur über Muskelarbeit. Das heißt also: Positiv gestimmte Muskeln stimmen uns insgesamt wohlig.

Ist es eine Folge des Bodybuildings, dass Muskeltraining ein bisschen in der Schmuddelecke gelandet ist?

Ich glaube, dass das Bodybuilding und die ausschließliche Sicht darauf dem Ansehen des Muskeltrainings geschadet hat. Allein der Begriff der Mucki-Bude, der immer noch herumgeistert, signalisiert das Unverständnis vieler Menschen, dass man in solche Einrichtungen überhaupt hineingeht.

Auf dem Buchmarkt haben in letzter Zeit Publikationen Konjunktur, die Muskeltraining ohne Geräte, nur mit dem eigenen Körpergewicht empfehlen. Auch Ihr Buch zählt dazu. Ist dieses Training ein neuer Trend?

Es ist ein neuer Trend, gar keine Frage. Die Methode selbst ist dabei alter Wein in neuen Schläuchen. Man hat das ja früher genau so gemacht. In meiner Kindheit gab es keine apparativen Trainingsgeräte. Unser Zirkeltraining war nichts anderes als das, was man heute als Cross- oder Street-Training beschreibt. Das ist in den Fünfziger- und Sechziger-Jahren die übliche Trainingsmethode gewesen. Und die entdeckt man jetzt wieder.

Der US-amerikanische Personaltrainer Mark Lauren ist mit seinem 'Fit ohne Geräte' sogar zum Bestsellerautor geworden. Er sagt, an Geräten lerne der Körper nur, ein Gerät zu bewegen. Beim Training mit dem eigenen Körpergewicht lerne der Körper hingegen, mit sich selbst umzugehen.

Wir haben als Kinder ja genetische Bewegungsformen, die uns allen gemein sind: hüpfen, springen, hangeln, stützen - diese Dinge stecken ja da drin. Diese rekrutieren wir erneut, unsere basalen Bewegungsformen, auf die alles aufbaut, was wir an Bewegungsverhalten haben. Und diese stellen wir jetzt wieder in den Mittelpunkt. Das ist natürlich, physiologisch und damit auch logisch.

Lauren schreibt, ein Fitnessstudio brauche man nicht: An dessen Geräten trainiere man nur wenige Muskeln isoliert, bei Übungen mit dem eigenen Körpergewicht hingegen würden viel mehr Muskeln gefordert, die dann zusammenwirken müssten.

Es ist immer eine Frage, für welche Ansatz man trainiert. Der Untrainierte ist mit normalen Bewegungen überfordert. Mit Sprüngen beispielsweise, mit Kniebeugen. Und gerade die muskuläre Sicherung von Gelenken für mehrgelenkige Bewegungen fällt ihm schwer. Deshalb ist gerade für den Anfänger ein Muskeltraining im Studio gar nicht schlecht. Training im Studio macht zum Beispiel auch Sinn, wenn ich muskuläre Dysbalancen habe oder in der Reha, wenn es darum geht, gezielt einzelne Muskelgruppen zu trainieren. Also: Schwarz oder Weiß ist auch hier nicht richtig, sondern beides kann nebeneinander wunderbar existieren.

Bei jungen Leuten verliert das Auto als Statussymbol an Boden, viele fahren lieber Fahrrad als Auto. Ist die junge Generation körperbewusster?

Auf jeden Fall. Man stylt sich den Körper - Tattoos sind der Klassiker. Bei Jungs habe ich es noch nie so oft gesehen wie heute, dass sie sich übers Muskeltraining definieren. Mädchen hingegen haben immer noch die Modeldiskussion vor Augen: Da prägt sich die Size-Zero-Generation aus, die sich die Muskeln weghungert.

Die Wissenschaft sagt: Muskeln machen schlank, weil sie sogar im Ruhezustand Kalorien verbrennen. Müssten Mädchen und Frauen also ebenfalls Krafttraining machen, um dauerhaft schlank zu bleiben?

Ja, natürlich! Es ist die einzige Möglichkeit. Denn es geht nicht darum, während der sportlichen Tätigkeit Energie zu verbrennen. Es geht darum, den Körper so zu tunen, dass er rund um die Uhr Energie verbrennt. Und das tut die Muskulatur.

Lassen sie deshalb, ebenso wie auch Lauren, auf den Fotos in Ihrem Buch mal eine Frau und mal einen Mann die Übungen vormachen?

Absolut. Deshalb haben wir auch eine Frau aufs Titelbild genommen. Um den Mädels zu sagen: Ihr müsst auch. Wir wollten unbedingt diesen Gegentrend gegen Size Zero setzen. Es sieht doch auch super aus! Allerdings: Die Käufer des Buchs sind männlich, nur maximal zehn Prozent sind Frauen. Weil diese Heidi-Klum-Modeldiskussion die Mädchen sehr prägt.

Size Zero ist gefährlich?

Die werden alle in eine Stoffwechselstörung hineinlaufen. Alle. Diabetes Typ 2 zum Beispiel ist eine klassische Muskelschwunderkrankung. Wir würden Diabetes bekämpfen können, wenn die Menschen mehr Muskelmasse hätten.

Sie erwähnen in Ihrem Buch eine Studie mit Senioren: Pflegeheimbewohner trainierten demnach im Jahr 2007 ein halbes Jahr lang ihre Muskulatur. Anschließend konnten 15 Prozent der Bewohner ausziehen und wieder im eigenen Heim wohnen.

Das ist eine italienische Doktorarbeit in der Region von Padua gewesen, die wir begleitet haben. Dabei haben wir festgestellt, dass regelmäßiges Muskeltraining entscheidend ist für die Senioren - beispielsweise, um sie wieder zurück ins Leben zu bringen. Völlig anders als bei uns in den Pflegeheimen, wo die Muskulatur ja abgewirtschaftet wird, wo man körperliche Aktivität nur als Hockergymnastik und Faltschirmschwingen versteht. Richtiges Training im Alter ist notwendig und sinnvoll. Es gibt ganz, ganz viele altersbedingte Erkrankungen, die durch Verlust der Muskelmasse, die sogenannte Sarkopenie, ausgelöst werden.

Sie schreiben, dass Muskulatur in jedem Alter Einfluss auf die Hirnfunktionen habe.

Das funktioniert über Myokine. Kinder prägen ihre Gehirnentwicklung ausschließlich über motorische Aktivität. Dadurch gibt es einen Stimulus für das Gehirn, zu wachsen. Es lernt. Genau das passiert im Alter auch. Je mehr Muskulatur ich trainiere, desto mehr habe ich auch eine Neurogenese in den Gehirnzellen. Es wird also Wachstum des Gehirns durch Muskelarbeit geprägt.

Muskeln machen schlau?

So ist es. Muskeln machen frisch durch mehr Sauerstoff, und Muskeln machen auch schlau. Viel besser als Sudoku oder Kreuzworträtsel, wo ich ja nur reproduziere. Beim Muskeltraining aber aktiviere ich neue Zellentwicklung und vor allen Dingen neue Synapsen.

Das klingt nach dem Gegenteil dessen, was man sich von Muskeltraining bislang gemeinhin vorgestellt hat.

Man reduziert es gemeinhin auf: dicke Muskeln, aber hohle Birne. Und das ist falsch.

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Ingo Froböse ist an der Sporthochschule Köln Professor für Prävention und Rehabilitation und leitet dort das Zentrum für Gesundheit. Gerade hat er ein Buch mit Trainingsplänen veröffentlicht: 'Das Muskel-Workout'. Es enthält bebilderte Beschreibungen von Übungen ohne Fitnessgeräte, nur mit dem eigenen Körpergewicht. Und es ist eine Art Verbeugung vor den Fähigkeiten des menschlichen Muskelapparats.