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Nein, tut mir leid. Ich bin Nichtraucher

Wie der Körper bei der Entgiftung vom Nikotin leidet – ein Erfahrungsbericht

Mit dem Rauchen aufhören? Ich? Niemals! Zumindest dachte ich das. Fast 15 Jahre lang qualmte ich fleißig vor mich hin. Es entspannte mich, es war ein alltägliches Ritual und schmeckte einfach köstlich. Kaffee ohne Zigarette? Nicht vorstellbar! Bier ohne Zigarette? Ist das überhaupt möglich? Ich wusste es nicht. Zumindest bis zum 26. Februar 2014. Dem Tag, der alles verändern sollte.

Treue Wegbegleiter für knapp 15 Jahre.

Treue Wegbegleiter für knapp 15 Jahre.

An diesem Tag rauchte ich meine letzte Zigarette. Urplötzlich. Endgültig. Und heute, fast ein dreiviertel Jahr später? Ist es so, als hätte ich niemals zum Glimmstängel gegriffen. Kein Verlangen mehr, keine Sehnsüchte. Ich fühle mich gut, gesund und lebendig. Ich bin endlich angekommen in der Liga der Nichtraucher. Doch fangen wir von vorne an:
 
 Laut „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1)“ rauchen insgesamt rund 20 Millionen Menschen deutschlandweit. Ob jemand Raucher wird, entscheidet sich meist vor dem zwanzigsten Lebensjahr. Neugierde, Nachahmung und sozialer Druck verleiten viele Kinder und Jugendliche zum Rauchen. Genau so war es auch bei mir: Mit 15 Jahren probierte ich das Rauchen aus. Es war reine Neugierde. Schnell entwickelte sich aus dem anfänglichen Kick eine ausgeprägte Sucht. Diese merkte ich zum ersten Mal, als ich mit 16 Jahren durch einen Kurzausflug ein paar Tage nicht rauchen konnte. Und schon waren sie da, die Entzugserscheinungen: Schlechte Laune, Zittern und Nervosität. Ein richtig mieses Gefühl: „Entzug heißt: Der Körper baut die Substanz ganz schnell ins Gehirn ein. So wie andere Stoffe, die er braucht, Botenstoffe zum Beispiel. Wenn die Substanz fehlt, entsteht eine Stoffwechselstörung. Dann kommt es zu Unruhe, Schmerzen, Schwitzen…“, erklärt Gerhard Bühringer, Leiter der Raucherambulanz in Dresden.
 
 Diese fiesen Entzugserscheinungen brachten mich zum Nachdenken. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich das erste Mal aufhören mit dem Rauchen. Doch mein jugendlicher Leichtsinn mit gerade mal 16 Jahren sorgte dafür, dass ich all das Negative verdrängte und erst mal fleißig weiterqualmte. Ein ganzes Jahrzehnt sollte vergehen, bis ich wieder daran dachte, Nichtraucher zu werden. Gesundheitlich hatte ich bisher kaum Probleme. Allerdings merkte ich mit jedem verstrichenen Jahr, wie sich meine Atmung veränderte. Vor allem beim Sport fehlte mir die Luft. Mein Problem: Rauchen verändert das Lungengewebe. Im Laufe der Jahre lagern sich die Bestandteile des Rauches in der Lunge ab. Die Flimmerhärchen im Inneren der Lunge verkleben, was die Selbstreinigung der Atemwege beeinträchtigt. Die Bronchien verengen sich und reagieren mit Entzündungen, die sich zur chronischen Bronchitis entwickeln können. Ich merkte mittlerweile, wie verklebt meine Lunge war. Also nahm ich mir vor, noch bevor ich 30 Jahre alt werde, mit dem Rauchen aufzuhören.
 

Mein Schicksal sollte sich erfüllen

Niemand hatte mir gesagt, wie leicht es ist, mit dem Rauchen aufzuhören. Doch auch niemand hatte mir gesagt, wie schwer es ist, nicht wieder damit anzufangen. Bereits Mark Twain wusste: „Es gibt nichts Leichteres, als mit dem Rauchen aufzuhören. Ich selbst habe es schon 137mal geschafft“. Doch das war nicht mein Ziel: Ich wollte einmal aufhören und nie wieder damit anfangen. Schon bald sollte sich mein Schicksal erfüllen. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nichts davon.
 
 Eines der nervigsten Probleme der Raucher: Jede Zigarettenschachtel ist irgendwann leer. Am Abend des 26. Februars 2014 war es bei mir mal wieder soweit: Es befand sich nur noch eine einzige Zigarette in meiner Schachtel. Ohne groß darüber nachzudenken, beschloss ich, dass dieser Glimmstängel mein letzter werden wird. Aus heiteren Himmel. Einfach so. Gesagt – getan. Rituell qualmte ich meine letzte Zigarette. So wie tausende Male zuvor. Bei jedem Atemzug schloss ich meine Augen, inhalierte tief und genoss den Geschmack. Wie es wohl zukünftig sein wird, ohne diesen treuen Wegbegleiter? Ein erleichterndes Gefühl machte sich im Körper breit. Endlich habe ich den Schritt gewagt. Eine riesige Last fiel mir von den Schultern. Mit diesem guten Gefühl ging ich dann ins Bett und hoffte, eine ruhige, erholsame Nacht zu haben. Augen zu, Augen auf – der nächste Morgen kam schneller als erwartet. Das Verlangen nach Nikotin hingegen noch nicht. Erstmal ganz entspannt den Tag angehen, dachte ich mir. Kaffee ohne Zigarette? Die erste Hürde schien unvermeidbar. Ich beschloss dann aber, lieber einen Tee zu trinken. Man muss es ja nicht schwieriger machen, als es letztendlich ist. Auf dem Weg zur Arbeit ging mir vieles durch den Kopf: Wie viel Geld ich wohl schon verqualmt hatte, wie wohl meine Lunge aussieht und wie es sich wohl anfühlen muss, wenn ich endlich wieder, befreit vom Teer, frei durchatmen kann.
 
 Deshalb beschloss ich Folgendes: Jeden zweiten Tag werde ich fünf Euro in ein Sparschwein legen. Mal sehen, wie viel da so zusammen kommt. Zudem werde ich ab sofort nur noch Treppen laufen, um zu sehen, wie sich meine Atmung verändert. Und das Bild meiner Lunge? Nun ja. Ob ich das wirklich sehen möchte? Unwahrscheinlich! Damit warte ich lieber noch ein paar Jahre. Oder doch nicht? Vielleicht wäre das ja genau die richtige Motivation, um die kommende Zeit zu überstehen?
 

Die Hölle auf Erden

Entgiftung: Die Hölle auf Erden.

Entgiftung: Die Hölle auf Erden.

Rückblickend kann ich sagen: Ja, ich hätte ihn gebraucht, diesen zusätzlichen Motivationsschub. Denn die ersten rauchfreien Wochen sollten härter werden, als alle stressreichen Wochen meines Lebens zusammen. Wie ein Iron-Man-Hindernissparcours nach 72 Stunden Schlafentzug. Ja, einen zusätzlichen Motivationsschub hätte ich gut gebraucht. Ich war derart gereizt, unkontrolliert und schlecht gelaunt, wie ich es bisher nicht von mir kannte. Besonders meine Freundin musste das erfahren. Sie ließ mich sicherheitshalber erst mal in Ruhe. Mich nervte so ziemlich alles. Auch die Raucher. Ein gutes Zeichen?
 
 Fototermin mit Kindern im Rathaus: Als Journalist bin ich immer wieder auf Veranstaltungen unterwegs. Dabei interviewe ich die Menschen vor Ort und knipse Fotos. Alles Routine. Zumindest bisher. Doch an diesem Termin sollte alles anders kommen. Die Kinder waren laut. Sehr laut. Mein rechtes Auge begann zu zucken. Schweiß lief mir die Stirn herunter. Jetzt nur nichts Falsches sagen… oder rufen… oder schreien! Ich behielt die Kontrolle. Gut gemacht. Wieder eine Hürde genommen!
 
 Es folgten lange Tage, die von Schwitzen, Nervosität und Anspannung geprägt waren. Dann jedoch war Schluss. Schluss mit den körperlichen Symptomen. Das war alles? So schnell geht das nach fast 15 Jahren Qualmerei? Es folgten Glücksgefühle. Glücksgefühle darüber, wie sich alles zum Positiven entwickelte. Was passierte hier? Ich schmeckte und roch viel intensiver. Ich fühlte mich leistungsfähiger. Und ich war scheinbar endlich unabhängig. Unabhängig von den Zigaretten, die so lange mein Leben kontrollierten.
 
 Laut der Studie „American Cancer Society“ stehe ich jetzt jedoch erst am Anfang eines langen Weges: Denn erst nach zehn Monaten wird der Husten nachlassen, den ich seit meiner Abstinenz habe. Das ist eine typische Abwehrreaktion meines Körpers, der sich langsam selbst reinigt. In einem Monat ist meine Lunge dann soweit, dass sie sich selbst besser vor Infektionen schützen kann. Das motiviert. Wenn ich erst mal ein Jahr nicht mehr geraucht habe, sinkt sogar mein Risiko einer Erkrankung der Herzkranzgefäße um die Hälfte. Das hört sich doch gut an! Nach rund fünf Jahren ist mein Schlaganfallrisiko genau so hoch wie bei einem Nichtraucher. Zehn Jahre nach der letzten Zigarette reduziert sich die Gefahr, an Lungenkrebs zu sterben, auf die Hälfte. Das Risiko von Krebserkrankungen in Mund, Hals, Speiseröhre, Blase, Niere und Bauchspeicheldrüse verringert sich ebenfalls. Erst 15 Jahre nach meiner letzten Zigarette werden alle Risiken auf das Niveau eines Nichtrauchers gesunken sein. Da steht mir wohl wirklich noch ein langer Weg bevor. Doch ich bin bereit. Und wer weiß, irgendwann wird die alte Gewohnheit vielleicht einfach Geschichte sein. Und dann weiß ich nur noch die Gesundheit und das Geld zu schätzen!
 
 Jetzt mögen sich viele fragen: So einfach geht das mit dem Aufhören? Eine klare Antwort meinerseits: Nein! Die körperlichen Entzugserscheinungen sind zwar schnell vorüber, doch die seelischen bleiben. Selbst heute, knapp neun Monate nach meiner letzten Zigarette, denke ich oft darüber nach, wie es wäre, wieder zu rauchen. Besonders auf Partys, Festen und größeren Veranstaltungen kribbelt es in den Fingern. Doch ich bleibe hart. Viele Leidensgenossen berichten sogar darüber, dass sie selbst nach 20 Jahren noch Verlangen hätten. Die Sucht ist also nach wie vor präsent. Und wird es immer sein. Doch man kann eben Monat für Monat besser damit umgehen.
 
 Übrigens: Nach zwei rauchfreien Monaten bin ich vom ersparten Geld erst einmal für ein verlängertes Wochenende in den Urlaub gefahren. Dort fragte mich ein Passant nach einem Feuerzeug. Ich antwortete erstmalig und aus voller Überzeugung: Nein! Tut mir leid. Ich bin Nichtraucher. Ein gutes Gefühl.
 

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