Lange Nacht des Menschenrechts-Films in München
ARRI-Kino 28. Januar 2015 19 Uhr
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Jurybegründungen

Camp 14 – Total Control Zone

Die Lebensgeschichte von Shin Dong-hyuk gleicht der einer Romanfigur, entsprungen aus den düstersten Visionen George Orwells. Aber, sie ist keine Fiktion, sondern schlicht real. Shin Dong-hyuk wird 1983 in einem Arbeitslager in Nordkorea geboren, verbringt dort seine gesamte Kindheit und Jugend. Zwangsarbeit seit seinem sechsten Lebensjahr, Hunger, Schläge und Folter prägen sein Leben. Durch das System der totalen Kontrolle einer regelrechten Gehirnwäsche unterzogen, muss er die Hinrichtung seiner Mutter und seines Bruders mit ansehen, die er zuvor selbst denunziert hat. Später gelingt ihm, eher zufällig, die Flucht aus dem Lager in eine Welt, die ihm unbekannt war und bis heute wirkt er ihn ihr verloren und tief gequält von der Vergangenheit. Eine monströse Geschichte. Regisseur Marc Wiese ist es gelungen, das Vertrauen Dong-hyuks zu gewinnen: In einem langen, schwierigen Gespräch entfaltet sich vor unseren Augen ein fürchterliches Schicksal, das zugleich die hermetisch verschlossene Welt von Camp 14 offen legt. Dabei bleibt immer die Würde des Opfers gewahrt, unterstützt durch die unaufgeregte, präzise Kameraarbeit von Jörg Adams, der Raum für eigene Gedanken lassenden Montage von Jean-Marc Lesguillons und den einfühlsamen Animationen von Ali Soozandeh. Dass es gelungen ist, auch zwei Täter vor die Kamera zu bekommen – den ehemaligen Chef der Wachtruppe im Camp 22 in Nordkorea und einen ehemaligen nordkoreanischen Geheimpolizisten – verleiht dem Film ein zusätzliches Gewicht und macht ihn zu einem wichtigen Zeitdokument.
 Eine großartige Leistung, eine bedeutende Zeugenschaft, ein sehr beeindruckender Film, für die die Jury Marc Wiese mit dem Deutschen Menschrechts-Filmpreis 2014 auszeichnet.
 

Mohammed auf der Flucht

Mohammed ist 13 Jahre alt und mit seiner Familie aus Syrien in die Türkei geflohen. Er lebt unter Plastikplanen, schläft auf der Erde, denn im nur ein paar Meter entfernten Flüchtlingslager ist schon lange kein Platz mehr. Er friert, er ist krank, er vermisst seine Heimat und nachts träumt er von den Raketenangriffen auf sein Dorf. Trotzdem versucht er tagsüber, das zu machen, was alle Kinder wollen: Spielen, Freunde treffen, für seine Geschwister und Familie da sein. Sein Schicksal steht exemplarisch für Tausende Kinder, die sich gerade auf der Flucht befinden, die irgendwo gestrandet sind und nicht wissen, wie es morgen weitergeht. Und es gibt viele Berichte über diese Schicksale, über dieses Leid. Was macht „Mohammed auf der Flucht“ dann preiswürdig? Guido Holz hat diesen Beitrag für die Reihe „Schau in meine Welt“ beim KiKa gemacht, dem Kinderkanal. Er schafft dieses schwierige und wichtige Thema so zu erzählen, dass es Kinder erreichen kann, dass sie sich mit Mohammed identifizieren können – ohne dass er verharmlost oder Fakten verschweigt. Er macht Mohammed zum Protagonisten und wo immer möglich zum Erzähler dieser Geschichte, er erklärt und zeigt uns seine Welt, mal tapfer, mal aufgewühlt aber immer so, dass er seine jungen Zuschauer berührt, ohne sie zu verängstigen oder zu überfordern. Diese Balance aus verständlicher, journalistischer Berichterstattung, emotionaler Tiefe und dem Blick auf Augenhöhe für sein junges Publikum, gelingt Guido Holz so vortrefflich, dass er dafür den Menschenrechts-Filmpreis 2014 in der Kategorie Kurzfilm erhält.

Yussuf – Die Geschichte einer Flucht

Mit seinen 18 Jahren hat Yussuf bereits mehr erlebt als die meisten Erwachsenen: Der Somalier steht vor der Verwirklichung seines großen Traums vom Fußballstar: Gerade ist er in die Jugendnationalmannschaft berufen worden, da wird er von einem mächtigen Clan bedroht: Yussuf soll seinen Platz im Team zugunsten eines Clan-Mitglieds aufgeben – sonst stirbt er. So beginnt eine dramatische Fluchtgeschichte, die ihn von Somalia in die Sahara und in ein libysches Folter-Gefängnis führt. Immer wieder muss er dem Tod ins Auge blicken und miterleben, wie Menschen um ihn herum sterben. Schließlich findet er einen Platz in einem völlig überfüllten Boot Richtung Italien. Dort angekommen glaubt sich Yussuf in Sicherheit, doch es erwarten ihn unmenschliche Bedingungen: Das völlig überforderte Italien überlässt die Flüchtlinge sich selbst: keine Unterkunft, kein Geld, keine Unterstützung. Yussuf flieht weiter, bis er in Deutschland endlich zur Ruhe kommt. Hier findet der traumatisierte junge Mann Stabilität und ein Gefühl von Sicherheit. Selbst sein Fußballtraum ist in greifbarer Nähe: Darmstadt 98 interessiert sich für das somalische Talent. Doch jetzt soll Yussuf nach Italien zurückgeschoben werden – die europäische Asylgesetzgebung verlangt es so und das deutsche Innenministerium kann keine Mängel im Umgang des italienischen Staats mit Flüchtlingen erkennen. Yussufs Flucht, so scheint es, ist noch lange nicht vorbei. In nur 8 Minuten entfaltet dieser Kontraste-Beitrag eine komplexe und schier unglaubliche Fluchtgeschichte. Voller Empathie begegnet das Filmteam dem traumatisierten jungen Mann, lässt ihn erzählen und macht mit heimlich gefilmtem Archivmaterial die Schrecken einer solchen Flucht greifbar. Und noch eines stellt der Beitrag klar: Yussufs Geschichte steht für Hunderte ähnliche Geschichten und für das Versagen europäischer Flüchtlingspolitik.

Nadeshda

Ein Stadtteil fernab des Wohlstands oder gar Glamours, der Nadeshda heißt. Nadeshda bedeutet Hoffnung. Doch davon gibt es wenig in diesem bulgarischen Quartier, das überwiegend von Roma bewohnt wird. Die Hoffnungslosigkeit spricht aus Mauern und Gassen, sie hat sich eingenistet in Winkel und Wände. Doch die Menschen wehren sich gegen den Stillstand und die Perspektivlosigkeit. Musik bedeutet ihnen dabei sehr viel. Die Dokumentarfilmer Anna Frances Ewert und Falk Müller nehmen ihren erzählerischen Faden bei einer Violinen-Lehrerin in Nadeshda auf. Sie zeigen ihre Schüler bei den Übungen, folgen diesen Kindern mit der Kamera immer auf Augenhöhe und bleiben sehr dicht bei deren unmittelbaren Erfahrungen. Eines der Kinder lebt mit seiner Familie notgedrungen in einer Garage, sein Bett ist ein Kissenlager im Kofferraum eines Kombis. Wir erleben eine schwangere Mutter und einen beruflich gut ausgebildeten Vater, die alles daran setzen, endlich ihre eigene Wohnung und ein echtes Zuhause zu bekommen. Beiläufig und doch sehr nah dokumentiert die Kamera mit großem Gefühl für Straßen-Atmosphären und für alltägliche Anstrengungen und Konflikte das Leben und Überleben in Nadeshda, wo auf der Straße bunte Hochzeiten zelebriert werden, wo Kinder um die Häuser toben, wo Vorurteile und Ressentiments offen zur Sprache kommen und wo diese in Ausgrenzung münden, wenn ein Vater kostspielige Abmachungen mit einem Wohnungsvermittler trifft und doch keine Wohnung bekommt. Wie lebt es sich damit, dass die Nachbarschaft Roma mit allen Mitteln aus ihrem Wohnblock fernhält? Durch die dokumentarische Sicht von Anna Frances Ewert und Falk Müller werden wir als Zuschauer zu Begleitern. Zu Begleitern, die nicht verstehen und nicht akzeptieren, dass man einer Familie so etwas Essentielles wie eine eigene Wohnung verwehrt.

Finde den Fehler

Zwei ähnliche Bilder und die Aufforderung „finde die Fehler“, so funktionieren die üblichen Bilderrätsel. Ein Film, ein Split-Screen, zwei Liebesszenen und der Titel „Finde den Fehler“. Schon suchen wir reflexartig nach den feinen Abweichungen. Links ein homosexuelles Paar, rechts ein heterosexuelles Paar. Beide umarmen und küssen sich genau im selben Bewegungsablauf! Wo ist der Unterschied? Alles läuft exakt identisch wie bei Synchronschwimmern. Die intimen Gesten und Zärtlichkeiten gleichen sich bis auf das Haar. Wo steckt bloß der Fehler? Die Auflösung führt uns vor Augen, wie sehr wir in Schablonen über Homo- und Heterosexuelle denken. Denn ganz augenscheinlich gibt es keine Unterschiede in der Zärtlichkeit. Eine Blumenvase am Kulissen-Rand war der Fehler, den wir übersehen haben. Nach sehr amüsanten zwei Minuten wischen wir uns die Augen und fragen uns: Haben wir wirklich geglaubt, die Situation schon auf den ersten Blick erfassen zu können? Haben wir tatsächlich innere Schemata abgerufen, die sexuelle Orientierungen als fehlerbesetzt interpretieren? So suggestiv dieser Social Spot mit seinem Inszenierungs-Trick ist, so ertappt fühlt sich der Zuschauer. Wie leicht lassen wir unsere Wahrnehmungen von Prägungen und Erwartungen trüben. Ein kleiner Film mit einer großen Wirkung. Der für die Produktion verantwortliche Verein «all inclusive» und der ausführende Regisseur Gerhard Prügger geben uns einen charmanten Denkanstoß über das Suchen eines Fehlers, wo keiner ist und das Entdecken eines Vorurteils, wo man es nicht vermutet hätte.

Bahar im Wunderland

Ein Mann und ein Mädchen im Wald. Der Mann rasiert sich, Kleidung wird vergraben. Kurz darauf kauern die beiden in einem Lastwagen. Das Mädchen schließt die Augen. So beginnt der Film „Bahar im Wunderland“, die Reise der kleinen Bahar durch eine für sie fremdartige Welt. Unfreiwillig von ihrem Vater getrennt, sieht sie die glitzernde Bankenmetropole Frankfurt mit den Augen eines Mädchens, dem weder Heimat noch Bezugspersonen geblieben sind, das unter den gegebenen Umständen kein Kind mehr sein kann – und doch Wege findet, mit ihrer Situation umzugehen. Der Film spielt mit den gegensätzlichen Polen von Vertrautheit und Verfremdung. Er lässt den Zuschauer Gefühle am eigenen Leib erfahren, die das Leben vieler Flüchtlinge prägen – Angst, Überforderung, Orientierungslosigkeit, Behördenwillkür, Sprachbarrieren. Zugleich zeigt „Bahar im Wunderland“ aber auch eine geheimnisvolle Welt, in der die Protagonistin auf Dinge und Menschen trifft, die ihr vertraut erscheinen und es doch nicht sind. Ein anderer Blick auf das Thema Flucht, der auf Stereotype verzichtet: Das reale Leid und die Entwurzelung, mit denen Flüchtlinge tagtäglich und weltweit konfrontiert sind, werden angedeutet, bilden aber mehr den Hintergrund der Geschichte. Im fremden Blick des Kindes wird die Wirklichkeit verdoppelt und für kurze Zeit zum Verschwinden gebracht – um am Schluss wieder mit dem grellen Neonlicht der Zelle konfrontiert zu werden. Ein modernes Märchen? Die Augen schließen – und alles wird gut? Sind die Kraft der Imagination und der Fantasie stärker als die Realität? Oder nur eskapistische Flucht? Der Film gibt keine Antworten, sondern lässt diese und viele weitere Fragen bewusst offen. Er endet mit einem Bild der Ungewissheit, in dem vieles angedeutet und doch nichts eindeutig wird. Durch diese Offenheit bietet der Film in den verschiedensten pädagogischen Feldern Ansatzpunkte, um zentrale Menschenrechtsthemen wie Flucht, Asyl und Menschenwürde anzusprechen. „Bahar im Wunderland“ bringt uns zum Nachdenken, Innehalten, Zweifeln. Aus diesem Grund zeichnen wir den Film mit dem Deutschen Menschenrechts-Filmpreis in der Kategorie Bildung aus.