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„Mummy, I freu myself!“ – Gelebte Sprachvielfalt!

Oder wie es ist, in zwei Sprachen zu Hause zu sein

Ein Interview von Petra Maaß

Die Begeisterung für Sprache in all ihrer Vielfalt entdeckte Andrea Wünsch (46) bereits zu Schulzeiten und seitdem zieht sie sich wie ein roter Faden durch ihren Lebenslauf. Ob als Linguistin, Übersetzerin oder Coach – die 46-Jährige lebt und liebt Mehrsprachigkeit in all ihren Facetten. Als ihre erste Tochter Melanie in England zur Welt kam, wurde ihr Interesse für multilinguale Erziehung geweckt. Mittlerweile teilt die Expertin ihr langjähriges Wissen im Rahmen von Seminaren an der Internationalen Forschungsstelle für Mehrsprachigkeit (IFM) in München mit Eltern und Pädagogen. Im Interview berichtet sie von ihren persönlichen Erfahrungen, die sie mit der zweisprachigen Erziehung ihrer drei Kinder gemacht hat.

Frau Wünsch, wie sind Sie darauf gekommen, Ihre drei Kinder zweisprachig, also auf Deutsch und Englisch, zu erziehen?

Linguistin, Übersetzerin, Coach: Andrea Wünsch liebt die englische Sprache und Kultur. Foto: privat

Linguistin, Übersetzerin, Coach: Andrea Wünsch liebt
 die englische Sprache und Kultur. Foto: privat
 

Als ich meine erste Tochter Melanie vor 22 Jahren zur Welt brachte, lebte ich in England. Für mich war es ganz selbstverständlich, mit meinem Kind dort deutsch zu sprechen. Meine beiden jüngeren Kinder Lena und Finlay kamen in München zur Welt und so fand ich mich quasi in der umgekehrten Situation wieder: England war zu meiner zweiten Heimat geworden. Nun war es mir wichtig, dass sich auch meine beiden in Deutschland geborenen Kinder von klein auf in der englischen Sprache heimisch fühlten.
 
 Waren Sie von Anfang an davon überzeugt, dass Ihr Vorhaben funktionieren würde?
 
 Aus der positiven Erfahrung mit meiner ersten Tochter wusste ich, dass Zweisprachigkeit grundsätzlich funktioniert. Außerdem hatte ich mich während meines Studiums in England auf die Themen Zweitspracherwerb von Vorschulkindern und Sprachmischungen spezialisiert.
 
 Wie sah es beim Vater Ihrer beiden jüngeren Kinder aus, der ja ebenfalls deutscher Muttersprachler ist?
 
 Er hatte anfangs Bedenken und war sich nicht sicher, ob seine Englischkenntnisse wirklich ausreichen würden. Mein Mann hatte nie in einem englischsprachigen Land gelebt und teilte damals noch nicht meine Affinität zur englischen Sprache und Kultur. Diesen anfänglichen Zweifeln zum Trotz haben wir schließlich doch das Experiment gewagt, Englisch zu unserer Familiensprache zu machen.
 

Viele Eltern können die anfänglichen Zweifel Ihres Mannes bestimmt sehr gut nachvollziehen. Was Sind Ihrer Meinung nach die Voraussetzungen, damit mehrsprachige Erziehung wirklich gelingt?

Andrea Wünsch begeistert Kinder für mehrsprachige Literatur auf der Münchner Bücherschau junior. Foto: Petra Maaß

Andrea Wünsch begeistert Kinder für mehrsprachige Literatur auf der
 Münchner Bücherschau junior. Foto: Petra Maaß
 

Die Zweitsprache gut zu beherrschen, ist das A und O. Mindestens genauso wichtig wie diese rein formale Sprachkompetenz ist in meinen Augen die emotionale Identifikation mit der Sprache – man muss sich mit ihr wohlfühlen.
 Für problematisch halte ich es beispielsweise, wenn Eltern ihre Kinder aus rein intellektuellen Gründen mehrsprachig erziehen. Schulische Erfolge sollten nicht der Hauptbeweggrund für Multilingualität sein. Es ist viel wichtiger, dass die Sprache für das Kind emotional und sozial relevant ist. Fehlt der authentische Bezug, lässt sich Mehrsprachigkeit nur schwer umsetzen.
 
 Ihre beiden jüngeren Kinder Lena und Finlay beherrschen mittlerweile beide Sprachen gleich gut. Wie sind Sie bei der zweisprachigen Erziehung der beiden konkret vorgegangen?
 
 Als unsere Kinder noch klein waren, haben wir ganz konsequent ausschließlich auf Englisch mit ihnen gesprochen. Sie haben natürlich auch erlebt, wie wir deutsch sprachen – beim Einkaufen, mit Freunden, am Telefon.
 Entscheidend für das Gelingen der Zweisprachigkeit in unserer Familie war also auch, dass es alltägliche Berührungspunkte mit dem Deutschen gab. Diese konsequente Strategie haben wir ungewöhnlich lange durchgehalten – fast die gesamte Grundschulzeit.
 Wichtig war auch, dass unsere Kinder ihren ganz eigenen, individuellen Weg beim Erlernen der beiden Sprachen gehen konnten. So hat meine Tochter Lena bereits im Alter von etwa drei Jahren angefangen, uns auf Deutsch zu antworten. Unser jüngster Sohn Finlay war am englischsten von allen drei Kindern – vermutlich, weil er von Anfang an zwei Geschwister hatte, die mit ihm englisch gesprochen haben.
 
 Welche Gründe sprechen dafür, Kinder mehrsprachig aufwachsen zu lassen?
 
 Oh, da gibt es in der Tat viele! Auf der Hand liegt natürlich, dass Kinder, die multilingual aufwachsen, die erlernten Sprachen ihr Leben lang wie Muttersprachler beherrschen. Außerdem gibt es viele Hinweise darauf, dass es mehrsprachig aufgewachsenen Menschen später leichter fällt, weitere Sprachen zu lernen, und dass sie allgemein etwas flexibler denken können.
 
 Und Ihre persönliche Motivation?
 
 Was mich persönlich am meisten motiviert hat, war die Vorstellung, Kinder zu erziehen, die besonders aufgeschlossen sind, weil sie von klein auf mit der Erfahrung aufwachsen, dass es nicht nur die eine Möglichkeit zu sprechen gibt. Was auch mit Sprache einhergeht, sind die verschiedenen Perspektiven und kulturellen Besonderheiten. So wussten meine Kinder schon sehr früh, dass das Idiom ‚That’s not my cup of tea‘ (Anmerkung der Redaktion: ‚Das ist nicht mein Ding‘,) nur bedingt etwas mit der englischen Begeisterung für Tee zu tun hat.
 

Die Fachliteratur zum Thema Mehrsprachigkeit ist umfangreich. Foto: privat

Die Fachliteratur zum Thema Mehrsprachigkeit
 ist umfangreich. Foto: privat
 

Ihnen würden bestimmt noch viele weitere Vorteile einfallen. Gibt es denn auch Nachteile?
 
 Weit verbreitet ist immer noch die Sorge, Kinder durch das gleichzeitige Erlernen mehrerer Sprachen zu überfordern. Bei vielen Eltern klingeln die Alarmglocken, wenn mehrsprachige Kinder in einer bestimmten Phase Sprachen vermischen. Ausdrücke wie die meines Sohnes ‚I freu myself‘ sind typisch. In dieser Phase kommt es oft zu Problemen im Kindergarten oder in der Schule.
 
 Welche Herausforderungen birgt die mehrsprachige Erziehung im Umgang mit dem sozialen Umfeld?
 
 Freunde, Mitschüler oder andere Eltern können sich schon mal ausgeschlossen fühlen. Umso wichtiger war es, unser soziales Umfeld von Anfang an aufzuklären und mit ins Boot zu holen. Skeptisch haben auch einige Lehrer reagiert, die nicht nachvollziehen konnten, warum ich als deutsche Muttersprachlerin mit meinen Kindern englisch spreche, so nach dem Motto: Wir leben in Deutschland und hier wird deutsch gesprochen! In einer Zeit, in der jedes vierte Kind in Deutschland mit mehr als einer Sprache groß wird, halte ich diesen Ansatz allerdings nicht mehr für zeitgemäß.
 

Wenn Sie Bildungsministerin wären, wie würden Sie versuchen, Mehrsprachigkeit in das deutsche Bildungssystem zu integrieren?
 
 Ein Patentrezept, wie sich Mehrsprachigkeit konkret an Kitas, Kindergärten und Schulen umsetzen lässt, habe ich nicht. Für mich wäre schon viel gewonnen, wenn es sich Erzieher und Pädagogen auf die Fahne schreiben würden, Kindern ein Gespür für die Wichtigkeit von Sprache und Vielsprachigkeit zu vermitteln. Die Haltung zu fördern, dass Sprachen lernen Spaß macht, und dass jede Sprache es wert ist, gelehrt und gelernt zu werden, bedeutet für mich gelebte Mehrsprachigkeit.