Dossier Vielfalt

Meinungs-Vielfalt Lebens-Vielfalt Sinnes-Vielfalt Arten-Vielfalt

Zum Gipfelsturm mit transplantierter Leber

Ein Patient berichtet von seinen Erfahrungen mit Organtransplantation

Ein Interview von Erhard von Kuepach

Es sind oft lebensbedrohliche Krankheiten, wie Herz-, Lungen- oder Leberversagen, die Organtransplantationen notwendig machen. Seit etwa 50 Jahren werden Organe transplantiert und zählen damit zu den bewährten medizinischen Verfahren. Über 5000 Organe nehmen jedes Jahr in Deutschland den Weg vom Spender zum Empfänger, koordiniert und gesteuert von der Deutschen Stiftung Organtransplantation in Frankfurt. Eins dieser Organe bekam Jakob Kreuzmair. Der 64-Jährige, lebt seit dreieinhalb Jahren mit einer Spender-Leber und berichtet im Interview über seine Erfahrungen vor dem operativen Eingriff und welche Pläne er für die Zukunft hat.

Herr Kreuzmair, Sie sind vor knapp fünf Jahren an Leberzirrhose erkrankt. Im vergangenen Sommer haben Sie einen 4000-Meter hohen Berg bestiegen. Das heißt, Sie sind jetzt wieder gesund?

Jakob Kreuzmair auf dem 4164 Meter hohen Breithorn in den Walliser Alpen. Foto: Kreuzmair

Jakob Kreuzmair auf dem 4164 Meter hohen Breithorn in den Walliser
 Alpen. Foto: Kreuzmair
 

Natürlich muss ich meine Medikamente nach einem ganz genauen Zeitplan einnehmen und bestimmte Nahrungsmittel meiden. Schwimmen, Sauna und intensives Sonnenbaden sind Tabuthemen. Aber sonst führe ich wieder ein fast ganz normales Leben.
 
 Haben Sie das nach der Diagnose Leberzirrhose erwartet?
 
 Ehrlich gesagt: Nein! Nachträglich kommt es mir wie eine fast unglaubliche Geschichte vor.
 
 Wie äußerte sich die Krankheit?
 
 Mit Ende Fünfzig bemerkte ich, dass meine Leistungsfähigkeit gravierend nachließ. Der Hausarzt stellte zwar sehr hohe Leberwerte fest, äußerte sich aber nicht besonders darüber.
 
 Der Hausarzt hielt Sie für gesund?
 
 So gesehen ja. Zumindest reagierte er überhaupt nicht. Mir ging es zwischenzeitlich jedoch immer schlechter. Deshalb meldete ich mich acht Wochen später auf Anraten einer Krankenschwester aus unserem Bekanntenkreis selbst im Kreiskrankenhaus zur Untersuchung an. Dort wurde eine Leberzirrhose diagnostiziert. Zur weiteren Behandlung verwies man mich allerdings wieder zum Hausarzt. Dieser verordnete lediglich strikte Alkoholkadenz.
 
 Hat das geholfen?
 
 Nein, mein Allgemeinbefinden wurde immer schlechter und ein wiederkehrender Juckreiz nervte mich.
 
 Irgendetwas mussten Sie doch unternehmen.
 
 Da war guter Rat teuer. Ich sah keine reelle Chance an meinem Zustand etwas zu verändern. Da sich mittlerweile meine Haut gelb färbte, überredete mich eine befreundete Anästhesistin zu einer weiteren Klinikuntersuchung in Freising.
 
 Und die ergab…
 
 …nach fast einem Jahr Leidensweg die Diagnose: Leberzirrhose im fortgeschrittenen Stadium und die eindeutige Empfehlung des Klinikums Freising, dass ich mich in einer Transplantationsklinik anmelden sollte.
 
 Hat das Ihr Hausarzt gemacht?
 
 Von wegen! Er hat die Empfehlung ignoriert. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er, ich hätte keine Chance auf eine Spender-Leber. Und Organhandel wie in China gäbe es in Deutschland nicht. Ich solle besser die Monate, die mir noch bleiben, genießen.
 
 Das aus dem Munde eines Mediziners! Haben Sie den Arzt angezeigt?
 
 Zuerst dachte ich daran. Allerdings war ich so am Boden zerstört, dass ich nur noch aufgeben wollte. Glauben Sie mir: Irgendwann ist man am Ende der Kräfte. Ich habe mich in dieser Phase mehr oder weniger willenlos meinem Schicksal ergeben. Gut, wenn man dann Halt hat. Nur weil meine Frau und meine Töchter mich liebevoll überredet haben, mich selbst bei einer Transplantationsklinik zu melden, lebe ich noch.
 
 Wie lange dauerte es, bis Sie in eine Organ-Empfängerliste aufgenommen wurden?
 
 Nachdem ich mich im Klinikum Rechts der Isar in München vorgestellt hatte, musste ich gleich für neun Tage stationär zur Behandlung einer Aszites, einer Bauchwassersucht, bleiben. Die Voruntersuchungen zur Transplantation wurden fest vereinbart, doch ich landete schon weit vor dem Starttermin mit deutlicher Verwirrtheit und sehr schlechtem Allgemeinbefinden in der Notaufnahme der Münchner Klinik. Rund sieben Wochen dauerten dann die Voruntersuchungen.
 

Jakob Kreuzmair lebt mit einer neuen Leber und erstürmt wieder die Berge - hier mit seiner Tochter Christina. Foto: Kreuzmair

Jakob Kreuzmair lebt mit einer neuen Leber und erstürmt wieder die
 Berge - hier mit seiner Tochter Christina. Foto: Kreuzmair
 

Und was kam dabei heraus?
 
 Es wurde jedes Organ im Körper unter die Lupe genommen. Danach fiel die Entscheidung, dass ich auf eine Warteliste zur Organtransplantation gesetzt wurde. Die Entscheidungskompetenz liegt bei der Vergabe-Stiftung Eurotransplant im holländischen Leiden.
 
 Von was ist die Entscheidung abhängig?
 
 Die Ergebnisse der Voruntersuchungen bilden quasi die Grundlage, um überhaupt registriert zu werden. Auf den Listen wird jede Person dann nach einem Punktesystem von 0 bis 38 platziert. Je höher die Punktzahl, desto höher die Chance, ein Spenderorgan zu bekommen. Das Ranking wird nach der Beurteilung der Blutwerte der Patienten vorgenommen. Dazu meldet die behandelnde Klinik alle 48 Stunden die aktuellen Blutwerte der Patienten an Eurotransplant.
 
 Haben Sie von Ihrer Platzierung erfahren?
 
 Nein, nur indirekt über die fachkundige Einschätzung der Ärzte. Erst viel später habe ich im Schlussbericht von meiner Ersteinstufung bei 29 Punkten und der anschließenden Höhergruppierung gelesen.
 
 Wann kam es dann zur Transplantation?
 
 Diese Daten haben sich in mein Gehirn geschrieben: Am 25. August 2011 um halb zehn Uhr abends bekam ich den Anruf, dass ich in einer Stunde bereit sein müsse.
 Es folgten noch Gespräche mit dem Anästhesisten und einem Psychologen.
 Um ein Uhr morgens – es war bereits der 26. August - sah ich von meinem Fenster aus einen Hubschrauber landen. Nach ein paar Stunden wurde ich in den Operationssaal gebracht. Mein letzter bewusster Blick auf die Zeit: 4.50 Uhr.
 
 Hat alles geklappt?
 
 Nein, leider kam es bei der Leber, die mir implantiert wurde, zum sogenannten Transplantat-Versagen. Erst drei Tage später habe ich meine jetzige Leber bekommen. Und die funktioniert, Gott sei Dank!
 
 Dann lagen Sie während der Wartezeit auf die zweite Leber im Koma?
 
 Ja, sogar noch viel länger. An das erste, an das ich mich wieder erinnern kann, war die Stimme meiner Frau. Sie fragte mich, ob ich wisse, welcher Tag sei. Nachdem ich nicht gleich reagierte, sagte sie, es sei unser Hochzeitstag. Da wusste ich, dass ich am 4. September zu mir kam. Glücklicherweise vergesse ich unseren Hochzeitstag nie.
 
 Erfährt der Patient etwas über den Spender, das Spenderorgan und die Kosten?
 
 Nein, keine Silbe. Über die Spender wissen die Transplantationschirurgen auch nichts.
 
 Nach einer Reha hat für Sie ja dann hoffentlich wieder ein normales Leben begonnen, oder wie können wir uns das vorstellen?
 
 Ich habe über ein Jahr hart trainieren müssen, um zu einer guten körperlichen Konstitution zurück zu kehren. Jetzt kann ich aber wieder Radlfahren, Skifahren und Bergsteigen.
 Sie sagten es ja bereits: Letztes Jahr war ich mit meiner jüngsten Tochter auf dem Breithorn, einem Viertausender zwischen Matterhorn und Monte Rosa. Ich lebe jetzt wieder. Und ich kann Ihnen sagen: Das Leben ist schön!
 
 Wunderbar, dass Sie das sagen! Und was haben Sie für heuer vor?
 
 Noch so einen Rentnerbuckel besteigen. Der Schweizer Allalin hat auch gute viertausend Meter. Der reizt mich noch sehr.
 
 Berg heil und viel Spaß!
 

Weiterführende Informationen: Organspende