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Inklusion bedeutet: Vielfalt lernen

Ein Bericht von Stefanie Präger

Heutzutage ist kein Kind gezwungen eine Sonder- oder Förderschule zu besuchen. Die UN-Behindertenkonvention, die 2009 auch von Deutschland unterzeichnet wurde, legt in Artikel 24 für alle Kinder den Zugang zur Regelschule als den Normalfall fest. Die Debatte um Inklusion an Schulen wird in Deutschland seitdem erhitzt geführt.

Was bedeutet Inklusion eigentlich? Kern der Inklusion ist der gemeinsame Unterricht, in dem jedes Kind entsprechend seinen Möglichkeiten unterrichtet wird. Das bedeutet auch: Die Lernziele sind nicht für jedes Kind gleich. Der Inklusionsgedanke beinhaltet, dass Kinder bei aller Einzigartigkeit – behindert oder nicht – gemeinsam und im selben Lernumfeld aufwachsen und gefördert werden sollen.

Was ist Inklusion?  In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal,  verschieden zu sein.   Grafik: © Aktion Mensch

Was ist Inklusion? In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal,
 verschieden zu sein. Grafik: © Aktion Mensch
 

Wie Inklusion im Schulalltag, in dem die meisten Lehrer ohnehin an ihren Belastungsgrenzen arbeiten, umgesetzt wird, zeigt das Beispiel der Erich Kästner Schule in Hamburg. Diese hat im letzten Jahr den Jakob Muth-Preis für 'vorbildlichen inklusiven Unterricht' bekommen. Pit Katzer, Rektor der Schule sagt im Zeit-Interview: „Wir haben eine lange Tradition als integrative Schule, von daher sind wir eher die Ausnahme. Auch weil wir unter deutlich besseren Bedingungen arbeiten als die meisten Schulen heute, wenn sie inklusiv unterrichten wollen.“
 Seit über 20 Jahren werden an der Erich Kästner Schule behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet. Teams aus Regelschullehrern, Sonderpädagogen und Sozialpädagogen begleiten die Jungen und Mädchen einer Klasse. Ein Leitgedanke der Erich Kästner Schule ist: „So viel gemeinsames Lernen wie möglich – so viel Einzel- und Kleingruppenförderung wie notwendig“.
 Trotz der langjährigen Erfahrung, der im Verhältnis gut ausgestatteten Schule, hatten die Lehrer mit der Reform zu kämpfen. „Als vor drei Jahren die Zahl der Inklusionsklassen schlagartig erhöht wurde und viele neue Kollegen zu uns kamen, hatten wir in relativ kurzer Zeit vier junge Lehrer mit Burnout und sechs Teams, die auseinanderbrachen, weil sie der Belastung nicht mehr gewachsen waren,“ berichtet Rektor Pit Katzer.
 

Bestmögliche Bedingungen schaffen – aber wie?

Sonderpädagogin Katrin Wölfel hofft auf mehr Fortbildungen. Foto: E. Lewis

Sonderpädagogin Katrin Wölfel hofft auf mehr
 Fortbildungen. Foto: E. Lewis
 

Katrin Wölfel (37) ist Sonderpädagogin und unterrichtet seit 2011 an der Erich Kästner Schule. Sie weiß aus Erfahrung, dass guter inklusiver Unterricht ohne zusätzliche finanzielle Mittel zum Scheitern verurteilt ist. Trotz der guten Ausstattung ihrer Schule vermisst sie zusätzliche Räumlichkeiten, vor allem ausreichend Platz, wo sie ihre umfangreichen Materialen unterbringen und ihren Unterricht vorbereiten kann. Es fehlt an Geldern für hochwertige Fortbildungen und für spezielle Unterrichtsmaterialien.
 Mit finanziellen Mitteln allein ist es aber nicht getan. „Inklusion ist nicht nur eine Frage des Geldes. Inklusion ist eine Haltung und sollte als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen werden. Es geht auch gar nicht um behinderte Kinder allein, sondern darum, dass jedes Kind die bestmöglichen Lernbedingungen hat.“
 
 Die Unsicherheit, wie und in welchem Maß Inklusion umgesetzt werden kann, ist bei Lehrern und Eltern noch immer groß. In den letzten Jahren mussten Pädagogen einige Reformen auf den Weg bringen und fühlten sich dabei von den Politikern, die die Reformen öffentlichkeitswirksam beschlossen hatten, nur mangelhaft unterstützt. Auch die Eltern, die in erster Linie das Wohl ihrer Kinder im Blick haben, sind verunsichert. Sie fürchten, ihre Kinder kämen in Inklusionsklassen entweder zu kurz oder würden nicht ausreichend gefördert. „Diese Sorge ist grundsätzlich berechtigt,“ weiß Katrin Wölfel. „Wenn man in einer Klassengemeinschaft die Bandbreite vom lernbehinderten Kind bis zu einem Kind mit gymnasialer Oberstufe fördern will, bedeutet das unglaublich viel Arbeit für den einzelnen Lehrer. Das kann der eigentlich gar nicht leisten.“
 Wölfel kann die Befürchtungen der Eltern nachvollziehen, die sich um das Wohl und die schulische Entwicklung des eigenen Kindes kümmern, und nicht noch um die Sorgen und Nöte der anderen Kinder in der Klasse. „Wenn diese Eltern jedoch miterleben, dass Inklusion für das eigene Kind in bestimmten Situationen durchaus förderlich ist, dann führt dies zu mehr Akzeptanz. Und genau da sollten wir Lehrer ansetzen.“