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Für Barockmusik fehlt in München die Akustik

Ein Bericht von Christoph Dedring

Die Münchner Hofkapelle hat sich seit ihrer Neuformierung 2009 zu einem wichtigen Ensemble für historische Aufführungspraxis im süddeutschen Raum entwickelt. Auch an der Musikhochschule wurde ein Studiengang eingerichtet, der sich mit Barockmusik beschäftigt. Jährlich treten die Studenten bei den Barocktagen auf. Regelmäßig finden kostenfreie barocke Studentenkonzerte statt. Als problematisch gilt in München jedoch die Ausstattung mit akustisch herausragenden Konzertsälen. Deshalb erregte die Entscheidung von Ministerpräsident Horst Seehofer und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, keinen neuen Konzertsaal zu bauen, die Gemüter.

Ein Auszug aus Johann Sebastian Bachs häufig aufgeführter H-Moll-Messe. Foto: Andreas Schuller

Ein Auszug aus Johann Sebastian Bachs häufig aufgeführter
 H-Moll-Messe. Foto: Andreas Schuller
 

Die Philharmonie im Gasteig wurde als Mehrzweckhalle gebaut. Das bedeutet, die Akustik ist nicht auf allen Plätzen optimal. Musikwissenschaftler und Musiker halten die Philharmonie für kleinere Orchesterformationen für ungeeignet.
 Â„Leider ist die Philharmonie mit den besten Sälen für Symphonieorchester nicht vergleichbar“, sagt Karsten Witt, Musikmanager und Konzertveranstalter.
 Der kleinere Herkulessaal in der Münchner Residenz eignet sich besser für die Barockmusik, ist jedoch renovierungsbedürftig. So bleibt den Münchner Musikfreunden einzig das Prinzregententheater mit 1070 Plätzen.
 
 Wenn 2020 die Bauvorhaben Philharmonie und der Herkulessaal starten, befürchten viele Musiker und Musikliebhaber, dass Münchens musikalischer Spitzenplatz gefährdet ist. Davon ist besonders das BR-Symphonieorchester betroffen. Chefdirigent Maris Jansons kämpft seit zehn Jahren für ein neues Konzerthaus und befürchtet jetzt, dass sein Orchester und die Münchner Philharmoniker sich auf lange Zeit einen Spielort teilen müssen.
 
 Studien belegen, dass in der Philharmonie dafür zu wenig Platz vorhanden ist. Aus diesem Grund haben die Geigerin Anne-Sophie Mutter und der Sänger Christian Gerhaher Ministerpräsidenten Seehofer Wortbruch vorgeworfen und zum öffentlichen Protest aufgerufen.
 Auch die Musikhochschule ist betroffen, die einige Räume in der Philharmonie am Gasteig unterhält. Sie hat dann keinen größeren Konzertsaal mehr, um zum Beispiel Barockkonzerte aufzuführen.
 

Die historisch-informierte Aufführungspraxis klingt barock

Bei der historisch-informierten Aufführungspraxis verwenden die Musiker historische Instrumente oder deren Nachbauten. Spieltechniken und Gestaltungsmittel des 18. Jahrhunderts werden übernommen. Der Barock gliedert sich in drei Phasen: Frühbarock (1600-1650), Hochbarock (1650-1710) und Spätbarock (1710-1750).

Die bekanntesten Komponisten sind Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel, die als Vollender der Barockmusik gelten. Berühmt ist auch die Musik von Antonio Vivaldi und Georg Phillip Telemann. Bis heute entdecken Musikforscher neue und verschollen geglaubte Werke aus dieser Epoche. Diese Neuentdeckungen spielen Orchester in historisch-informierter Aufführungspraxis. Vor etwa 30 Jahren haben sich in Europa die ersten Musikensemble gegründet, mit dem Bestreben, Barockmusik so zu spielen, wie die Musik in ihrer Hochzeit im 17. Jahrhundert geklungen hat. Dabei ertönen lange nicht mehr gespielte Instrumente, wie Gamben, Zinken und Krummhörner. Das Erlernen barocker Instrumente erfordert ein spezielles Quellenstudium, da es keine Tondokumente aus dieser Zeit gibt.

Vorreiter dieser Musik ist das seit 1982 bestehende Ostberliner Kammerorchester Akademie für Alte Musik Berlin. Die Experten auf barocken Instrumenten haben in München eine eigene Abonnement-Reihe im Prinzregententheater mit vier Konzerten pro Saison.

Wie es jedoch mit Philharmonie und Herkulessaal weitergeht, ist derzeit ungewiss, da es noch keine konkreten Pläne gibt. Außerdem ist die Höhe der Kosten für den Umbau der Philharmonie ungeklärt. Offen ist auch, ob das Vorhaben überhaupt gelingen kann.