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The Interview – eine Filmsatire vom Feinsten

Eine Filmkritik von Andreas Schuller

Als unterhaltsame Klamauk-Komödie haben cineastische Edelfedern und weniger edle Kritiker den Film „The Interview“ abgetan. Dabei ist die Filmsatire um ein Interview mit dem diktatorischen Nordkoreaner Kim Jong-un ohne weiteres vergleichbar mit Charlie Chaplins „Der große Diktator“ (USA 1940, Regie und Drehbuch Charles Chaplin).

Die chaplineske  Filmsatire “The Interview“ schlägt politische Wellen.  Bildcollage:  A.Schuller

Die chaplineske Filmsatire “The Interview“ schlägt politische Wellen.
  Bildcollage: A.Schuller
 

„The Interview“ ist meines Erachtens eine zeitgemäße, spritzige Filmsatire mit langer Halbwertszeit, die dem Stummfilmstar Chaplin wohl gefallen hätte. Chaplin mimte in seiner Filmsatire einen aus seiner Amnesie erwachten Friseur, der sich plötzlich in einer Diktatur wiederfindet und dem Führer Adenoid Hynkel (Persiflage auf Adolf Hitler) ähnelt.
 Daraus entspinnt sich eine abgründige Verwechslungskomödie mit Slapstick vom Feinsten, wobei Charly Chaplin den realen Diktator Hitler und sein Regime voll auf die Schippe nimmt. Und genauso tut das der Film „The Interview“, indem darin der nordkoreanische Volkstribun Kim Jong-un als durchgeknallter, von widersprüchlichen Emotionen hin- und hergeworfener Volksguru gnadenlos vorgeführt wird.
 
 Die Hauptfiguren, der schrille TV-Moderator Dave Skylark (James Franco, bekannt als Harry Osborne aus den Spiderman-Filmen oder in der Rolle der Filmikone James Dean) und der befreundete Produzent Aaron Rapaport (Seth Rogen), entdecken plötzlich ihr Herz für den seriösen Journalismus und versuchen zu ihrer 1000. Sendung von „Skylark Tonight“ den nord-koreanischen Diktator Kim Jong-un (Randall Park) vor Linse und Mikrofon zu bekommen. Das funktioniert erst beim zweiten Anlauf; als der Produzent eine Einladung zum Live-Interview nach Pjöngjang während einer Fahrt im Yellow Cab am Smartphone erhält. Darüber sind Produzent und Talkmaster völlig aus dem Häuschen und feiern schon mal vor.
 
 Am nächsten Morgen stehen überraschend CIA-Agenten vor der Tür und stiften die perplexen TV-Macher zu einem Mordkomplott gegen Diktator Kim Jong-un an. Darauf baut die weitere Filmhandlung in Nordkorea auf, woraus sich aberwitzige Szenen ergeben. So entpuppt sich der Diktator als großer Fan der TV-Show „Skylark Tonight“ - ausgerechnet aus dem kapitalistischen Amerika.
 
 Die Dialoge sind gewürzt mit absurdem Wortwitz. Als etwa die beiden Hauptfiguren TV-Moderator Skylark und Diktator Kim Jong-un vor einem alten Panzer stehen, erklärt der Diktator, dieser noch fahrtüchtige Panzer sei ein Geschenk des einstigen sowjetischen Diktators Stalin an seinen Großvater. Dave Skylark versteht nicht, hat offensichtlich keinen blassen Dunst von Stalin, nimmt an, Kim habe den Panzer von Sylvester Stallone geschenkt bekommen und korrigiert besserwisserisch Kims Aussprache:„ In Amerika sprechen wir Stalin S t a l l o n e aus.“ Kurz darauf sitzen beide im Panzer und ballern wie irre in der Gegend herum. Aus den Boxen tönt der Katy Perry-Song „Firework“, zu dem Kim und Skylark wie zwei besoffene Kumpels mitgrölen.
 

Attrappenregime und Pseudocharaktere

Drehbuchautor Dan Sterling greift an vielen Stellen derartig in die Vollen. Wer sich auf die abstruse Filmstory und den trashig-schrillen Klamauk einlässt, dem entgeht auch nicht, wie doppelbödig das Ganze ist. Wird doch nicht nur das amerikanische Talkshow-Business als skrupellos und voyeuristisch entlarvt, sondern gleichzeitig die Politik als Kulissen-Inszenierung für die Massen enttarnt. Im Filmbeispiel wird der Talkmaster Skylark aus seiner illusionären Kumpanei mit dem Diktator herausgerissen, als er entdeckt, dass in einem Einkaufsmarkt nur täuschend echte Pappattrappen ausgestellt sind. Das öffnet dem Moderator die Augen für das nordkoreanische Attrappenregime – und scheinbar auch über seinen eigenen medialen Pseudocharakter.

Diktator Kim und TV-Moderator Dave Skylark lassen es krachen.  Bildcollage: A. Schuller

Diktator Kim und TV-Moderator Dave Skylark lassen es krachen.
 Bildcollage: A. Schuller
 

Es ist die bisher beste schauspielerische Leistung von James Franco. Als publicitygeiler amerikanischer Talkmaster überzeugt er mit überdrehter Mimik und Gestik und kommt in jeder Szene stimmig herüber. Randall Park als nordkoreanischer Diktator Kim wirkt unfreiwillig komisch, wenn er im froschgrünen Billig-Turndress mit dem aufgestylten US-Amerikaner Skylark Basketball spielt. Der Basket wurde für den relativ kleinen Kim natürlich tiefer gehängt, so dass dieser bei fast jeder Ballaktion punkten kann. Oder wenn der rücksichtslose Tyrann beim finalen Interview vor laufenden Kameras in die Enge gedrängt, wie ein Weichei hemmungslos herumheult und dadurch bei den Nordkoreanern jeden staatstragenden Nimbus augenblicklich einbüßt. Das trifft mitten ins Schwarze des maroden Regimes.
 
 In der Realität war das Regime in Nordkorea „not amused“ über die freche Filmsatire. Es kam zu Drohungen gegen Kinobetreiber in den USA und Hackerangriffen gegen den Produzenten Sony Pictures Entertainment, die auf das Konto von Nordkoreas echten Machthabern in Pjöngjang zurückgehen sollen. Der Filmstart verzögerte sich dadurch mehrmals. Erst als US-Präsident Barack Obama sich einschaltete und Zivilcourage anmahnte, startete der Film „The Interview“ in den Vereinigten Staaten Ende 2014 in 331 statt geplanten 3.000 Kinos. Im Fazit halte ich „The Interview“ somit für eine durchaus gelungene Satire auf das politische wie mediale Establishment, das sich selbst permanent profilieren will und deshalb geradezu herausfordert, persifliert zu werden. Der Film kann nicht nur inhaltlich, sondern auch schauspielerisch an Chaplins Diktator anknüpfen. Es wird vielleicht etwas dauern, bis nicht nur Insidern aufgegangen ist, dass hier ein echtes filmisches Bravourstück gelungen ist. Es bleibt abzuwarten, wie lange sich der echte Kim Jong-un und seine Clique noch an der Macht halten werden, wenn das nordkoreanische Volk erst einmal aus seiner politischen Trance erwacht ist. „The Interview“ könnte einen Teil dazu beitragen.
 
 Komödie/ Satire – USA 2014, Regie: Seth Rogen, Evan Goldberg, Darsteller: James Franco, Diana Bang, Randall Park, Seth Rogen, Lizzy Caplan, Drehbuch: Dan Sterlin