Dossier Vielfalt

Meinungs-Vielfalt Lebens-Vielfalt Sinnes-Vielfalt Arten-Vielfalt

Rauchzeichen aus Karlsruhe

Ein Kommentar von Andreas Schuller

Wofür zahlen wir eigentlich Miete, wenn wir in unseren eigenen vier Wänden nicht mal unsere kleinen Laster pflegen können? Sei es nun das Rauchen oder das Kochen bei offenem Fenster.
 Heutzutage haben es Raucher schwer, Dampf abzulassen – überall lauern menschliche Rauchmelder. Dem 76-jährigen Raucher Friedhelm Adolfs aus Düsseldorf wurde 2013 die Wohnung fristlos gekündigt, weil er seinen Rauchgewohnheiten frönte und die Nachbarn dadurch (zum Husten?) reizte. 40 Jahre lang hatte er deswegen kaum Probleme.
 

BGH-Urteil: Mieter Adolfs darf vorerst weiterrauchen. Bildquelle: Pressportal BGH, Collage: A. Schuller

BGH-Urteil: Mieter Adolfs darf vorerst weiterrauchen.
 Bildquelle: Pressportal BGH, Collage: A. Schuller
 

Im Februar 2015 hat der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe das Urteil des Düsseldorfer Landgerichts aufgehoben, das der Wohnungskündigung stattgegeben hatte. Die Vermieterin hatte Friedhelm Adolfs nach 40 Jahren Mietverhältnis aus seinen vier Wänden geworfen.
 
 Bundesweit hat der Fall für rauchende Köpfe gesorgt – bei Gegnern und Befürwortern. Nun entschieden die Bundesrichter, die damalige Beweisführung sei „lückenhaft“ gewesen.
 Das ist okay so, denn mir als Ex-Raucher erscheint die Argumentation für den Rauswurf des rauchenden Rentners nicht nur lückenhaft, sondern auch zweifelhaft. Friedhelm Adolfs jedenfalls kann erst einmal eine Zigarre schmauchen.
 
 Wo führt das hin? Wo endet das alles enden, wenn jeder gegen jeden klagen könnte? Was würde passieren, wenn jeder Recht bekäme, weil ihn die Gewohnheiten und kleinen Laster seiner Mitmenschen stören?
 
 Bei einem Nachbar plappert der Papagei morgens laut vor sich hin, beim andern die Kinder. Der Mieter eine Etage tiefer brät gerne Fisch, die Nachbarin schräg gegenüber meditiert in orientalische Duftschwaden von Räucherstäbchen - natürlich bei offenem Fenster. Unten im Hof lässt der Autotuner seinen Oldtimer warmlaufen.
 

Leben und Rauchen lassen

Feuer bitteschön…und mehr Toleranz für unsere  Laster. Bildquelle: http://students.brown.edu/College

Feuer bitteschön…und mehr Toleranz für unsere
  Laster. Bildquelle: http://students.brown.edu/College
 

Sind wir nun schon so weit, dass Gerichte die Grenze zwischen Belästigung und Toleranz ziehen müssen?
 
 Eigentlich liegt es doch an uns, die kleinen Problemchen des Alltags miteinander aus dem Weg zu räumen. Denn, wenn wir nicht gelassener werden, müssen vielleicht in naher Zukunft U-Bahn- und Bahnfahrer Geruchsschranken passieren, bevor sie in die Zugabteile hineingelassen werden.
 Wer Tsatsiki mit viel Knoblauch gegessen hat oder nach einer durchzechten Nacht seinen Restalkohol ausdünstet, der muss dann wohl zu Fuß gehen.
 
 Außen vor bleiben müsste dann wohl auch die stark parfümierte Nachbarin von Friedhelm Adolfs. Ihre Parfümnote könnte ja dem passionierten Raucher in der Nase jucken, wenn sich beide im überfüllten Bahnabteil zufällig gegenübersitzen sollten.
 
 Der Deutsche Mieterbund plädiert bei Streitigkeiten zwischen Mietern für mehr Gelassenheit und Toleranz. Frei nach dem Motto: Jedem Tierchen sein Plaisirchen.
 Das ist auch meine Meinung! Leben und Rauchen lassen.