Dossier Vielfalt

Meinungs-Vielfalt Lebens-Vielfalt Sinnes-Vielfalt Arten-Vielfalt

Snowboard-Crashkurs mit 50

Eine Reportage von Annegret Kurzmann

Zeit für etwas Neues – Ich habe mich nach 25 Jahren Skifahren entschieden Snowboarden auszuprobieren. Die Statistik erweist sich als eine zusätzliche Herausforderung, denn das Durchschnittsalter der Snowboarder liegt zwischen 19 und 22 Jahren - Skifahrer sind knapp 20 Jahre älter (Quelle: medicalsports network). Auch mein zwölfjähriger Sohn hält meine Idee für völlig uncool und traut mir das Snowboarden überhaupt nicht zu. Das alles kann mich nicht davon abhalten, den Selbstversuch zu wagen. Mein Plan: einen Crashkurs absolvieren und dann runter die Piste – möglichst ohne Crash!

Während mich mein Wecker werktags normalerweise um sechs Uhr aus dem Schlaf reißt, liege ich heute schon seit einer dreiviertel Stunde wach. Meine Gedanken kreisen um das eine Thema: „Worauf habe ich mich bloß eingelassen? Ich und Snowboarden! Eigentlich bin ich glücklich als Skifahrerin auf zwei Brettern. Auf einen Besuch in der Notaufnahme, zum Röntgen und Gipsen, habe ich keine Lust. Aufs Ausprobieren und etwas Neues Lernen schon. Snowboarden kann doch nicht so schwer sein!“

Anne Kurzmann probiert ihre ersten Schwünge auf dem Snowboard am Kidspark Spitzingsee. Foto: privat

Anne Kurzmann probiert ihre ersten Schwünge auf dem Snowboard
 am Kidspark Spitzingsee. Foto: privat
 

Für dieses Wagnis wähle ich die Skiregion Spitzingsee-Tegernsee. Mit knapp 20 Kilometer präparierten Abfahrten und einem maximalen Höhenunterschied von 900 Metern zählt sie zu den kleineren Skigebieten in den Alpen. Dafür ist sie von München aus in einer guten Stunde zu erreichen. Weil ich schon oft dort war, kenne ich mich in dem Gebiet bestens aus und empfinde so ein Gefühl von Sicherheit.
 
 Ingos Skiverleih, gleich neben der Kirche in Spitzing, liegt direkt auf dem Weg zur Talstation Stümpfling. Hier will ich mir die Ausrüstung und einen Snowboardlehrer organisieren. „Was, Snowboard fahren magst an einem Tag lernen? Da nützt dir das Skifahrn fei gar nix. Ich sag dir glei: Nach bloß einem Tag, kannst noch ned mal a gscheide Kurvn“. Der Ingo aus dem Skiverleih macht mir wirklich Mut! Vielleicht hat er Mitleid. Mit einem Snowboardlehrer kann er mir jedenfalls nicht dienen. Mehr Glück habe ich bei Martinas Snowboardschule, direkt an der Talstation, wo ich nur 20 Minuten auf einen Lehrer warten muss. In der Zwischenzeit nehme ich meine Ausrüstung in Empfang: Schuhe von Burton und ein Board von Head. Das brauche ich meinem Sohn ja nicht zu erzählen. Für ihn sind nur Snowboards von Burton „was Gescheids“.
 
 Mein Snowboardlehrer Maxi ist 32 Jahre alt und kommt aus Fischbachau – ein Einheimischer also. „Ich habe schon im Kindergarten den ersten Skikurs gemacht. Das ist bei uns ganz normal.“ Snowboard fährt er seit 22 Jahren. Im Alter von zehn Jahren war für ihn der Umstieg aufs Board kein Problem. „Wer einmal das Prinzip mit den Kanten begriffen und verinnerlicht hat, kann das auch aufs Snowboard übertragen – das ist reine Physik“, motiviert mich Maxi. Zu Fuß geht’s erst mal zum Kidspark. Das ist ein flacher, leichter Übungshang für Kinder oder Anfänger. Durch meine Ankunft steigt der Altersdurchschnitt der Kids exponentiell an. Wenn ich keinen Helm aufhätte, würde man glauben, dass ich meinem Skizwergerl die Brotzeit nachbringe. Jetzt das Board angeschnallt! Regular oder goofy? Das bezieht sich auf die Standposition der Füße. Linker Fuß in Fahrtrichtung entspricht regular, rechter Fuß vorne gleich goofy. Um das herauszufinden, muss ich versuchen auf dem Schnee zu schlittern. Der Fuß, den ich automatisch nach vorne nehme, bestimmt auch die Fußstellung auf dem Board. Ich bin ein regular. Maxi erklärt mir, das A und O beim Snowboarden sei die Kontrolle der Kanten, sowohl die Backside als auch die Frontside. Ich versuche also, mit dem Rücken zum Hang, den Übungshügel hinunterzurutschen. Dabei muss ich die Backsidekante mehr oder weniger stark belasten, um die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Weiter geht’s mit Bremsen, gerutschte Schrägfahrt, Schussfahren und natürlich auch Liftfahren. Für mich fühlt sich alles merkwürdig an. Beide Füße sind auf nur einem Brett festgeschnallt! Das Gleichgewicht muss ich dabei mit dem Oberkörper und den ausgestreckten Armen ausbalancieren. Wie schön wäre es, jetzt einfach ein Bein auszustrecken, um mich wieder zu stabilisieren.
 Maxi zeigt, erklärt und hilft mir, so dass ich alle Basics des Snowboardfahrens in nur einer Kursstunde ausprobieren kann. „Normalerweise fange ich in der zweiten oder dritten Stunde bei den Schülern mit den ersten Schwüngen an. Aber I hab scho gmerkt, du setzt alles schnell um, da probieren wir gleich mal den gerutschten Basisschwung“. Ich kann nicht beurteilen, ob es an meiner sportlichen Ader, an meinem Willen oder einfach an meiner Überwindung der Angst liegt, dass mir diese Fortschritte gelingen. Egal, ich bin überrascht und froh zugleich. Jetzt heißt es: Üben, üben, üben!
 

Endlich! Die verdiente Ruhepause am Roßkopf (1.580 Meter) bei strahlendem Sonnenschein. Foto: privat

Endlich! Die verdiente Ruhepause am Roßkopf (1.580 Meter) bei
 strahlendem Sonnenschein. Foto: privat
 

Nach etwa drei Stunden langweilt mich das Gerutsche im Kidspark. Ich will unbedingt eine richtige Abfahrt ausprobieren. Dafür muss ich mit der Vierer-Sesselbahn zum Stümpfling rauf. Beim Anstellen am Lift sehe ich mich nach Gleichgesinnten um. Auf der Bergfahrt gesellt sich ein Snowboarder älteren Semesters zu mir. Heinz erzählt mir, dass er vor sieben Jahren auf Snowboarden umgestiegen ist, da war er schon 48 Jahre. Wie beruhigend!
 Oben in der Jagahütte stärke ich mich mit einer Portion Spaghetti und einem Skiwasser. Vielleicht wäre ein Kirschwasser besser gewesen, um mir Mut anzutrinken! Nun stehe ich vor der alles entscheidenden Frage: Reichen meine Basisfertigkeiten im Snowboarden für die Stümpflingabfahrt aus oder kann ich einpacken? Mein Magen fühlt sich gar nicht gut an, was sicher nicht an den Spaghetti liegt. Ich wage es trotzdem.
  Das erste Stück Abfahrt gleicht mehr einem verkrampften Rutschen als Snowboardfahren. Habe ich alles vergessen, was mir Maxi beigebracht hat? Bloß nicht verkanten und ja keinen anderen anfahren. Wie war das nochmal mit der Schwerpunktverlagerung? Wie leite ich die Kurve ein? In welcher Richtung muss ich den Oberkörper drehen? Tausend Fragen schießen mir durch den Kopf. Beim Anblick des steilen Hanges setzt mein Gehirn aus. Alles heute Gelernte ist plötzlich wie weggeblasen. Resigniert setze ich mich in den Schnee, schnalle frustriert das Snowboard ab und stapfe mühsam den Hang wieder nach oben. Ich muss mir eingestehen, dass ich mich überschätzt habe und fahre mit dem Lift zurück ins Tal.
 Zu Hause beim Abendessen schwärme ich in höchsten Tönen vom Snowboarden, dem grandiosen Wetter und dass ich sogar die Stümpflingabfahrt runter bin. „War ganz easy für mich. Da hast du deine Mama falsch eingeschätzt“, provoziere ich meinen Sohn. Dass ich nur das obere Stück der Abfahrt geschafft habe und nicht die ganze Piste, vergesse ich natürlich zu erwähnen.