Dossier Glück

Dossier Glück

'Ich habe noch nie eine Disco von innen gesehen'

Von der bewußten Entscheidung in die Obdachlosigkeit zu gehen. Ein Porträt.

Er zieht an der Zigarette. Jeder seiner Schritte ist exakt ausgerichtet. Der Kopf ist auf den Boden gerichtet, kontemplativ. Einsam geht er um einen Ahornbaum. Er muss viele Kilometer um diesen Baum gedreht haben, denn wo einst Wiese der Untergrund seiner Runde war, ist nur noch Erde vorhanden. Die herumtollenden Kinder, die Gespräche der Jogger und der Spaziergänger, all das scheint an den virtuellen Mauern der Wiese abzuprallen, auf der sich der Ahornbaum befindet. Und mittendrin ebendieser schlaksige, hochgewachsene junge Mann mit seiner Zigarette. Sein Name ist Paul . Er ist 25 Jahre alt und lebt seit fast zwei Jahren auf der Straße.

Hier wandert Paul, in sich gekehrt, manch Strecke in einem Münchner Park. Ein teil des Kreises ist rechts erkennbar

Hier wandert Paul, in sich gekehrt, manch Strecke in einem Münchner Park. Ein teil des Kreises ist rechts erkennbar

In Würzburg geboren, zogen seine Eltern früh nach Bremen. Mit 17 Jahren aber hielt er es bei der mittlerweile geschiedenen alkoholabhängigen Mutter nicht mehr aus und zog zu seinem Vater nach München. Ein fast brüderliches Verhältnis hatte er zu ihm. Warum er nur noch sehr sporadischen Kontakt zu seinem Vater hat, will er ebenso wenig sagen, wie über den Abbruch seiner beiden Ausbildungen.

Die digitale Welt wurde seine Realität

Früher, mit 17, hat er tagelang das Online-Spiel Counterstrike gezockt und nur über Internet mit der Außenwelt Kontakt gehabt. „Ich habe noch nie eine Disco von innen gesehen“, berichtet er „Ich fand es unsinnig in eine Halle mit lauter Musik zu gehen und mich zu besaufen. Ich war glücklich in meiner Welt.“ Er hat für seine Spiele-Community Webseiten programmiert, beherrscht Web- und Bild-Programme, die sehr gefragt sind auf dem Arbeitsmarkt „Mit der Zeit ist mir aber die Decke auf den Kopf gefallen. Ich war nicht mehr glücklich. Ich hatte ein paar Gelegenheitsjobs und das Arbeitsamt hat mich ausgelacht als ich angab, Erfahrung in Webseiten-Programmierung und Bildgestaltung zu haben. Das war wie ein Schlag auf die Zwölf.“ Er hat Fristen beim Arbeitsamt verstreichen lassen und entschied sich, sein Glück auf andere Weise zu finden. „Ich hatte eh nichts mehr und ob ich jetzt eingepfercht lebe, oder draußen. Das hat für mich keinen Unterschied mehr gemacht.“

Die neue Realität: Obdachlosigkeit

Seit zwei Jahren lebt er das Gegenteil seiner Jugendjahre. Er hat sich in die Welt ohne Computer geworfen, weg von den Fesseln der virtuellen Welt und ist doch glücklich. Er ist tagsüber viel unterwegs. Immer mit seinem Rucksack. Was dieser wiegt, weiss er nicht. „An manchen Tagen ist er leichter, an manchen schwerer.“ Morgens trinkt er in einer Bäckerei einen Kaffee und trifft sich mit weiteren Obdachlosen und Ehemaligen. Sie tauschen sich aus. Leisten kann er sich den Kaffee nicht immer. Es kommt auf die Jobs an, die er bekommt, wie Fegen oder Aufräumen. Dann geht er Richtung Theresienwiese, „oder ich habe Hummeln in den Füßen und laufe bis zur Stadt. Sehen was da so los ist.“ Kein Wunder, dass seine Schuhe so abgelaufen sind, bei rund 18 Kilometern am Tag. Abends, gegen „Zehne, Elfe, schaut man was so ist, bei Edeka oder Mäckes. Die schmeißen auch eine Menge weg. Teilweise ist das Zeugs noch warm.“ Oder er lauscht bei einer Zigarette Menschen beim Durchwühlen der Edeka- Mülltonnen zu, die noch haltbare Lebensmittel suchen. „Man hört wie sie sich unterhalten, was besser ist und man das andere besser da lässt. Also teilweise sind sie schon wählerisch.“ Er grinst.
 
 Die Nächte sind meist kurz. Geräusche lassen ihn aufschrecken. Dann döst er für ein paar Stunden ein und wacht unter Umständen verwirrt auf, weil etwas nicht stimmt. Dann merkt er, dass das Regenwasser an seiner Hose entlangfährt, sodass er für ein paar Stunden nach einem Unterschlupf sucht. Und wenn der Tag anbricht, hofft er sich einen warmen Kaffee kaufen zu können.
 
 Wenn Paul keine Runde dreht, ob um den Baum oder durch München, sitzt er auf der Parkbank, beobachtet die Menschen. Besonders ihr Verhalten. Jogger erkennt er am Laufstil, nicht an der Kleidung. Von der Managergruppe, die sich über ihre Arbeit unterhält und deren Chefgebaren, das auch beim Laufen zutage tritt, bis zum Pärchen, das gemeinsam laufen möchte, die Umsetzung aber nicht ganz klappt.
 Strukturen der Menschen, Abläufe, Veränderungen, all das sieht er auf seiner Parkbank unter dem Ahornbaum. Unbemerkt. Dabei huscht ein Lächeln über sein Gesicht.