Dossier Glück

Dossier Glück

Glück im Unglück. Manche Chancen im Leben bekommt man nur einmal.

Auf den ersten Blick ist Cornelia B.* eine ganz normale, junge Frau und Mutter. Was sie von anderen Frauen in ihrem Alter unterscheidet: vor 10 Jahren hat sich ihr Leben nach einem schweren Motorradunfall, den sie wie durch ein Wunder überlebt hat, radikal geändert.

Abbildung 1:  www.flickr.com/photos/matt_hecht/20863692941

Abbildung 1: www.flickr.com/photos/matt_hecht/20863692941

Sie sind ein echter „Glückspilz“, da Sie einen schweren Motorradunfall überlebt haben.
 Ja, ich denke, ich hatte damals richtig Glück.
 Wie geht es Ihnen heute?
 Im Großen und Ganzen relativ gut. Aktuell scheint es so, dass keine bleibenden Schäden zurückbleiben und ich keine Beeinträchtigungen hinnehmen muss.
 Wie genau kam es zu dem Unfall?
 Ich selbst habe keine Erinnerung an den Unfalltag. Mir fehlt die Zeit von dem Morgen, an dem ich losgefahren bin, bis vier Tage danach, da habe ich einen Blackout. Ich weiß nur, was die Leute mir erzählt haben und was ich mir später selbst rekonstruiert habe. Vor dem Unfall hatte ich beschlossen, mit meinem langjährigen Freund Schluss zu machen. Also fuhr ich mit dem Motorrad zu meiner Mama, um zu besprechen, wie ich die Beziehung beenden sollte - da ist der Unfall passiert.
 Was waren Ihre ersten Gedanken und Eindrücke, als Sie im Krankenhaus wieder zu sich gekommen sind?
 Ich weiß noch genau, wie ich im Krankenhaus auf diesem Bett sitze und an die Wand schaue. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, was alles davor mein Leben war. Ich hatte Ziele und Pläne. Das ist mir dann auf einmal alles wieder eingefallen. Das war ein krasses Gefühl.
 Wie sind Sie damit umgegangen?
 Als ich nach acht Tagen im Krankenhaus erfahren habe, dass die Gehirnblutungen verheilt seien, war das ein unbeschreibliches Gefühl. Nach meiner Rückkehr von dem anschließenden Aufenthalt in der Reha-Klinik, fühlte ich mich - wieder zuhause - so, als käme ich von einem anderen Planeten und wäre plötzlich auf die Erde gefallen.
 Ihr Unfall liegt nun 10 Jahren zurück. Haben Sie ihren „10-jährigen Geburtstag“ gefeiert?
 Ja, wir haben dieses Jahr mein ‚10-jähriges Jubiläum‘ gefeiert – dabei waren wir alle etwas andächtig. Ich habe meine Familie zum Essen in ein indisches Restaurant eingeladen.
 Hat der Unfall Ihre Einstellung zum Leben verändert?
 Ja, auf jeden Fall. Nach dem Unfall habe ich mich gefragt: ‚Was hast du denn noch so zu tun?‘. Ich bin zwar nicht getauft, aber in der Reha-Klinik wurde mir klar: ‚Anscheinend warten auf Erden noch Aufgaben auf mich, sonst wäre ich ja nicht hier.‘. Diese Erkenntnis hat mich schon verändert und man überlegt dann: ‚Was ist dir wichtig im Leben? Was willst du unbedingt noch machen?‘. Diese Gedanken waren neu für mich, ich war damals Anfang Zwanzig. Zuvor hatte ich nie über ein eigenes Kind geredet, aber nach dem Unfall wollte ich unbedingt ein Kind bekommen. Leuten, die meinen Kinderwunsch nicht nachvollziehen konnten, habe ich geantwortet: ‚Vielleicht wünscht man sich das nur einmal im Leben so richtig und ich wünsche es mir jetzt.‘.
 Inwiefern hat der Unfall ihre Prioritäten im Leben noch beeinflusst?
 Karriere und Geld waren mir auf einmal nicht mehr so wichtig. Ich habe mir gedacht: ‚Wenn ich mich jetzt wirklich entscheiden müsste, was mir wichtig ist, dann wäre es das.‘. Der Kinderwunsch ging auch sehr rasch in Erfüllung, ich habe eine Tochter, die bereits 8 Jahre alt ist.
 Gehen Sie seitdem mit Problemen oder Krisen anders um?
 Das ist eine schwierige Frage. Der Unfall ist auf jeden Fall Bestandteil von meinem Leben und meinem Charakter geworden. Ich schätze, dass es mich stärker gemacht hat. Ich empfand das, als ob ‚einem das Fell über die Ohren gezogen wird‘, dieses Gefühl hatte ich immer wieder. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten mein Leben in den Griff zu bekommen. In der Reha-Klinik haben mein damaliger Freund und ich gemerkt, dass wir uns nicht mehr viel zu sagen hatten, wir hatten uns emotional entfernt. Nach einigen Wochen musste ich die Beziehung dann beenden. Da kam viel auf einmal zusammen: meine Beziehung war weg, ich zog in eine neue WG, in der ich niemanden kannte ...und der Unfall...das war einfach...puh...
 Wie sind Sie mit dieser Situation klargekommen?
 Vor dem Unfall hatte ich jahrelang einen Jugendtreff geleitet, der mir sehr viel bedeutete. Während meines Klinikaufenthalts ging das nicht mehr, mir war es aber wichtig, dass der Treff geöffnet bleibt. Daher habe ich jemanden gebeten, den Treff wieder zu eröffnen und das Projekt weiterzuführen. Leider hatte mein Vertreter – mangels pädagogischer Qualifikation - bereits nach kurzer Zeit mein Konzept zerstört. Das hat mich sehr getroffen. Da braucht man unbedingt Leute, die einen beim Heilungsprozess unterstützen und persönliche Stärke, um da wieder raus zu kommen.
 Hat das Ihre Beziehung zu Ihrer Familie verändert?
 Nach dem Unfall war ich nicht mehr die gleiche Person wie vorher, fühlte mich innerlich zerrissen. Ich wollte diese Veränderung auch optisch unterstreichen, indem ich mein Styling radikal veränderte. Das war eine Bewährungsprobe für Freundschaften: einige haben mich daraufhin so behandelt wie vorher, andere haben mich nicht mehr zurück gegrüßt, mich quasi ignoriert. So gingen zahlreiche Kontakte verloren. Vielleicht kamen sie mit der Situation nicht klar. Dafür wurde die Beziehung zur Familie und engen Freunden umso tiefer.
 Wie hat diese Erfahrung Ihren Charakter beeinflusst?
 Ich habe im dem Wechselbad der Gefühle gelernt zu unterscheiden, was wichtig und unwichtig ist. Wenn ich etwas als weniger wichtig ansehe, dann sage ich das heute auch deutlich. Mit meiner direkten Art kommt nicht jeder klar, ich sehe das jedoch als Stärke. Weniger ‚Ballast‘ bedeutet, man hat mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge.
 Sind Sie seitdem Motorrad gefahren oder haben es in Zukunft vor?
 Das werde ich oft gefragt. Ich bin seitdem nicht mehr gefahren und habe es auch nicht vor. Aber nicht weil ich es nicht möchte, oder Angst habe. Ich möchte diese belastende Situation meinen Angehörigen, und meiner Tochter auf keinen Fall (nochmals) zumuten, sie haben mehr gelitten als ich. Ohne meine Familie hätte ich es nicht geschafft, sie hat mir auf der Intensivstation Geborgenheit gegeben und war rund um die Uhr bei mir. Ich bin sehr dankbar für mein Glück und die tolle Unterstützung.
 Würden Sie Ihrem Kind verbieten Motorrad zu fahren?
 Nein, ich glaube, ich würde es meiner Tochter nicht verbieten.
 Was würden Sie einem Motorradfahrer nach einem riskanten Fahrmanöver sagen?
 Dass man nie schneller fahren sollte, als der eigene Schutzengel fliegen kann. Wenn Leute auf der Landstraße dahin rasen, finde ich das ziemlich bescheuert. Aber ich wünsche ihnen trotzdem viel Glück und hoffe, dass es gut geht. Ich achte seit dem Unfall auf einen großen Sicherheitsabstand zu Motorradfahrern und will auf keinen Fall in so etwas verwickelt werden. Diese Schuld könnte ich nicht mit mir herumtragen. Meinem Unfallverursacher hat diese Last ziemlich zu schaffen gemacht. Er hat damals eine Messe für mich lesen lassen, das hat mich gerührt.
 Haben Sie den Unfallverursacher nach dem Unfall getroffen?
 Nein, ich habe ihn nie persönlich getroffen. Aber ein Polizist, der am Unfallort war, hat mich damals im Krankenhaus besucht und mir einen Plüsch-Polizeilöwen mitgebracht. Den habe ich heute noch. Er bedeutet mir sehr viel.
 
 
 
 * Name wurde von der Redaktion geändert
 

Abbildung 2: Plüsch-Löwe Quelle: Privat

Abbildung 2: Plüsch-Löwe
 Quelle: Privat