Dossier Glück

Dossier Glück

Kann man Glück kaufen?

Der Glücks-Ökonom Joachim Weimann vertritt in seinem gleichnamigen Buch die Meinung: „Geld macht doch glücklich“. Ausschlaggebend ist dabei nicht der Kontostand, sondern die Wahlmöglichkeiten, die uns das Geld eröffnet. Ein Interview.
 
 Von Leonie Yesiltas
 

Wann haben sie das letzte Mal Glück empfunden?
 
 Da müssen wir unterscheiden. Meinen sie das affektive Glück, das man empfindet wenn man zum Beispiel frisch verliebt ist oder Glück, im Sinne der Lebenszufriedenheit?
 
 Dann frage ich gezielter nach ihrem letzten affektiven Glücksmoment.
 
 Meine Tochter war als Backpackerin in Bangkok unterwegs als Terroristen in einem Einkaufsviertel eine Bombe zündeten. Wir haben sie ans Telefon bekommen und konnten schnell organisieren, dass sie nach Hause kommt. Als sie dann wohlbehalten wieder in der Tür stand, machte sich große Erleichterung breit.
 

Prof. Dr. Joachim Weimann, 59 Jahre, Inhaber des Lehrstuhls VWL III, Fakultät für Wirtschaftswissenschaft, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (©Joachim Weimann)

Prof. Dr. Joachim Weimann, 59 Jahre, Inhaber des Lehrstuhls VWL III, Fakultät für Wirtschaftswissenschaft, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (©Joachim Weimann)

Wie messen sie so ein Glück in ihrer Forschung?
 
 Das affektive Glück ist rein emotional, sehr stark zufallsgesteuert und hängt wenig von ökonomischen Bedingungen ab. Affektives Glück kann auch unter widrigen Umständen empfunden werden. Auch wenn ich mich im Krieg befinde, kann ich mich plötzlich sehr glücklich fühlen.
 Für die ökonomische Glücksforschung ist vor allem die Frage nach der Lebenszufriedenheit relevant. Im Rahmen des Sozioökonomischen Panels wird insgesamt 27.000 Haushalten jährlich die gleiche Frage gestellt: ‚Wie zufrieden sind sie insgesamt mit ihrem Leben?‘. Die Befragten geben auf einer Skala einen Wert zwischen eins und zehn an. Nach einer subjektiven Abwägung zwischen Beruf, Gesundheit, Familie und Partnerschaft zieht jeder für sich einen Strich darunter und macht eine Angabe.
 
 Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Einkommen und Zufriedenheit?
 
 Je mehr Geld ich habe, desto zufriedener bin ich. Was passiert, wenn es allen immer besser geht? Das Brutto-Inlands-Produkt pro Kopf steigt permanent, die Lebenszufriedenheit hingegen wächst nicht mit. Das liegt daran, dass es nicht mit dem absoluten Einkommen zusammenhängt, sondern mit der relativen Position in der Gesellschaft. Die Konsequenz daraus ist, dass sobald sich die Position von jemandem verbessert, sich die Position eines anderen verschlechtern muss. Der ganze Wettbewerb wäre dann Verschwendung und würde nicht zu mehr Wohlstand für alle führen.
 

Könnte ein System ohne Wettbewerb und kapitalistische Strukturen also zufriedener machen?
 
 Wenn Sie die Zufriedenheit der Deutschen mit der Zufriedenheit der Flüchtlinge , die zu uns kommen vergleichen, werden sie feststellen, dass die der Bundesbürger sehr hoch ist. Das hat etwas mit unserem kapitalistischen System zu tun, das den Menschen Wohlstand und Wahlmöglichkeiten gibt.
 

Befragung des Sozioökonomischen Panels 2013 zur Lebenszufriedenheit der Deutschen. (©Joachim Weimann)

Befragung des Sozioökonomischen Panels 2013 zur Lebenszufriedenheit der Deutschen. (©Joachim Weimann)

Macht es Menschen glücklich ihre Statussymbole zu präsentieren?
 
 Status macht vor allem dann zufriedener, wenn andere ihn anerkennen. Nur präsentierter Status ist erreichter Status. Die Möglichkeit zu haben, sich ein teures Auto leisten zu können macht zufrieden. Anderen das Auto zu präsentieren auch.
 
 Was macht jüngere Erwerbstätige zufriedener: Einkommen oder Freizeit?
 
 Das Einkommen alleine macht nicht glücklich. Ökonomen verstehen Freizeit als ein Gut. In unseren Forschungsergebnissen haben wir gesehen, dass Arbeit für die breite Mehrheit eine Last bedeutet. Wenn das Einkommen kaum die elementaren Bedürfnisse deckt, dann entscheiden sich die Menschen trotzdem für die Arbeit. Aber wenn sie ein relativ hohes Einkommen haben, dann wird Freizeit als Konsumgut plötzlich sehr interessant. Das ist ein Wohlstandseffekt. Wenn man die Möglichkeit hat die Arbeit zu reduzieren, erhält man natürlich mehr Zufriedenheit.
 
 Flüchtlingskatastrophen auf der Welt stellen in Frage, dass die europäischen Länder einen Großteil des Reichtums auf der Welt besitzen. Ist es nicht ein Erfordernis unserer Zeit mit weniger glücklich zu werden?
 
 Also das halte ich für kompletten Nonsens. Wir brauchen mehr Wachstum nicht weniger. Es geht darum, die Herkunftsländer von Flüchtlingen dazu zu bringen eigenes Wachstum zu generieren.
 
 Was wird in Deutschland passieren, wenn wir, mal angenommen, zehn Millionen Flüchtlinge aufnehmen?
 
 Wenn wir es schaffen sie in unser System zu integrieren, dann könnten wir alle voneinander profitieren. Wenn das nicht gelingt, dann werden diese zehn Millionen unser Versicherungssystem so sehr belasten, dass es zusammenbricht. In diesem Fall müssten alle gemeinsam die Lasten tragen. Das würde dann deutlich geringere Einkommen, sehr viel geringere Lebensstandards und eine geringere Lebenszufriedenheit bedeuten.