Dossier Glück

Dossier Glück

Verweilen im Augenblick – macht das wirklich glücklich?

Den nach Glück und Zufriedenheit suchenden Menschen wird oft das Leben im Hier und Jetzt als seligmachender Weg ans Herz gelegt. Doch dies könnte auch ein Irrweg sein, denn die menschliche Natur ist nicht dafür ausgelegt.

Lebe den Moment. Das ist ein zentrales Thema der aktuellen Glücks- und Lebenshilfe-Ratgeber. Buchtitel und Kapitelüberschriften fordern in großen Lettern auf: „Jetzt!“, oder „Genieße den Augenblick“. So auch in „25 Glücklichmacher“ von Madame Missou, einem aktuellen Ratgeber, in welchem der Leser 25 nachhaltige Wege zum Glück kennenlernt. Dem Leben im Moment und dem Schätzen von einfachen Dingen sind darin mehrere Kapitel gewidmet. Auch in Thomas Winters' „Mein Weg zum Glück“ mit dem Untertitel „30 Tipps für ein glückliches und erfolgreiches Leben“ empfiehlt der Autor dem Leser, die kleinen Freuden des Lebens zu genießen und Glücksmomente im Alltag zu suchen.
 
 Diesem allgemeinen Tenor der Glücks-Ratgeber folgt mit „Leben im Jetzt“ auch ein moderner spiritueller Lehrer wie Eckhart Tolle. Basierend auf östlicher Meditationspraxis und Achtsamkeitsübungen, wird der westeuropäische Mensch dazu angehalten bewusst den jetzigen Moment seines Daseins wahrzunehmen und Gedanken, die in Vergangenheit oder Zukunft gerichtet sind, vorbeiziehen zu lassen. Innehalten, achtsam sein, Gelassenheit üben – dies ist sicherlich nicht das schlechteste, was man den Menschen in Zeiten von Stress, Mobbing und Leistungsdruck empfehlen kann.
 
 Doch lässt sich dies wirklich pauschal für alle Menschen so formulieren oder gibt es noch eine andere Sichtweise?
 

Gestapeltes Wissen - Bücher als Quelle des Glücks

Gestapeltes Wissen - Bücher als Quelle des Glücks

Goethe lässt seinen Helden Faust im ersten Teil der Tragödie sagen: „Werd' ich zum Augenblicke sagen, verweile doch!, du bist so schön!, dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn“. Der Ausspruch wird gerne verwendet, um den Glücksmoment, das Genießen des Augenblicks, zu propagieren. Doch das Glück liegt für Faust eben nicht im Augenblick, er hat nicht vor, sich dem Verweilen im glücklichen Moment hinzugeben. Er will weiter nach Wissen streben und empfindet dies als seinen Daseinszweck. Für Faust sind Verweilen und Wissensdurst zwei unvereinbare Gegensätze. Ersteres bedeutet Stillstand, letzteres Entwicklung und Erkenntnis.
 Die Neugier des Menschen ist aus evolutionsbiologischer Sicht der Motor hinter Entdeckungen und Fortschritt. Wissbegier und Lernwille sind dem Menschen innewohnende Triebe, kultureller und technologischer Fortschritt die natürliche Konsequenz. Laut Aristoteles streben alle Menschen von Natur aus nach Wissen. Und für den Dalai Lama ist Lernen ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem glücklicheren Leben. Ergebnisse einer forsa-Umfrage bestätigen: Lernen macht Menschen glücklich.
 
 Aber sind das Verweilen im Augenblicke und Weiterstreben wirklich Gegensätze, die einander ausschließen, so wie Faust es sah? Kann der Mensch das Glück nicht in beidem finden?
 
 Jeder Mensch sucht nach Glück. Die Amerikaner haben in ihrer Verfassung das Recht auf Streben nach Glück sogar verbrieft. Viele Wege sind denkbar. Es ist stets eine persönliche Entscheidung, . was glücklich macht und dem Leben Sinn gibt. Die Fähigkeit, das Jetzt genießen und wertschätzen zu können kann zu einer zufriedenen Grundstimmung ebenso beitragen, wie das Verlangen nach Weiterentwicklung und Wissen.
 Der Mensch ist kein Wesen, das glücklich und zufrieden im Hier und Jetzt lebt. Dies lehren uns Evolution und Geschichte. Die menschliche Natur will nicht auf der Stelle treten und alles so belassen, wie es ist. Sie will sich entwickeln, Neues ausprobieren. Es entstehen dabei viele schöne und gute Dinge, aber auch Unglück, Gewalt und Zerstörung. Was ist, wenn es dem Menschen einfach nicht entspricht, sich mit dem zufrieden zu geben, was er hat und was er ist?
 Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand und Wißbegier treiben die Menschen zu Höherem an, lassen sie nach einem besseren, sinnvolleren Leben streben. Unzufriedenheit und der Wille zum Glück geben Menschen die Kraft, Neues und Unbekanntes zu versuchen. Und auch das Scheitern und dann wieder neu anzufangen, gehört zum Leben dazu.