Dossier Glück

Dossier Glück

Die Suche nach dem schnellen Glück

Eine Frau, 16 Männer. Meine anfängliche Schüchternheit ist verflogen. Der Kick blieb bis jetzt zwar noch aus, doch am Tisch zur späten Stunde steigt in mir das Adrenalin. Und die Kugel rollt.

Die Spielwährung in Casinos: Jetons (Foto: Claudia Donald)

Die Spielwährung in Casinos: Jetons (Foto: Claudia Donald)

Ich bin auf der Suche nach dem Kick und dem schnellen Glück. Im Kopf habe ich Las Vegas und stelle mir ein glitzerndes, prachtvolles Etablissement mit grellen Lichtern und lauten Sirenen vor. Kleingeld klirrt, 500-Euro-Scheine sind allerorts. 500-Euro-Scheine sehe ich, Kleingeld hingegen überhaupt nicht.
 
 Der „Casino-Blitz“ fährt vom Münchner Hauptbahnhof zur Spielbank Bad Wiessee. Offensichtlich will nur noch eine Person dorthin: Während alle anderen sehr locker gekleidet sind, trägt die junge Dame neben mir hochhackige Pumps und ein schickes Jackett, ich eine Tunika aus Seide. Kein Wunder, dass wir „Spieler“ in der Unterzahl sind: Es ist Dienstag, 17 Uhr – wer fährt da schon ins Casino? „Ich war schon lange nicht mehr da. Beim letzten Mal verlor ich fast 1.000 Euro“, berichtet sie. Ich habe mir ein 50-Euro-Limit gesetzt.
 

Freier Eintritt für Einsteiger
 
 Roter Teppich und dezente Lichter, der erste Eindruck passt nicht ganz zu meinen Vorstellungen. Im karg eingerichteten Foyer sticht mir als erstes ein Flyer ins Auge: „Verantwortliches Spielen“. Gute Ratschläge, um Glücksspielsucht zu vermeiden. Die ersten beiden Male ist der Eintritt umsonst. Bei der Anmeldung erhalte ich ein Miniatur-Glücksschwein aus Plastik sowie eine aufladbare Geldkarte. Ich werde aufgeklärt: Im Erdgeschoss sind die Automatenspiele und oben das „Große Spiel“, also Roulette, Black Jack und Poker.
 
 Oben herrscht angespannte Stimmung, es sind noch nicht alle zehn Roulette-Tische besetzt. Keiner lacht, keiner ist ausgelassen oder trinkt Alkohol. 98 Prozent sind Männer, die Frauen muss man suchen. Eine Dame steht am Roulette-Tisch, ihre Kleidung fällt auf: Während die Herren Anzug und Sakko tragen, ist sie in leichten Jogginghosen, einem Sweater und goldfarbenen Turnschuhen gekleidet. Die grauen Haare trägt sie kurz.
 
 Beim Abstecher auf den Balkon fühle ich mich wie in einem Tagungshotel. Der Ausblick ist grandios: Der Blick über den Tegernsee, die Alpen. Ich höre Kuhglocken. Ein starker Bruch zur Casino-Atmosphäre. Ein Mann aus Dubai erzählt, dass er seit zwei Wochen hier sei, aber einfach noch nichts gewonnen habe. „Hier ist alles Mafia“, erklärt er mir. In Las Vegas, London, Singapur gewinnt er immer – hier jedoch nicht.
 

Fährt vom Münchner Hauptbahnhof direkt zum Casino: der Casino-Blitz (Foto: Claudia Donald)

Fährt vom Münchner Hauptbahnhof direkt zum Casino: der Casino-Blitz (Foto: Claudia Donald)

Am Empfang erfrage ich, warum es an jedem Tisch mindestens zwei Croupiers gibt. „Sie werden alle zwanzig Minuten ausgetauscht“, sagt ein junger Mann. Konzentration sei gefragt und Geldgeschäfte müssten schnell abgeschlossen werden. Walter, der bereits seit über dreißig Jahren für Casinos arbeitet, erklärt: „Ich habe schon viele Betrugsversuche gesehen. Leute klebten sich früher doppelseitiges Klebeband auf die Hände und taten so, als ob sie setzten. Stattdessen nahmen sie sich gesetzte Chips. Heute haben wir dafür Kameras und zusätzliche Croupiers.“
 
 Nachdem die meisten Leute mit großen Scheinen rumwedeln, wage ich mich noch nicht an den Roulette-Tisch. Ich begebe mich in den unteren Automaten-Bereich.
 

Von wegen Ka-Ching!
 
 Es riecht nach Wiener Würstchen, die nur hier unten angeboten werden. Ebenso Leberkäse, beides für je 3,50 Euro. Ungefähr 125 Spielautomaten stehen zur Verfügung. Reizüberflutung. Ich bin verwirrt. Trotzdem ist es seltsam ruhig. Schließlich frage ich einen der Automaten-Pagen: Alles läuft über Karte, kein Kleingeld wird mehr verwendet. Auf meine Bemerkung hin, dass dadurch der „Kick“ verloren gehe, meint er: „Wir Pagen sind froh. Früher mussten wir säckeweise Kleingeld tragen. Ein Automat schluckte gern sieben Kilo an Kleingeld. Bei fünf bis sieben Säcken auf einmal, kommt man schon ins Schwitzen.“
 
 Ich versuche mein Glück und lade meine Karte mit 50 Euro auf. Der alte Slot-Automat, der drei gleiche Symbole in einer Reihe anzeigen soll, ist verjährt. Jetzt sind es bis zu 50 Reihen, die Kombinationen machen den Gewinn aus. Höhere Gewinnchancen, aber auch höhere Einsätze. Da wird aus einem Fünf-Cent-Einsatz bei zehn Reihen gleich mal ein 50-Cent-Einsatz pro Umdrehung.
 
 20 Euro sind innerhalb 20 Minuten verspielt, der Kick bleibt aus. Die Kontostandanzeige auf dem Monitor ist unsexy und animiert nicht zum Weiterspielen. Immer nur einen Knopf zu drücken auch nicht. Frustration breitet sich in mir aus. Da sehe ich das Automaten-Roulette. Der Unterschied zum „Großen Spiel“: Hier kann man auch Cent-Beträge setzen. Denis, am Automaten neben mir, erklärt, warum er nicht oben spielt: „Hier ist es anonymer, man hat mehr Ruhe.“ Verständlich. „Ich setze mir ein 500-Euro-Limit pro Woche“, meint er. Sein Guthaben beträgt aktuell 347 Euro. Meine restlichen 30 Euro auf der Karte sind innerhalb von 15 Minuten weg. Der kleine Adrenalin-Kick ist nur von kurzer Dauer, Glücksgefühle stellen sich überhaupt nicht ein.
 
 Ein Casino – zwei Welten
 
 Es sind zwei Welten. Während oben Frauen in der großen Minderzahl sind, machen sie unten gut 50 Prozent aus. Es sind „Golden Girls“, meist sind sie im Rentenalter. Oben gibt es die großen Einsätze, unten die kleinen. Hoch verlieren kann man jedoch überall.
 
 Zurück beim „Großen Spiel“. Es ist voller geworden, an den Tischen sind rund 250 Gäste versammelt. „Am Wochenende kommen bis zu 700 Spieler. Heute gibt es aber keine Spaßspieler, nur Spieler“, erzählt mir der Page. Ob er viele geplatzte Träume gesehen habe, frage ich Ben, den Barmann. „Ich habe hier schon einige gesehen, die in zwei Stunden zwanzigtausend Euro verzockt haben. Das sind meistens Araber. Doch die kommen erst um Mitternacht.“ Die Angestellten selbst haben Spielverbot. Aber er drängt mich: „Spiel doch einfach mal!“ Mein Rückgeld gibt er mir in Form eines 5-Euro-Jetons.
 
 Es sind noch 40 Minuten, bevor der letzte Bus um 23.41 Uhr nach München fährt. Mein Limit habe ich verworfen. Zusätzliche 50 Euro will ich einsetzen, diesmal kaufe ich mit Bargeld Jetons. Eigentlich will ich es langsam angehen. Doch sobald die Kugel rollt, verändert sich etwas in mir: Der Kick ist da. Und obwohl ich nur selten – und dann auch nur kleine Beträge – gewinne, fühle ich eine Art Glück. Einen kleinen Glücksrausch. Die Zeit vergeht nun rasend schnell und innerhalb von 15 Minuten ist das Geld weg. Ich bin nicht enttäuscht, dass es futsch ist, sondern eher, dass der Bus schon so bald fährt. Ich will weiterspielen. Doch zum Glück siegt die Vernunft und ich lasse meine Kreditkarte im Portemonnaie.
 
 Als ich den Raum verlasse, treffe ich die Dame aus dem Bus wieder: Sie hat nur zehn Euro verloren. Mein letzter Blick fällt auf die ältere Frau in der Jogginghose. Sie scheint den Roulette-Tisch den ganzen Abend lang nicht verlassen zu haben. Sie setzt erneut auf Rot. Und verliert.