25 Jahre Umwelt-Akademie e.V.
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Pressekonferenz der Umwelt-Akademie e.V. am 20.Oktober 2015

Interview mit Dr. Peter Grassmann

Ökosoziale Marktwirtschaft für die zukünftige Generation

Was bewegte Sie ganz persönlich, sich bei der Umwelt-Akademie ehrenamtlich einzubringen? Gab es ein Schüsselerlebnis oder einen konkreten Anlass?
 Die Medizintechnik ist ein besonders exportstarker Wirtschaftszweig und so brachte mich meine Funktion als Technischer Vorstand der Medizintechnik der Siemens AG mit den Schwächen der Marktwirtschaft und auch der Demokratie in fast allen Ländern der Welt zusammen. Die Idee eines besseren Systems beschäftigt mich seit Anfang meiner Berufszeit. Der Kern meines Buches „Plateau 3“ ist die Forderung nach stärkeren politischen Vorgaben für das Engagement der Wirtschaft in nachhaltig fairen Handel. Dies ist nur mit stärkerer bürgerlicher Mitsprache und direkter Demokratie durchzusetzen. Darüber sprach ich mit dem Gründer der Umwelt-Akademie, Professor Häberle. Er gab den Impuls, dies in einem Buch zusammenzufassen. Als erfolgreiche Führungskraft der Industrie möchte ich natürlich auch unserem gesellschaftlichen System Impulse für eine Evolution zu einer nachhaltigen Gesellschaft liefern. Die weltweiten Schwächen der Marktwirtschaft haben sich heute zu einer Generationenschuld aufgebaut. Aus dem Elternhaus habe ich den Druck des NSDAP-Regimes auf Andersdenkende und Diskussionen aus diesem Blickwinkel über Generationenschuld hautnah erlebt. Heute ist es leichter für jeden, zu handeln, aber die Trägheit und Unentschlossenheit in breiten Teilen der Gesellschaft sind unübersehbar.
 
 Was sehen Sie als die größten Erfolge Ihrer Arbeit in der Umwelt-Akademie?
 Zwar hatte mein Buch „Plateau 3“ nicht den großen Absatzerfolg, aber ich habe von vielen Seiten Komplimente und Ermunterung erfahren. Es unterscheidet sich von anderen Büchern, da es die Beschreibung von Problemen mit Lösungsansätzen für die Marktwirtschaft und die Demokratie kombiniert. Gerade die Pflicht ganzer Wirtschaftszweige zu einem verbindlichen Wertekodex ist heute nur zu erzwingen durch bürgerliche Mitbestimmung. Klar, dass ich ein strikter Gegner der TTIP- und Ceta-Abkommen bin. Ich bin zufrieden, wenn ich sehe, wie die Gesellschaft mehr und mehr das Thema nachhaltiger Verantwortung in Wirtschaft und Politik aufgreift. Ich bin allerdings unzufrieden, dass die politische Klasse die Priorität dieser Verantwortung trotz einer starken gesellschaftlichen Bewegung einfach nicht
 wahrnehmen will.
 
 Was stellt Sie in Ihrer Arbeit bei der Umwelt-Akademie vor neue Herausforderungen?
 In den letzten Jahren sind die zunehmende Arm-Reich-Schere und die Zunahme von Gruppenegoismen immer deutlicher geworden. Hier geht es nicht nur um die Unternehmen und deren Verbände, sondern auch um die Gewerkschaften, die sich den ökosozialen Zielen durch einen überlegteren Umgang mit Wachstum und Ressourceneinsatz stellen müssen. Außerdem fördern sie noch Radikalität und Gruppeninteressen. Um beide Themen wird es in meiner nächsten größeren Veröffentlichungen gehen.
 
 Trägt das Wirtschaftssystem die Hauptverantwortung für den Klimawandel?
 Die Hauptverantwortung liegt zweifelsfrei in unserem marktwirtschaftlichen System. Denn sein kostenorientiertes Grundprinzip fördert die Freisetzung klimaschädlicher Gase als preisgünstigste Lösung und schafft keine Anreize zur Vermeidung. Aber es ist auch ein Versagen der Politik, weltweit strengere Vorgaben zu machen und insbesondere die Emission mit entsprechenden Kosten zu belegen.
 
 Welche Fähigkeiten und Kenntnisse muss ihrer Meinung nach die ideale zukunftsfähige Unternehmensführung mitbringen?
 Man muss heute eine gute Kenntnis aller Gefährdungen durch Ressourcenverbrauch fordern, also die Kenntnis aller klimaschädigenden Gase, die Probleme vom Bodenverbrauch und Bodenbelastung, von Wasserverbrauch und Wasserbelastung und schließlich die Kenntnis der sozialen Probleme der Entwicklungsländer als Voraussetzung für fairen Handel und faire Entlohnung im weltweiten Verbund. Ich erwarte auch ein Engagement für die jeweilige Branche als Ganzes im Verbund mit anderen Unternehmen, in Verbänden und Wirtschaftskammern, um schwarze Schafe der Branche auszugrenzen, gesicherte Qualitäts-Label zu schaffen und einen Ethikkodex der Branche zu definieren, der den Anforderungen ökosozialen Verhaltens der gesamten Branche gerecht wird. Denn nur wenn im Wettbewerb einheitliche ethische Maßstäbe beachtet werden und die Branche als Ganzes sich ökosozial verantwortlich verhält, können wir uns als die ewigen Mahner zufrieden geben.