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Interview mit Sabine Wagner-Rauh

Diplom-Ökotrophologin; Techniker Krankenkasse

Welche päventiven Maßnahmen bietet die Techniker Krankenkasse (TK) derzeit an?

Die Techniker Krankenkasse bietet auf die Bedürfnisse ihrer Versicherten abgestimmte Maßnahmen an. Die Angebote orientieren sich an den klassischen Handlungsfeldern Prävention, Ernährung, Bewegung und Stressbewältigung/Entspannung.
 Bewegungskurse sind Rückenschule, Walking, Aquafitness, Wassergymnastik, präventives Herz-Kreislauf-Training und Wirbelsäulengymnastik. Zur Stressbewältigung und Entspannung bieten wir die klassischen Entspannungsverfahren Autogenes Training und Progressive Muskelentspannung sowie die fernöstlichen Methoden: Hatha Yoga, Qi Gong und Tai Chi. Bei den Kursen zur Stressbewältigung greifen wir auf gut evaluierte Programme, wie „Gelassen und sicher im Stress“ von der Universität Marburg und „Der erfolgreiche Umgang mit alltäglichen Belastungen“ des Münchner Instituts für Therapieforschung zurück.
 Die Ernährungskurse richten sich an die unterschiedlichen Bedürfnisse verschiedener Altersgruppen. So gibt es „Von der Milch zum Brei“ und „Vollwertige Ernährung“, aber auch „Abnehmen, aber mit Vernunft“ und „Ich nehme ab“.
 Unser Angebot im Internet bietet z.B. unter der Rubrik „Fit & Well“ im Kapitel „Bewegung und Sport“ verschiedene Informationen zu Ausdauertraining, Hilfen zur Auswahl einer geeigneten Sportart, Sportverletzungen, einen Walking-Test zur Überprüfung der körperlichen Leistungsfähigkeit, ein Trainingstagebuch und Kontaktadressen zu Sportanbietern.
 So können Versicherte Walking-Kurse im TK-Gesundheitsprogramm belegen und danach mit einem virtuellen Coach weitertrainieren. Dahinter steht ein Expertenteam aus Sportwissenschaftlern, Ernährungswissenschaftlern und Psychologen. Der Coach ist rund um die Uhr erreichbar. Außerdem können sich Versicherte auch in Fitness, Ernährung, gegen Streß, gegen Rauchen und Diabetes coachen lassen.
 

Welche alternativen Heilmethoden werden durch die TK übernommen oder gefördert?

Die TK übernimmt z.B. die Kosten für Akupunktur, Biofeedback, manuelle Medizin, Neuraltherapie und physikalische Therapie. Außerdem bietet die TK ihren Versicherten den TK-Wahltarif „Natur-Arznei“ an. Bei diesem Tarif erstattet die TK 90 Prozent der Kosten für Anthroposophische Medizin, Homöopathie, Kneipp-Therapie und Phythotherapie.

Warum wurden diese alternativen Therapien in das Leistungsangebot aufgenommen?

Die Versicherten der Techniker Krankenkasse fragen häufig alternativen Heilmethoden nach. Doch das Angebot ist unübersichtlich und verwirrend. Nicht alle Heilmethoden halten was sie versprechen.
 Die alternativen Heilmethoden, für die die TK die Kosten übernimmt, haben sich schon bewährt. Zum Beispiel bei der Schmerzlinderung ist die Akupunktur sehr erfolgreich. Die Wirksamkeit der Methode wollten wir unseren Versicherten nicht vorenthalten. Darüber hinaus unterscheidet sich die TK durch alternative Heilmethoden von Mitbewerbern. Wir wollen ein ,Motor' im Gesundheitswesen sein und wirksame Innovationen anbieten.
 

Welche Erfahrungen hat die TK mit alternativen Behandlungsmethoden gemacht in bezug auf das Preis-/Leistungsverhältnis? Wurden Einspareffekte erzielt?

Die Wirkungsweise der Akupunktur wurde durch ein Modellprojekt der TK zusammen mit namhaften Forschern der Berliner Charité und allen Akupunkturfachgesellschaften zwischen 2000 und 2006 untersucht. Dabei standen Spannungskopfschmerz, Schmerzen der Lendenwirbelsäule und Kniegelenksarthrose im Mittelpunkt. Bei dem Modellprojekt handelte es sich weltweit um das erste Projekt, bei dem parallel Wirksamkeit, Therapiesicherheit und Wirtschaftlichkeit der Akupunktur untersucht wurden. Die Kosten-Nutzen-Analyse der Mehr-Ausgaben für die Versicherten, die sich mit Akupunktur behandeln ließen, ergab keine Ersparnis der direkten Kosten. Allerdings wurde festgestellt, dass Akupunktur eine vergleichsweise preiswerte Methode ist, um die Lebensqualität zu verbessern.
 In verschiedenen Bundesländern, leider nicht in Bayern, laufen derzeit Modellprojekte zur Homöopathie und zur anthroposophischen Medizin bei Geburt und bei Depressionen. Die Auswertung steht noch aus.
 

Welche Erkenntnisse hat die TK damit aus therapeutischer Sicht gewonnen?

Bei Akupunktur wurde klar nachgewiesen, dass diese Behandlung bei Schmerzen der Lendenwirbelsäule und bei Kniegelenksarthrose eine ausreichende Evidenz zeigt und somit in der Routineversorgung eine wirksame und sichere Behandlungsmethode ist.
 Gern hätten wir die Wirksamkeit bei weiteren Indikationen untersucht, aber uns waren durch den gegenteiligen Beschluss des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen (G-BA ) die Hände gebunden. Aus den noch laufenden Modellprojekten zur Homöopathie und zur anthroposophischen Medizin erhoffen wir uns ähnliche Erkenntnisse.
 

Alternative Heilmethoden versus Schulmedizin?

Naturheilkundliche Verfahren werden oft als ,Alternativmedizin' bezeichnet. Dadurch entsteht der Eindruck, dass Patienten zwischen schulmedizinischer und naturheilkundlicher Behandlung wählen können. Da sich beide Verfahren jedoch ergänzen können, spricht man heute zumeist von ergänzenden - komplementärmedizinischen - Verfahren. Diese wirken im Sinne einer Reiz-Regulations-Therapie. Das heißt, Reize - wie kaltes Wasser, Nadelstiche oder pflanzliche Substanzen - regen die Mechanismen des Körpers an, mit denen er sich selbst reguliert und Heilungsprozesse in Gang setzt. Die positiven Effekte auf die körpereigenen Selbstheilungskräfte sind der Grund dafür, dass die Naturmedizin vor allem unspezifisch wirkt: Sie beschränkt sich nicht nur auf bestimmte, eng gefasste Symptome, sondern erweist sich bei vielen chronischen Erkrankungen, vegetativen Störungen und leichten, akuten Beschwerden als hilfreich. So wirksam die alternativen Heilmethoden auch sein mögen, herkömmliche schulmedizinische Methoden sollten immer die Basis jeder Behandlung sein.

Was halten Sie von der Idee eines Ärzte-/Therapeuten-Netzwerkes?

Grundsätzlich begrüßen wir die Idee eines solchen Netzwerkes, da der Austausch von Informationen zwischen verschiedenen Professionen nur zum Vorteil unserer Versicherten sein kann.
 In einigen Verträgen zur integrierten Versorgung arbeiten wir selbst mit solchen Netzwerken, zum Beispiel beim Übergang depressiver Patienten aus einer Klinik zur ambulanten Nachbetreuung.
 

Wie beurteilen Sie die Zukunftsperspektive für die gesetzliche Krankenversicherung in Hinblick auf 2009 (Einführung des Gesundheitsfonds)?

Die TK hat sich immer für Wettbewerb ausgesprochen. Nur ein System, in dem Wettbewerb möglich ist, wird Innovationen hervorbringen und Anreize schaffen, um weitere Verbesserungen für Versicherte zu erreichen. Der Kassenwettbewerb um Beiträge kommt 2009 mit der Einführung des Gesundheitsfonds zum Erliegen, denn dann wird es einen einheitlichen Beitragssatz für alle Krankenkassen in Deutschland geben. Die Kassen verlieren dadurch ihre Entscheidungsfreiheit über die Höhe der Beitragseinnahmen. Zusatzbeiträge sind für uns kein Wettbewerbsfeld. Sie sollten vermieden werden.
 Die TK ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts verpflichtet, die Vorgaben der Politik umzusetzen. Deshalb wünschen wir uns Rahmenbedingungen, die die Umsetzung für Versicherte und Krankenkassen erträglich machen. Viele sind sich der Auswirkungen des Fonds nicht bewusst. So müssen zum Beispiel bundesweit von allen gesetzlichen Krankenkassen 50 Millionen Mitgliedskonten zum 1. Januar 2009 eröffnet werden. Aus Bayern, Baden-Württemberg und Hessen wird Geld abfließen, welches bisher für die ärztliche Versorgung im eigenen Bundesland zur Verfügung stand.
 Um die Auswirkungen des Gesundheitsfonds mit all seinen Fehlern nicht direkt spüren zu müssen, plädiert die TK für eine Konvergenzphase. Das heißt, parallel zur Einführung des Fonds soll das bewährte System weitergeführt werden, damit Fehler schneller erkannt und bei der tatsächlichen Umsetzung vermieden werden können.
 Durch die letzte Gesundheitsreform wurden wichtige Weichenstellungen für die Zukunft geschaffen. So wurde die langjährige Forderung der TK nach Wahltarifen gesetzlich ermöglicht. Wir befürchten, dass mit der Einführung des Gesundheitsfonds und der damit einhergehenden staatlichen Reglementierung viele Angebote nicht mehr möglich sind.
 


 
 (Das Interview führten Caroline Alt und Isabelle Henkel.)