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50 Jahre Evangelisches Beratungszentrum

Pressekonferenz am 18. Juni 2008, 11 Uhr

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TelefonSeelsorge in der Zeit – ein Seismograf gesellschaftlicher Entwicklung

Bei der Gründung der TelefonSeelsorge ging es vor allem um Suizidverhütung und Krisenintervention. Die Aufgaben erweiterten sich in den letzten 40 Jahren durch den gesellschaftlichen und technischen Wandel. Ende der 90er Jahre traten neben die traditionelle Familie neue Lebensstile. Singles und Patchworkfamilien nahmen zu. Die Notlagen der anrufenden Menschen ändern sich. Armut, Arbeitslosigkeit und Hartz IV sind zu existenziellen Themen geworden. In der Folge kämpfen Menschen mit Einsamkeit und Beziehungsproblemen. Allein im letzten Jahr wurden fast 31.000 Anrufe entgegengenommen.
 
 Die vermehrte Gebrauch von Handys veränderte das Anrufverhalten. Es wurde schneller und unverbindlicher, mitunter beim Warten auf den Bus oder in der S-Bahn. Die gewohnte Intensität der ausführlichen Gesprächs-beziehung fiel bei dieser Anrufergruppe weg. Dies ist eine neue Herausforderung für die ehrenamtlichen Telefonseelsorger.
 
 Die TelefonSeelsorge wird unterschiedlich häufig in Anspruch genommen. Es gibt Hilfe oder Rat Suchende, die wiederholt anrufen. Andere melden sich ein bis drei Mal pro Tag, weil sie sonst nirgendwo Hilfe finden. Die Telefonseelsorger unterstützen sie, ihren Tagesablauf zu strukturieren, „um die nächsten Stunden, den nächsten Tag, die nächste Nacht zu überstehen,” so die Leiterin des ebz, Gerborg Drescher.
 

Themen:

+ Individuelle Lebensereignisse, dazu zählen psychische (in 2007 rund 10%; 2006 rund 8%; 2004 rund 6%) und
 physische Krankheiten (rund 23%; 2006 rund 21%; 2004 rund 24%) sowie Einsamkeit mit 11% (2006 12%; 2004 rund 10%)
 
 + Soziales Verhalten (Partner, Familie) 30% (2007)
 
 + Geld und wirtschaftliche Fragen (2007 rund 7%; 2006 rund 4%; 2004 rund 3%).
 

Die Zahl der Anrufer im Alter zwischen 60 und 69 hat sich in den letzten beiden Jahren so gut wie verdoppelt (2005: 11 % (ca. 375 Anrufer) von 34.000 Anrufern, 2007: 22 % (663 von 31.000 Anrufern).

Grund für Anrufe:

Am häufigsten rufen Menschen bei der TelefonSeelsorge wegen Einsamkeit oder Problemen in der Beziehung an. Menschen rufen in Krisen an, weil sie nicht mehr weiter wissen oder an Angstgefühlen oder akuten Panikattacken leiden. Psychische Probleme, Angststörungen, Depressionen oder auch nur diffuse Ängste nehmen zu. Es gibt viele Krisen, aus denen sich Persönlichkeitsstörungen entwickeln. Traumatische Erlebnisse, wie schwere Unfälle, Geiselnahmen oder Missbrauch, zeigen sich in posttraumatischen Belastungsstörungen. Dies äußert sich in Albträumen, Panikgefühlen, Depressionen oder Medikamentenmissbrauch. Das Ziel für 2008 ist die fachliche Auseinandersetzung mit neuen Ansätzen der Traumaberatung. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter werden geschult, damit sie Traumata erkennen und Retraumatisierung am Telefon verhindern.
 
 Etwa ein Prozent der Leute rufen mit Selbstmordabsichten an. Den Telefonseelsorgern gelingt es, ihnen wieder den Glauben an ein gutes oder besseres Leben zu geben. Eine anonyme Anruferin bedankte sich: „Sie haben mich bei Suizidgedanken wieder zurückgeholt, haben stundenlang zugehört und waren immer für mich da… Mittlerweile habe ich neuen Lebensmut gefunden; … und meine Probleme sind nicht mehr so groß; trotzdem noch da, aber überschaubar und irgendwie lösbar. Danke, dass es Euch gibt!”
 
 Die Telefonseelsorger vermitteln die Hilfe Suchenden bei Bedarf an die entsprechenden Beratungsstellen weiter. Viele Menschen machen dort gute Erfahrungen und suchen die Stellen wegen anderer Anliegen wieder auf.
 

Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL)

In München liegt die Scheidungsrate bei über 50 Prozent, 20 Prozentpunkte mehr als im Bundesdurchschnitt. Die Scheidungssituation stellt eine seelische Belastung für Kinder und Eltern dar. Die Mediation bei Trennung und Scheidung hat zugenommen: Dr. Barbara Alt-Saynisch vom ebz hat an dem Münchner Modell zur Trennung und Scheidung mitgewirkt. Im Rahmen des Münchner Modells wird hochstrittigen Paaren beim Gerichtstermin eine Beratung empfohlen. Ziel ist es, schnell zu einer einvernehmlichen Lösung, insbesondere bei Sorge- und Umgangsfragen, zu gelangen. Das Wohl des Kindes steht an erster Stelle. Seit einigen Jahren beobachtet das ebz, dass vermehrt „Multiproblem-Klienten” die Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL) aufsuchen. Zu ihren Partnerschaftsproblemen kommen gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Probleme hinzu. Im EFL-Beratungsteam kümmern sich drei Dipl.-Psychologen und zwei Dipl.-Psychologinnen, eine Dipl.-Sozialpädagogin, eine Juristin und stundenweise eine Pfarrerin um die komplexen Anliegen.

Erziehungsberatung

In den 90er Jahren traten neben die traditionellen Familien vielfältige Lebensformen. Die Erziehungsberatung hat es nun öfter mit unterschiedlichsten Formen von Eltern-Kind-Familien, Frauen und Männern in Freundschaften und Partnerschaften, alleinerziehenden Müttern und Vätern zu tun. Mehr als 50 Prozent der Haushalte in München sind Ein-Personen-Haushalte. Erziehung findet nicht mehr primär in der Familie statt.

Schwangerschaftsberatung

„Die Schwangerschaftsberatung gliedert sich in die beiden Bereiche Schwangerschaftskonfliktberatung (ungewollte Schwangerschaft) und Beratung rund um Prävention, Partnerschaft, Schwangerschaft, Geburt und Elternzeit”, erläutert die Leiterin Sabine Simon, Dipl. Sozialarbeiterin FH. Hierbei zeichnen sich folgende Trends ab:
 Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nimmt bundesweit ab. Allerdings wirft die immer früher mögliche Pränataldiagnostik (Ultraschall etc.) neue Fragen auf. Soll ein Abbruch bei „falschem” Geschlecht oder bei Behinderung vorgenommen werden? Viele Krankenkassen weigern sich, ein behindertes Kind zu versichern. Das ebz will daher ein Netzwerk von Ärzten und Kliniken schaffen, um Frauen bei einer belastenden Diagnose im Rahmen einer Pränataldiagnostik zur Seite zu stehen. Bei den Beratungen zeigt sich der Leistungsdruck, „dem Kind etwas bieten” zu müssen, jederzeit einsatzbereit und leistungsstark zu bleiben, und entsprechend der eigenen Lebensplanung ein Kind zu „planen”.
 

Pastoralpsychologie

Haupt- und ehrenamtlichen kirchlichen Mitarbeitern bietet das ebz geistliche Beratung und psychologische Unterstützung in Form von Workshops, Supervision und persönlichen Gesprächen. In einem einjährigen Seelsorgeausbildungskurs können sich PfarrerInnen und andere kirchliche Mitarbeiter weiterqualifizieren. Als neuer Ansatz ist die systemische Ausbildung hinzugekommen.