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50 Jahre Evangelisches Beratungszentrum

Pressekonferenz am 18. Juni 2008, 11 Uhr

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Interview

Wenn ein Mensch mir sein Herz ausschüttet, empfinde ich es als wertvolles Geschenk.

Ein Telefonseelsorger spricht über seine Erfahrungen im Evangelischen Beratungszentrum München.

Andreas G., 42 Jahre, ist ehrenamtlicher Telefonseelsorger beim Evangelischen Beratungszentrum in München. Der gelernte Diplom-Kaufmann arbeitet zwei Mal im Monat fünf Stunden in der Telefonseelsorge. Er übernimmt eine Tagschicht und eine Nachtschicht. Die meisten seiner Anrufer sind einsam, haben Sorgen oder sprechen über ihr Trauma. Gerner´s Ziel: Hilfesuchende ein Stück zu entlasten.

F: Welche Sorgen und Krisen sind bei Ihnen die häufigsten im Gespräch?
 
 A: Die Gesprächsanliegen sind sehr vielfältig. Dabei kann es sich um Depressionen oder andere psychische Erkrankungen handeln, Probleme in der Beziehung oder am Arbeitplatz. Das wichtigste Thema, das manchmal auch nur hinter einem anderen vordergründigen Gesprächsanlass durchscheint, ist die Einsamkeit.
 
 F: Haben Sie bei den Gesprächsthemen in den letzten Jahren eine Veränderung gesehen?
 
 A: Ein Thema, das in den letzten Jahren mehr und mehr an Bedeutung gewonnen hat, ist die Sorge um den Verlust des Arbeitsplatzes und die Angst vor dem wirtschaftlichen und sozialen Abstieg.
 
 F: Ein wichtiges Thema, das bei der Telefonseelsorge immer wieder angesprochen wird, sind Traumata. Was genau sind Traumata?
 
 A: Traumata sind belastende Erfahrungen aus der Vergangenheit, die sich noch heute in erheblichem Maße auf uns auswirken. Traumata sind in meiner Sicht nur ein Begriff. Wir alle gehen mit belastenden Erlebnissen unterschiedliche um. Für mich steht der Mensch in seiner konkreten individuellen Situation im Vordergrund. Was braucht er heute von mir? Entlastung? Trost? Ablenkung? Darauf kommt es für mich in erster Linie an.
 
 F: Welche belastenden Erfahrungen kommen immer wieder vor?
 
 A: Was ein Mensch als „traumatisch“, als zutiefst einschneidend erlebt, ist individuell unterschiedlich. Das kann der Verlust eines lieben Menschen sein, der Tod eines Angehörigen, des eigenen Kindes oder eine Trennungserfahrung.
 
 F: Gibt es ein Gespräch, das Ihnen besonders nahe gegangen ist?
 
 A: Es gibt Gespräche, die man noch eine ganze Zeit mit sich herumträgt. Ein Gespräch, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, drehte sich um sexuellen Missbrauch. Es war eine Frau, die entsetzlich darunter litt. Manchmal sind es aber auch nur kleine Sachen, die meistens mit der eigenen Struktur zu tun haben. Besonders wichtig ist mir, dass es nicht immer nur „negative“ Sachen sind, die mich bewegen. Es gibt sehr, sehr schöne Erfahrungen und sehr intensive Begegnungen, die ich mit Anrufenden teilen konnte. Ich kann für mich sagen, dass es mir nur bei der Telefonseelsorge passiert, dass ein mir wildfremder Mensch mir sein Herz ausschüttet und sich mit mir auf einen so intimen Kontakt einlässt. Und das empfinde ich als sehr wertvolles Geschenk.
 
 F: Wie können Sie als Telefonseelsorger helfen?
 
 A: Das ist eine schwierige Frage. Die Telefonseelsorge bietet keine Therapie. Bei einer Therapie sagt der Therapeut zu seinem Klienten: „So, wir fangen jetzt an, nächste Woche kommen Sie wieder.“ Er kann und muss den Prozess verfolgen und prüfen, ob sich etwas verändert hat. Beim Telefon ist es so: Plötzlich klingelt das Telefon, ich hebe den Hörer ab und „Peng!“ sind wir miteinander verbunden. Dabei weiß ich überhaupt nichts vom Anderen. Was wir haben, ist die kurze Zeitspanne, meist etwa eine Viertelstunde, in der wir uns begegnen können. Und wenn ich aufgelegt habe, weiß ich nicht, ob sich durch unser Gespräch im Leben des Anrufers etwas ändert. Das auszuhalten, muss man lernen. Es ist vielleicht überhaupt fraglich, ob es darum geht, bei dem anderen etwas zu verändern. Manchmal habe ich den Eindruck, dass was wir leisten können, ist das gemeinsame Aushalten von Schmerz und Trauer. Auch im Leiden präsent zu bleiben und nicht auszuweichen. Und das ist schon sehr viel.
 
 F: Hat die Zufälligkeit im Kontakt, von der Sie sprachen, auch Vorteile?
 
 A: Sicher. Denn ich weiß von Anfang an, dass ich anders als ein Therapeut das Gespräch nach dem Auflegen wieder loslassen kann. Ein Therapeut dagegen weiß genau: Nächste Woche geht es weiter an dieser oder an einer anderen Stelle. Ich erlebe dass auch als Entlastung. Und als Chance, denn ich kann mich in dieser kurzen Zeit voll und ganz auf dieses Gespräch einlassen und muss keinen Prozess oder irgend ein Ziel verfolgen.
 
 F: Für Sie ist also jeder Anrufer ganz speziell?
 
 A: Mir ist wichtig, dass ich jeden Einzelnen in seiner ganz persönlichen Situation ernst nehme. Ich vermeide das Schubladendenken. Für mich gibt es beispielsweise nicht: „Aha, dieser Anrufer ist depressiv.“ Für mich geht es immer darum, nicht zu analysieren, sondern zu schauen, was ich für diese Person ganz akut hier und heute machen kann, damit sie ein Stück entlastet wird.
 
 F: Wie werden Sie ausgebildet, damit Sie die Belastung aushalten?
 
 A: Wir erhalten eine einjährige fundierte Ausbildung. Anschließend erhalten wir Supervisionen und bilden uns in Gruppen und auf Tagungen weiter. Im Rahmen der Ausbildung werden wir mit vielen Themen vertraut gemacht, die uns am Telefon begegnen. Dazu zählen Einsamkeit, Suizidalität, Depression, Glaube, Sterben und Partnerschaft. Ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung ist die Selbsterfahrung. Am Telefon bin ich das Werkzeug. Ich kann nur helfen, wenn ich mit meinen eigenen Mechanismen vertraut bin.
 
 F: Wie können andere Menschen die Telefonseelsorge unterstützen?
 
 A: Wir brauchen ideelle Unterstützung. Was wir auch brauchen, sind Spenden. Wir brauchen ausreichende Unterstützung von hauptamtlichen Mitarbeitern und zwar für die Ausbildung, die Supervision, die Fortbildung und die seelsorgerische Begleitung. Bei allen Sparzwängen habe ich manchmal den Eindruck, dass Folgendes noch nicht überall wirklich verstanden worden ist: Spart man bei den professionellen Therapeuten eine Stelle ein, ändert sich „nur“ das quantitative Angebot, die Qualität bleibt gleich. Spart man aber bei der Telefonseelsorge eine hauptamtliche Stelle ein, schlägt das unmittelbar durch auf 120 Ehrenamtliche und die Qualität ihrer Arbeit.