Logo BKE
Pressemitteilung Podiumsgäste Reden Interview Fotos Downloads Clipping
Start  |  Kontakt  |  Impressum

Interview

Jugendliche fassen im Netz schneller Vertrauen

Ein Gespräch über Erfolg und Grenzen der Onlineberatung

Nikola Henze und Annika Klauer, Teilnehmerinnen des Lehrgangs Onlinejournalismus 27 an der Journalistenakademie Dr. Hooffacker & Partner, sprachen mit Christine Sutara von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke). Sutara koordiniert die bke-Erziehungsberatung im Internet. Hier können sich Jugendliche und Eltern unter- und miteinander austauschen und bei Alltagssorgen den anonymen Rat von Fachleuten einholen.

Auch Eltern schätzen den Rat von Pädagogen im Internet,  sagt Christine Sutara Foto: Karin Reitmayer

Auch Eltern schätzen den Rat
 von Pädagogen im Internet,
 sagt Christine Sutara
 Foto: Karin Reitmayer
 

Henze/Klauer: An wen richtet sich die Onlineberatung der bke?
 Sutara: An Mütter und Väter, denen es bisher aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich war, eine örtliche Beratungsstelle aufzusuchen. Und an Jugendliche, die dort erreicht werden sollen, wo sie sich „bewegen“, im Internet.
 
 Jugendliche gehen kaum zu Erziehungsberatungsstellen. Warum öffnen sie sich im Netz?
 Die Jugendlichen trauen sich oft nicht sofort, mit einem direkten professionellen Gegenüber über ihre Probleme und Sorgen zu sprechen. Die Dauer des Vertrauensaufbaus ist im realen Leben wesentlich länger. In der Onlineberatung reduziert sich diese Hemmschwelle durch die gebotene Anonymität enorm.
 
 Ersetzt die Onlineberatung ein Gespräch mit einem Pädagogen?
 Sie ist insofern „Ersatz“, als mit dem Angebot Menschen erreicht werden, die die Hilfe eines Pädagogen im Face-to-Face-Kontakt nicht annehmen wollen oder können. Es gibt − das zeigen die Feedbacks − eine nicht geringe Menge Ratsuchender, die mit der Beratung über das Netz völlig zufrieden sind. Die Onlineberatung kann aber kein Ersatz bei allen Fragen sein, die nur auf der Grundlage einer genauen Diagnose verfolgt werden können oder die den Einsatz von Methoden erfordern, die nur vor Ort durchgeführt werden können, wie psychomotorische Übungen oder heilpädagogische Settings.
 
 Woran erkennen Sie, ob die Onlineberatung „geholfen“ hat? Gibt es eine Erfolgsmessung?
 Es gibt sowohl auf der Jugend- als auch auf der Elternseite ein Feedbackformular. Dort können die Nutzer die bke-Onlineberatungsangebote allgemein bewerten. Ein halbes Jahr nach Abschluss einer Einzelberatung versenden wir ein ausführliches Feedbackformular und erfragen die Meinung der Ratsuchenden über die erfolgte Beratung und die dadurch möglichen Veränderungen. Dieses Vorgehen ist Teil unserer internen Qualitätsentwicklung.
 
 Welche Voraussetzungen bringen die Pädagogen und Psychologen mit, die bei der bke im Netz beraten?
 Die beteiligten Fachkräfte müssen Teil eines Teams einer örtlichen Erziehungs- und Familienberatungsstelle sein. Sie müssen ein abgeschlossenes psychosoziales Studium absolviert haben und eine therapeutische Ausbildung vorweisen können. Des Weiteren sollen sie mindestens fünf Jahre Berufserfahrung in der Erziehungsberatung haben.
 
 Wo sehen Sie die Grenzen der Erziehungsberatung im Internet?
 Es können keine Diagnosen erstellt werden. Und das Eingreifen in eine ernsthafte Gefahrensituation ist uns generell aufgrund der Struktur des Angebotes nicht möglich. Hier verweisen wir an die örtlichen Hilfeeinrichtungen.
 
 Welche Probleme beschäftigen die Jugendlichen am meisten?
 Häufig genannte Probleme sind die schwierige Situation in der Familie nach einer Trennung oder Scheidung oder auch das Thema Mobbing. Die Schulsituation, vom Notendruck bis zur Ungewissheit, einen Ausbildungsplatz zu finden, beschäftigt viele der Mädchen und Jungen. Selbstverletzendes Verhalten ist auch ein häufig genannter Anlass, unsere Beratung zu suchen.
 
 Lehnen Sie auch Anfragen ab?
 Nein, es werden alle Anfragen gewissenhaft und ernsthaft beantwortet. Lediglich Anfragen, die nicht in unser gesetzlich vorgegebenes Leistungsspektrum fallen, wie Auskünfte zum Unterhaltsrecht, können und dürfen von uns nicht beantwortet werden.
 
 Funktioniert es, Jugendliche und Eltern − zwar auf getrennten Portal-Seiten, aber gleichzeitig − zu beraten?
 Die beiden Seiten sind durch das Forum „Offene Tür“ und mit gemeinsam veranstalteten Chats verbunden. Sowohl in diesem Unterforum als auch in den so genannten Eltern-Jugend-Chats findet ein reger und sehr konstruktiver Austausch über die Generationen hinweg statt.
 
 Können Sie besonders gute Erfahrungen schildern?
 Es gelingt erfreulicherweise immer wieder, Eltern, deren Handlungen kindeswohlgefährdend sind, zu motivieren, eine Hilfe vor Ort in Anspruch zu nehmen. Dabei kann es um Überforderung, Vernachlässigung, Verwahrlosung oder Gewalt in der Familie gehen. Auch haben sich schon häuslich belastende Situationen durch den Austausch zwischen Jugendlichen und Eltern auf unseren Seiten entschärft.
 
 Was ist den Usern Ihres Portals am wichtigsten?
 Für die Eltern ist die Beratung unter vier Augen, aber auch der Austausch im Forum wichtig. Die Jugendlichen hätten am liebsten einen rund um die Uhr geöffneten Chatraum, um zu kommunizieren.